Montag, 13. Juni 2016

Was ist Achtsamkeit?



Meinen Artikel zum Thema Achtsamkeit, der im Sonderheft "Achtsamkeit" von Buddhismus aktuell 1/2016 abgedruckt wurde, kann man jetzt in ganzer Länge auf meiner Homepage lesen; hier ist der Link dorthin.

Freitag, 27. Mai 2016

Geh bis an deiner Sehnsucht Rand


Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Lass dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand.

Rainer Maria Rilke

  

Samstag, 21. Mai 2016

Die Welt von oben


Es gibt Tage, an denen ich die Welt von oben betrachten muss. Weil unten auf einmal alles so eng wirkt, zu viele Zäune, Mauern, Häuser. Von allem zuviel. Oben gibt es von allem sehr wenig, das tut mir gut. 1 großer Vogel, der hoch oben im Blau seine Kreise zieht. Am Horizont 1 Burg. 1 Wanderer mit Hund. Die Weinberge: sehr überschaubar. Noch keine Reben und deshalb keine Selbstschussanlagen. Dazwischen fließt was, das erst ein Bach werden will - ein noch nicht erwachsenes Wässerchen. Weit unten in der Ebene schnürt ein Motorradclub über die Landstraße, ihre Mitglieder gleichmäßig aufgefädelt wie eine Kette, jeder Motorradfahrer eine schwarze Perle. Im Osten hinten im Dunst Berge mit Schneemützen. Ich weiß nicht, wie die Berge heißen.

Und das ist die eigentliche, die ganz große Freiheit: das Nichtwissenmüssen und Einfachnurschauendürfen.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Frau Irgang bäckt: der etwas andere Früchtekuchen


Bei den kühlen Temperaturen hier im Südwesten ist ein schmackhafter Winterkuchen zum Tee willkommen. Man nehme:

125 g Mehl
2 TL Backpulver
1 TL Zimt
120 g Rohrohrzucker
80 g feingeriebene Möhren
180 g gemischtes gehacktes Dörrobst (Rosinen, Datteln, Feigen, Aprikosen ...)
90 g klein gehackte Blockschokolade
30 g Kokosflocken
2 Eier
90 g zerlassene Butter

Mehl, Backpulver und Zimt in eine Schüssel sieben, mit Zucker, Möhre, getrockneten Früchten, Schokolade und Kokosflocken mischen. Eier und Butter zugeben. In eine Springform von ca. 25 cm Durchmesser füllen und bei 180° ca. 30 Minuten backen. In der Form abkühlen lassen, dann auf ein Kuchengitter stürzen.

Für den Belag 200 g Frischkäse und 30 g weiche Butter mit dem Handrührgerät glatt rühren. 150 g Puderzucker hinzugeben und alles zu einer luftigen Masse schaumig rühren (dauert ein paar Minuten). 1 TL heißen Zitronensaft einrühren. Den Belag auf dem Kuchen verteilen und nach Wunsch mit gehackten Nüssen und/oder Kokosflocken bestreuen.

Guten Appetit!

Dienstag, 10. Mai 2016

Künstler der Stille #4: Arvo Pärt


Im Jahr 1976 veröffentlichte der estnische Komponist Arvo Pärt nach einer achtjährigen Krise und schöpferischen Pause sein Klavierstück "Für Alina". Was man hörte, war bislang unerhört: Einfachster Dreiklang, reduziert auf das Wesentliche und dennoch von subtiler Komplexität. Sein Freund, der Dirigent Kristjan Järvi, sagt: "Das Besondere an Arvo Pärts Musik: sie ist durch und durch aufrichtig und ehrlich. Es ist der Klang des Lichts, das ausstrahlt. Manche nennen das auch Spiritualität. Ich denke aber, das ist keine dezidiert christliche Spiritualität. Es ist die innere Sehnsucht nach Klarheit, nach Reinheit, die hier ihren Ausdruck findet." Pärt selbst nennt seinen Stil "Tintinnabuli-Stil".

In 1976 the Estonian composer Arvo Pärt returned after a crisis and creative break of eight years to the music world with the piano piece "For Alina": Seemingly simple triads of a subtle complexity. His friend Kristjan Järvi says: "Arvo Pärt's music is utterly honest. It radiates the sound of the light. Some call it spirituality, but I think it is not a Christian spirituality. It is the inner yearning for clarity and purity which is expressed here." Pärt itself calls his style "Tintinnabuli Style".


