Dienstag, 5. Juli 2022

Depression


Als das Magazin der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit der Schauspielerin Nora Tschirner veröffentlichte, in dem sie offen über ihre Depression sprach, reizte das etliche Kommentatoren in den sozialen Medien zu einem Shitstorm. Von "unerträglich weinerlichen Prominenten" war die Rede, von Privilegierten, die "mal ordentlich arbeiten sollen". Davon, dass sich andere Leute "solche Empfindlichkeiten nicht leisten" könnten.

Diese Reaktionen zeigen, weshalb Depression so selten als Krankheit erkannt wird. Sie sind dauernd müde, essen nicht mehr, haben die Freude an allem verloren? Ihre Umgebung sagt Ihnen, jeder habe mal einen schlechten Tag, das ginge vorüber. Sie liegen am helllichten Vormittag im Bett? Sie hören: Jetzt reiß dich ein bisschen zusammen. Unternimm mal was Schönes. Wenn Sie nach zwei Monaten immer noch nicht funktionieren (und wenn Sie eine echte Depression haben, hat Ihr Abstieg in die Dunkelheit nach zwei Monaten gerade erst begonnen), gibt es richtig Ärger. Da haut der Vater mal ordentlich auf den Tisch, die Partnerin droht mit Trennung, der Partner verbringt seine Nächte woanders.

Wer glaubt einem schon eine Krankheit, die man nicht vorzeigen kann wie ein gebrochenes Bein? Die glauben Sie sich ja selber nicht. Sie schämen sich. Sie reißen sich, wie gefordert, zusammen. Sie üben für die Welt ein Lächeln ein, das Ihnen die Muskeln schmerzhaft zusammenzieht.

Ich habe gelesen, dass "Depression" das am meisten gesuchte Stichwort auf Google sei. Der Autor des Berichts fand diese Tatsache erschreckend. Mir macht sie eher Hoffnung. Ein enorm wichtiges Thema, das lange verschwiegen wurde, gerät zunehmend in den Fokus der Medien, denn immer mehr Prominente outen sich als depressiv. Da denkt man mal nach über sich selbst, da recherchiert man. Depressive sind nicht weinerlich, empfindlich oder zickig - sie sind klinisch krank.

Ich bin mit einer depressiven Mutter aufgewachsen und kann der depressionskranken Autorin Ronja von Rönne nur zustimmen: "Jeder, der Depressionen oder Angehörige mit Depressionen hat, weiß, dass es eigentlich ein Vollzeitjob ist. Es ist wahnsinnig anstrengend und kräftezehrend." Ich habe schon zwei Freundinnen in die Klinik begleitet und werde immer wieder einmal um Adressen von Therapeuten gebeten, die zumindest für ein Erstgespräch rasch zur Verfügung stehen. 

Der erste und wichtigste Schritt ist, die Krankheit bei sich klar zu erkennen und zu benennen. Die Heilung beginnt mit dem Mut zur Wahrheit: Ich habe Depression.

 


Ich möchte etwas dazu beitragen, das Verständnis für diese Krankheit zu wecken und die Vorurteile als Fehlurteile zu enlarven. Sehr klar dargestellt und klug formuliert finde ich den Beitrag des Comedian Torsten Sträter. Für alle, die noch meine alte Google-Feed-Nachricht per Mail bekommen, in der keine Videos eingebettet werden, hier (klick) der Link.

Schön auch das Gespräch mit Ronja Rönne in der "Sternstunde Philosophie" des Schweizer Fernsehens; in den ersten dreißig Minuten spricht sie über ihre Depression und ihre Klinikaufenthalte: hier (klick).
 
