Sonntag, 19. Juni 2022

Mauersegler

Rapunzel-Glockenblumen vor Sonnenuntergang, darüber Mauersegler (muss man sich jetzt dazudenken)
 
 
So viel ist wieder möglich. Man könnte ein Outdoor-Konzert besuchen, ein Grillfest geben, in einen Biergarten gehen. Ich aber sitze abends auf dem Balkon und beobachte die Flugspiele der Mauersegler, dieser Sommerboten, die wieder da sind. Zu Gast über meinem Haus für wenige, herrlich volle Sommerwochen. 

Sriii! Sriii! Sie sicheln durch den Abendhimmel, hoch oben im letzten Blau, tauchen tief hinein ins Rosa am westlichen Horizont, lassen sich in atemberaubendem Sturzflug hinunter in den Garten fallen, fangen sich kurz vor dem Boden ab und steigen steil hinauf zu meinem Dach, knapp über meinen Kopf hinweg, mein Haar weht im Luftzug ihrer Flügel. Ein Geschwader Sichelschwänze. Srii!
 
Von der wunderbaren Autorin Helen Macdonald habe ich gelernt, dass Mauersegler zu fliegen beginnen, sobald sie sich aus der Nisthöhle haben fallen lassen, und dann zwei bis drei Jahre nicht mehr damit aufhören. Sie baden im Regen, paaren sich in der Luft und schöpfen im Tiefflug aus Seen und Bächen Wasser zum Trinken. Irgendwann in der Dämmerung steigen sie alle auf einmal in große Höhen auf, wo sie, wie die Biologen annehmen, sanft schwebend in Tiefschlaf verfallen.

Meine Mutter konnte das Wetter vorhersagen an der Flughöhe der Mauersegler. Wenn die Mauersegler besonders tief um unser Haus flogen, murmelte sie: "Morgen wird es regnen", und so war es dann auch. Ich war stolz auf meine schamanistische Mutter, die keine Erklärung hatte für ihre Prophezeiungen. Jahrzehnte später entdeckte ich das Geheimnis: Mauersegler ernähren sich von Insekten, die bei Schönwetter hoch oben fliegen und von einem Tiefdruckgebiet nach unten gedrückt werden. 
 
Ich sitze auf meinem Balkon und fliege mit den Mauerseglern in meine Kindheit hinein. Für mich gab es keine Kinobesuche, Gartenfeste oder Einladungen. An Sommerabenden standen Mutter und Kind an dem kleinen Fenster ihrer Dachwohnung, an dem jeweils nur eine von uns Platz hatte, und sahen den Abendflügen der Mauersegler zu. Flog auch meine stille Mutter in ihre schwierige Kindheit hinein? Wenn ich heute an diese Sommerwochen denke, bin ich getröstet: Meine todtraurige Mutter muss jemanden gehabt haben - ihre Mutter war es nicht, denn sie hatte keine -, der oder die ihr die Wettervorhersage anhand der Flughöhe der Mauersegler beigebracht hat. 

Das, finde ich, ist nicht wenig Glück für ein Kind.

Das kann sogar ziemlich viel sein. 

Bis zum 3. Juli in der SWR-Mediathek zu sehen: Die Fotos von Lothar Schiffler, der die Flugbahnen der Mauersegler sichtbar macht. Hier (klick)
 
 

1 Kommentar:

  1. Liebe Margrit,

    Was für eine berührende Geschichte aus deinem Leben. Danke, das Du sie mit uns teilst.
    Zärtliche Umarmung für die Kinderseelen in Euch.

    Liebe Grüße Ulrike

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