Pärt musste die Sowjetunion verlassen, lebte zeitweise in Berlin und lebt heute wieder in Estland. Seine Musik wird häufig kritisiert als "zu schön" oder "zu simpel". Aus meiner eigenen Erfahrung als Chorsängerin weiß ich, dass ein Stück von Arvo Pärt vom Chor höchste Präzision verlangt und nicht leicht zu singen ist. Und hören in ihrer ganzen Tiefe kann man diese Musik nur, wenn man sie im Raum der eigenen inneren Stille erklingen lässt. Als Arvo Pärt noch in Berlin lebte, schrieb ich ihm einmal einen Brief über das Verhältnis von Kunst und Spiritualität, das mich damals schon bewegte. Seine Antwort ließ lange auf sich warten und kam dann handschriftlich: "Liebe Frau Irgang, ich nehme Ihren Brief sehr ernst. Ich habe lange nicht geschrieben, weil es so viel zu sagen gibt. Dies heute als vorläufige Antwort." Irgendwann fand ich die Antwort auf meinen Brief in seiner Musik.

Pärt had to leave the Sovjet Union, lived in Berlin and lives today again in Estonia. His music is often criticised for being "too beautiful" or "too simple". As a member of several choirs I know that singing a piece of Pärt requires the singers' absolute precision. As a listener you have to enter the realm of your own inner silence in order to let the music resonate in you. Once I wrote a letter to Arvo Pärt about the relationship between art and spirituality. It took months till he answered with a handwritten piece: "Dear Mrs. Irgang, I take your letter very seriously. I did not write because there is so much to be said. Take this for the time being." One day I found the answer to my letter in his music.

Hier ist der Link zu einer Sendung des Deutschland-Radios zum 80. Geburtstag von Arvo Pärt.

Sonntag, 1. Mai 2016

Frau Irgang kocht: der Nach-dem-Yoga-Teller


Nach der Yoga-Stunde brauche ich etwas Frisches, Leichtes. Da gibt es dann zum Beispiel so etwas: Feldsalat, Karotten, Radicchio, Papaya, griechischer Feta, mit Zwiebeln und Knoblauch gebratene Champignons und in Olivenöl geröstete Croutons aus Vollkornbrot. Dazu Orangen-Senf-Dressing und Kräuter vom Balkon.

Nächste Woche vielleicht mit lauwarmem grünem Spargel oder Shiitake-Pilzen oder Roter Bete oder karamellisierter Birne oder ...

Dienstag, 26. April 2016

"Das verborgene Licht" - Zen aus Frauen-Sicht


Praktizieren und erleben Frauen das Zen anders? Aber ja. In meiner eigenen Zen-Ausbildung war ich erschrocken über die Härte, mit der das traditionelle Zen zumeist gelehrt wird; dort herrscht immer noch ein Samurai-Geist, der völlig überflüssig ist, wie ich heute weiß. In meinen eigenen Seminaren ermutige ich die Menschen (auch die Männer!), auf sich selbst zu hören, auf ihren Herz-Geist und ihren Körper, und sanft und liebevoll mit sich umzugehen. In der Zen-Tradition - wie auch in allen Religionen - wurde die Weisheit von Frauen lange nicht wahrgenommen. Und so ist dieses Buch der Zen-Lehrerinnen Florence Caplow und Susan Moon ein wahrer Schatz: Sie haben in mühevoller Arbeit die Schriften nach der Präsenz von Frauen durchsucht und in ihrem Buch Koans, Geschichten und Gedichte von und über Zen-Frauen gesammelt. Wir begegnen hier wunderbaren Frauen: Sie erwachen beim Kochen oder im Bordell, sie sind rabiate Großmütter, Wandernonnen oder Händlerinnen. Immer sind sie äußerst alltagspraktisch, machen sich gern lustig über Männer, die in Konzepten befangen sind, und sind ein Spiegel für alle, die glauben, das Zen begriffen zu haben.

100 Geschichten erwachter Frauen werden von 100 amerikanischen Zen-Lehrerinnen und Zen-Frauen kommentiert; unter ihnen Joan Halifax, Christina Feldman, Nancy Goldberg, Martine Batchelor. In der deutschen Ausgabe kommentieren zusätzlich 16 deutsche (Zen-)Frauen die Texte; unter ihnen Dagmar Doko Waskönig, Sylvia Wetzel, Anna Gamma und Doris Zölls.