Jede vierte Frau und jeder achte Mann, so die Statistik, erkrankt mindestens einmal im Leben an Depression. Es gibt eine genetische Disposition für diese Krankheit, aber im Allgemeinen bricht sie erst aus, wenn sie  getriggert wird. Es wundert mich nicht, dass gerade jetzt das Thema Depression so aktuell ist. Wir leben mit einem Mega-Trigger: Erst die Pandemie mit den langen Lockdowns, dann der Krieg, dessen globale Auswirkungen uns erst allmählich bewusst werden. Dazu kommen die bekannten Auslöser im privaten Bereich, vor allem Verlusterfahrungen - Tod, Trennungen, Kündigungen, Umzüge, auch ernste Krankheiten. Und sogar das, was andere Menschen als positiv erfahren, kann Depression auslösen, zum Beispiel eine Heirat oder eine Geburt. 
 
 


In der immer empfehlenswerten Sendung "Nachtcafé" des SWR gab es vor drei Jahren ein intensives Gespräch mit Betroffenen, in der auch von postpartaler Depression die Rede ist. (Ich kenne einige Mütter - meine gehört dazu -, die nach der Geburt ihres Kindes jahrelang unter Depressionen litten und sich nicht trauten, das zuzugeben. Eine Mutter hat sich gefälligst über ihr Kind zu freuen, sonst stimmt etwas nicht mit ihr.) Hier (klick) der Link für alle, die das Video in ihrem Feedreader nicht sehen. 
 
Aber eine Depression muss nicht ausbrechen, wenn man mit den Triggern klug umgeht. Menschen, die eine Disposition zur Depression haben, müssen noch sorgfältiger auf ihren Geist achten als andere. Die negative Spirale, in die uns das gewohnheitsmäßige Grübeln hineinzieht, ist für Depressive gefährlich. Es gibt zahlreiche Wege, diese Falle zu vermeiden. Vielleicht eine Gesprächstherapie, Musik- oder Maltherapie, Yoga, Qui Gong. (Und natürlich die Achtsamkeits-Meditation, sagt die Meditationslehrerin ...) 

Noch einmal hinweisen möchte ich auf meinen Beitrag in ethik heute, in dem ich mich mit der Installation "Zeige deine Wunde" von Joseph Beuys befasse. Depressions-Betroffene brauchen die Gewissheit, mit der Krankheit nicht alleine zu sein. Hier entlang.

Was hilft im akuten Fall? Der Hausarzt ist die erste Instanz. Er wird überlegen, ob ein Klinikaufenthalt sinnvoll ist, eine Medikation, vielleicht eine Psychotherapie. Seien Sie sanft mit sich selbst. Es gibt keinen Grund für Selbstvorwürfe. Sie haben nichts "falsch gemacht", nichts "versäumt". Sie sind krank, und kranke Menschen verdienen Fürsorge. Wenn die niemand anderes geben will oder kann: Sorgen Sie fürsorglich für sich selbst. Und gehen Sie sehr behutsam um mit allen Veränderungen und Erschütterungen in Ihrem Leben. Sie brauchen mehr Stabilität und Sicherheit im Alltäglichen als andere.

Schenken Sie sich schamlos egozentrisch alles, was Freude verspricht, Licht und Farbe in die Seele bringt. Lieben Sie Blumen? Her mit den Blumen! Musik? Gehen Sie ins Konzert! Feiner Tee? Kaufen Sie den besten. Spaziergänge am Fluss? Täglich! Wollen Sie mit einer Katze leben? Im Tierheim wartet man schon auf Sie.

Für andere Menschen sind diese Dinge eine hübsche Bereicherung ihres Alltags. Für Menschen, die eine Disposition zur Depression haben, sind sie lebenswichtig. 

Immer. Ein Leben lang.



1 Kommentar:

  1. Sehr interessant und gut von Sträter gesprochen und berichtet. Ich kenne diese Krankheit von einigen Freunden/Bekannten - und weiß wie tief und dunkel das Loch ist... Ich habe im Leben auch schon öfter diesbezüglich gehört " soll sich zusammenreißen - hat es doch gut - oder: geht es wohl zu gut...." Ignorant der Krankheit gegenüber.

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