Sonntag, 14. Dezember 2025

Schenkt Bücher!

 

Braucht ihr noch ein Weihnachtsgeschenk? Hier wären zwei Bücher, die ich euch ans Herz lege. (Danke, Robert, dass Du mich an diese wunderbare Autorin erinnert hast.) Die Irin Claire Keegan schreibt eine Prosa von großer Einfachheit, die ich als durch und durch ehrlich empfinde. Sie hat mir zu einer ungewöhnlichen Erfahrung verholfen: Nach dem Lesen von "Kleine Dinge wie diese" (es hat nur 112 Seiten) wollte ich das Buch eines anderen, von mir geschätzten Autors lesen und konnte es nicht. Er erreichte mein Gefühl nicht mehr, seine Prosa erschien mir maniriert und ohne wirkliche Tiefe.

DAS DRITTE LICHT: Wir sind im Irland der 1980er Jahre. An einem heißen Sommertag liefert ein Vater seine kleine Tochter bei dem Ehepaar Kinsella ab, weil die Familie ein fünftes Kind erwartet, und verschwindet, ohne dem Mädchen zu sagen, ob er wiederkommt. Das Mädchen, in Armut und emotionaler Kargheit aufgewachsen, erkennt schnell, dass es hier eine andere Art Zuhause gefunden hat: Es gibt Raum und Zeit zum Denken, Geborgenheit und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Aber die Familie hat auch ein dunkles Geheimnis, das vielleicht erklärt, warum das Mädchen so herzlich angenommen wird. Am Ende des Sommers wird das Kind abrupt wieder zurückgeholt. Erwartet wird vom Vater genau die Tochter, die er abgegeben hat, aber die gibt es nicht mehr. Das Kind ist geliebt und bedingungslos angenommen worden, so etwas verändert einen Menschen für immer. Das kann nicht gutgehen - oder doch?

Claire Keegan erzählt diese kurze Geschichte aus der Sicht des Kindes, in einer ruhigen Sprache, die nichts Kindliches hat. Ein Buch voller Wärme - ein gutes Weihnachtsgeschenk! 

Claire Keegan "Das dritte Licht", aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, ISBN 978-3-96999-199-2, Steidl Verlag, EUR 20,-  

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Auf Englisch: "Foster" bestellen hier (klick). 

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KLEINE DINGE WIE DIESE: Wir befinden uns in der Vorweihnachtszeit in den 1980er Jahren in einer irischen Provinzstadt. Der Kohlenhändler Bill Furlong hat eine Frau und fünf Töchter zu versorgen, die Zeiten sind hart, er arbeitet viel, aber er weiß, es hätte für ihn schlimmer kommen können, als unehelicher Sohn einer Dienstmagd. Er ist zufrieden, oft sogar glücklich, und doch hat er, gerade jetzt in der Adventszeit, das Gefühl, etwas müsste er anders machen. Eines Morgens ist er zu früh dran mit der Kohlenlieferung für das Nonnenkloster auf dem Hügel und macht eine furchtbare Entdeckung. In den folgenden Tagen stellt er fest, dass offenbar jeder in der Stadt weiß, was dort oben im Kloster geschieht, aber jeder hält den Mund, denn der Klerus hat die Gemeinde fest im Griff. Bill Furlong steht vor der schwersten Entscheidung seines Lebens: Soll er als Christ und mitfühlender Mensch handeln und damit wahrscheinlich seine Familie in Gefahr bringen?

Claire Keegan erzählt hier von den Magdalenen-Wäschereien der katholischen Kirche, ein dunkles Kapitel in der irischen Geschichte. Zahllose junge Mädchen wurden zu Opfern, aber mehr verrate ich nicht. Der Gewissenskonflikt, in den Bill Furlong gerät, ist von Claire Keegan so eindringlich gestaltet, dass ihr mitbangen sollt. Ja, dies ist eine Weihnachtsgeschichte - sie liegt gut unterm Weihnachtsbaum, bei wem auch immer. 

Claire Keegan "Kleine Dinge wie diese", aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, ISBN 978-3-96999-065-0, Steidl Verlag, EUR 20,-

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Auf Englisch: "Small Things Like These" bestellen hier (klick). 

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Mittwoch, 10. Dezember 2025

Das Zuwenig

 

Meine Balkonbepflanzung. Hat sich selbst dort hingesetzt. (Bisschen wenig für vierzehn Quadratmeter.)