Wir wurden von der deutschen Herausgeberin Ursula Richard gebeten, uns einen Text auszusuchen. Ich habe mich für diesen entschieden:

Chen war eine Laiennonne, die weit herumkam und an viele Orte reiste, um berühmte Meister aufzusuchen. Nachdem sie die Erleuchtung erlangt hatte, dichtete sie folgende Zeilen:

Ganz oben auf den Berghängen sehe ich nur alte Holzfäller.
Jeder hat den Geist des Messers und der Axt.
Wie können sie die Bergblumen sehen,
gespiegelt im Wasser - leuchtend, rot?

Na, was fällt Euch und Ihnen dazu ein? Im amerikanischen Original wird der Text kommentiert von der Umweltaktivistin und buddhistischen Gelehrten Joanna Macy, auf Deutsch zusätzlich von mir. 

"Das verborgene Licht" ist erschienen in der edition steinrich, hat 511 Seiten, die ISBN 978-3-942085-48-9 und sollte in keiner Bibliothek einer Zen-Frau und eines Zen-Mannes fehlen.

Hier (klick) erfahren Sie mehr über das Buch.
 

Donnerstag, 21. April 2016

SWR 2: Allein und doch nicht einsam


"Allein und doch nicht einsam. Vom Glück, nicht immer Gesellschaft zu brauchen"
Feature von Margrit Irgang aus dem Jahr 2010
SWR 2

Zum Beruf der Schriftstellerin gehört es, allein sein zu können - oft über Wochen und Monate hinweg. Oder ist es vielleicht andersherum: Wer gern allein ist, wird Schriftsteller ...?

Ich habe mich mit ein paar Menschen über das Glück des Alleinseins unterhalten, unter anderem mit Bruno Baumann, der immer wieder alleine durch die Wüste wandert.


(Leider nur als Textfassung zu hören; die von mir ausgewählte schöne Musik musste aus rechtlichen Gründen herausgeschnitten werden.)


Einige meiner Features finden Sie in der Rubrik "Rundfunk" in der rechten Spalte.
 

Dienstag, 12. April 2016

Der Kater, der vom Himmel fiel


Vor sieben Jahren hat er mich adoptiert. Stand einfach vor der Terrassentür und wollte hinein. Nun muss man wissen, dass ich eine Dachwohnung habe. Dieser Kater also war vom Himmel gefallen, es gab keine andere Erklärung. Ich hatte jahrelang überlegt, wie ich es schaffen sollte, wieder mit einer Katze zu leben, obwohl ich berufsbedingt viel unterwegs bin und meine Katze niemals in eine dieser Katzenpensionen geben würde. Selbst Betreuungs-Angebote hilfreicher Menschen musste ich ausschlagen - ich hätte unterwegs keine ruhige Minute gehabt. Der Himmel also hatte mich erhört und mir die ideale Katze geschickt: Vom damals neu eingezogenen Nachbarn im Nebenhaus, der auch eine Dachterrasse hat.

Seitdem leben wir in einer amoralischen Dreiecks-Beziehung. Nein, die wird drüben nicht gern gesehen, aber hatten Sie mal eine Katze? Dann wissen Sie, wer unter allen Umständen seinen Willen durchsetzt. Er (der Kater) empfindet mich als würdig, ihm das Bauchfell zu kraulen, ihn mit weicher Bürste zu bürsten und ihm Bällchen zuzuwerfen. Ich fühle mich geehrt. Er hat das schöne große Bodenkissen aus Seide, das ich in monatelanger Arbeit gemacht habe, zu seinem erklärt, liegt, wenn ich am Computer sitze, gern auf meinen Füßen und geht im Sommer hier ein und aus, weil immer alle Türen offenstehen (Freiburg ist die Toscana Deutschlands, Sie wissen schon). Aber der Winter, ach! Noch nie durfte ich mit dem Geliebten Weihnachten feiern, auch Silvester nicht (er hat Angst vor Lärm und liegt vermutlich zitternd drüben unterm Bett). Ja, ich habe alle Probleme, die eine Geliebte eines verheirateten Mannes hat.

Sagte ich schon, dass er eine rosa Schnauze hat und unter dem Bauch kleine braungraue Felltupfen wie ein Baby-Gepard und dass er, wenn er schläft, in ein sanft wimmerndes Schnarchen verfällt und ...