 

Ich denke in der Zeit der Gaben und üppigen Büfetts über das Zuwenig nach. Nicht über den Mangel auf irgendeinem Gebiet, der dringend behoben werden muss. Sondern über das Zuwenig, das in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen ist.

Vor ein paar Jahren kam ich in den Keller und sah, dass allen Mietern unaufgefordert digitale Stromzähler eingebaut worden waren. Nur mir nicht. Ich rief den örtlichen Netzbetreiber an und erkundigte mich nach dem Grund. Ich erfuhr, dass die Zähler nach dem Stromverbrauch eingebaut werden, in der Reihenfolge von viel nach wenig. Die Letzten werden so ungefähr 2032 drankommen. Die Mitarbeiterin am Telefon kühl: "Sie verbrauchen zu wenig Strom."

Bei der Inspektion vor dem TÜV entdeckte meine Werkstatt, dass meine Bremsen durchgerostet waren. Es wurde sehr teuer. Ich fragte, wie das passieren konnte. Die Mitarbeiterin bedauernd: "Bremsen müssen gebremst werden. Und Sie fahren zu wenig."

Ich habe mir einen Füllfederhalter gekauft. Ich mag seine Sensibilität, das feine Gleiten auf dem Papier, und man muss sehr viel aufmerksamer und langsamer schreiben als mit einem Filzstift. Aber mein Füller verstopfte dauernd und kratzte, anstatt zu gleiten. Ich brachte ihn in den Laden zurück und sagte, ich sei mit ihm nicht glücklich. Die Verkäuferin probierte ihn aus und fand, er sei noch gar nicht richtig eingeschrieben: "Sie schreiben zu wenig."

Im Supermarkt stehe ich ratlos vor den Riesenpackungen, die relativ gesehen viel billiger sind als die kleinen. Im Kühlschrank welkt und schrumpelt regelmäßig etwas vor sich hin, das ich notgedrungen mitnehmen musste, weil es in kleinerer Form nicht zu haben war. Ich bin dankbar für die Erfindung, Reste durch Einfrieren in einem halbwegs essbaren Zustand zu erhalten, zur späteren Verwendung. Mein Tiefkühlfach aber ist voll. Neulich verlangte ich an der Käsetheke drei Schreiben Emmentaler. Die Verkäuferin sah mich an und wiederholte ungläubig: "Drei?" (Ich esse zu wenig.)

Vor ein paar Monaten brauchte ich kurzzeitig Ibuprofen. Ich bat den Orthopäden um die Verschreibung einer kleinen Packung der geringsten Dosis, so 20 Stück. Er sagte, er würde mir die Großpackung mit 60 Stück aufschreiben, denn die sei billiger als die kleine. Nicht relativ, sondern ganz konkret. Ich brauchte fünf Stück, die ich auch noch halbierte. Der Rest altert im Schrank vor sich hin.  

Unsere Gesellschaft ist auf das Viel eingerichtet, und mein Zuwenig ragt in die allgemeine Überfülle wie ein Hindernis, wird selten begriffen und kaum unterstützt. Die Dinge müssen permanent gebraucht und die Lebensmittel schnell verbraucht werden. 

Der Buddhismus kennt die "hungrigen Geister", die einen aufgeblähten Kopf und einen ganz schmalen Hals haben, der kaum Nahrung hindurchlässt. Deshalb schreien sie pausenlos nach dem Mehr, und das Zuwenig ist ein solch hungriger Geist. Es sitzt, unsichtbar, klein und (denke ich mir) grau in unseren Köpfen und flüstert heiser: Nimm die XXL-Packung, sicher ist sicher. Sei eine gute Verbraucherin, nimm das Sonderangebot mit, es ist extra für dich dort aufgebaut. Und gebrauche die so zahlreich, weil günstig, erworbenen Dinge unablässig, halte sie an dein Ohr, nimm sie in die Hand, schiebe sie vor dir her. Schneller! Öfter! Mehr!

Im Weihnachtsstress stolpern die Menschen an mir vorbei, pralle Tüten in den Händen. Vielleicht sind die Tüten so voll, weil sie automatisch und aus Gewohnheit die Doppel- und Dreifachpackungen genommen und sich ausgerechnet haben, wie viel man da doch spart gegenüber der Einzelpackung, die sie eigentlich brauchen. Ich stehe an der Straßenecke und greife besinnlich in meine Tüte mit den gebrannten Mandeln (100 Gramm, die klassischen). Ein Mehr an Konsum will mir zur Zeit nicht gelingen.

(Ich darf nur in keine Buchhandlung gehen.) 

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