Sonntag, 22. Februar 2015

Sie wird gemalt, oder: Der Sommer, in dem die Freiheit begann


Ich mag es nicht, fotografiert zu werden. Sobald sich ein Sucher auf mich richtet, huscht etwas in mir davon. Etwas, das sich nicht festhalten lassen und vor aller Augen präsentieren will, noch dazu für alle Zeit. Also huscht es davon, und wenn ich Fotos von mir angucke, sehe ich, dass es fehlt. Und weil es fehlt, bin das nicht ich auf dem Foto. Nur vor der Fotografin Isolde Ohlbaum ist es nicht ganz davongelaufen (es lugt in den Fotos, die sie von mir gemacht hat, um die Ecke), denn mit ihr kann man sich über Bücher und Katzen unterhalten, also über die wirklich wichtigen Dinge. (Sie macht auch schöne Fotobücher. Die sieht man hier: www.ohlbaum.de)

Aber in einem Frühling, Sommer und Herbst vor etwa zweiunddreißig Jahren in Irschenhausen: da musste nichts davonhuschen. Das Atelier so still, die Sonne vor den hohen Fenstern, der Geruch nach Farbe, das leise Wischen des Pinsels auf der Leinwand, ich mit der Katze auf dem Schoß, die Füße auf einem warmen Backstein, denn das Atelier war immer fußkalt. Meine Freundin Johanna Kieling malte mich, und ich schrieb währenddessen an meinem dritten Roman. Zwei Künstlerinnen gingen ihrer Arbeit nach in Stille und Versunkenheit. Johanna war aus Berlin nach Oberbayern gezogen, um zu malen, ich hatte gerade alle Sicherheiten aufgegeben, um in München als freie Schriftstellerin zu leben. Jene Monate waren ein Aufbruch in die Freiheit. Die Gegenwart war atemberaubend neu, die Zukunft grenzenlos offen. Und an den Sommerabenden, nach der Arbeit, fuhren wir mit den Rädern hinunter an den Starnberger See, um zu baden.

Die eine zog ins Allgäu, die andere nach Rom, dann in den Schwarzwald. Die Formensprache von uns beiden veränderte sich im Lauf der Jahre. Aber in Johannas Bildern und meinen Texten ist bis heute dieser längst vergangene Sommer zu finden: die Sonne vor den Fenstern, das Wischen der Pinsel, die Stille, der Nachmittagskaffee im Garten und der abendlich leere Badestrand von Leoni. Auch wenn das sonst niemand sieht: Wir beide sehen es. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass kein Glück je verloren geht. Es verändert seine Formensprache und sieht vielleicht manchmal gar nicht mehr nach Glück aus, und doch ist das, woraus es gemacht war, aufgehoben in dem, was jetzt ist.

Was Johanna heute macht, kann man hier sehen: www.johannakieling.de

Mittwoch, 4. Februar 2015

Mittwoch, 21. Januar 2015

"Sure on this shining night"


Musik zum Glücklichsein: "Sure on this shining night" von Morten Lauridsen. Hier in einer hübschen Version des Bel Canto Choir Vilnius. Morten Lauridsen hat dieses Gedicht von James Agee vertont:

Sure on this shining night
Of star made shadows round,
Kindness must watch for me
This side the ground.
The late year lies down the north,
All is healed, all is health.
High summer holds the earth,
Hearts all whole.
Sure on this shining night I weep for wonder wand'ring far alone
Of shadows on the stars.

Ein glückliches Wochenende!

Montag, 19. Januar 2015

Über Flüchtlinge, das Fremdsein und das Frieren in Deutschland


In meinem Vorort sind Flüchtlinge einquartiert, aus Ghana, aus Syrien. Täglich sehe ich eine der afrikanischen Frauen an meinem Haus vorbeigehen. Sie trägt einen dicken Wintermantel, ihr Kind im Kinderwagen liegt unter hoch aufgetürmten Decken, und der etwa Vierjährige trägt Winterstiefel und Skianorak. Sie frieren in Deutschland. Währenddessen laufen auf dem Bildschirm meines Laptop fünfundzwanzigtausend Menschen durch Dresden und verlangen eine schärfere Asylpolitik und die "Pflicht zur Integration". Mich wundert, dass den Demonstranten nicht bewusst ist, dass auch sie Flüchtlinge gewesen wären, wenn ihre Eltern vor den Dresdner Bomben geflohen wären. So, wie meine Mutter Hals über Kopf ihre ausgebombte Wohnung in Frankfurt an der Oder verlassen musste, mit nichts als einem hastig gepackten Köfferchen in der Hand, in dem sich ein wenig Unterwäsche befand, der Kaufvertrag für die Wohnung und der für den VW und ein paar Fotos mit schmalem weißem Rand.

Angekommen in Bayern, war sie ein Flüchtling, und ihr Kind - also ich, die lange nach der Flucht geboren wurde -, galt seine ganze Kindheit hindurch als "Flüchtlingskind". Flüchtlinge wurden mit Misstrauen betrachtet, sie kamen von "drüben". Als meine Mutter eine Wohnung mieten wollte und das mangelnde Bad erwähnte, wandte sich der künftige Vermieter an seine Frau und sagte: "Die Polacken haben doch in ihrem Leben noch nie ein Bad gesehen." Der Berliner Schick meiner Mutter passte nicht zu dieser Aussage; unsere Familien-Eleganz und die Tatsache, dass wir strikt hochdeutsch sprachen, brachte uns schließlich den Ruf ein, hochmütig zu sein. Wir waren Fremde, wir gehörten nie dazu, uns lud man nie ein, über uns wurde hinter vorgehaltener Hand geredet.

Ich empfehle zu diesem Thema das ausgezeichnete Buch des Historikers Andreas Kossert "Kalte Heimat", Pantheon Verlag. Er schreibt u.a. : "Kennzeichnend für die meisten Vertriebenen und viele ihrer Kinder ist ein Gefühl der Wurzellosigkeit. Nirgends fühlen sie sich auf Dauer heimisch. In der Tiefe ihres Herzens sind sie stets fluchtbereit." Er schreibt auch von der permanenten Angst der Flüchtlingskinder, die ihnen übertragen wurde von ihren Flüchtlingseltern. Die einen reagieren darauf mit extremem Sicherheitsbedürfnis, die anderen mit der erwähnten steten Fluchtbereitschaft.

Dieses Flüchtlingsdrama im Zweiten Weltkrieg aber wurde in unserer Gesellschaft verdrängt. Und so kann eine von mir für ihre zeitkritischen Bücher geschätzte Autoren-Kollegin - geboren in Hamburg - hartnäckig behaupten, ich käme "aus der DDR", auch wenn es zu der Zeit, in der meine Mutter floh, nur ein Deutschland gab. Das ist mehr als mangelnde Geschichtskenntnis - das ist Ignoranz und die Fortführung der Verdrängung.

Jeden Tag kehrt die afrikanische Mutter mit Kinderwagen und Vierjährigem wieder zurück von ihrem Ausflug, der sie ich weiß nicht wohin geführt hat. Als Schnee lag, ist der Kleine schier ausgeflippt, so was hatte er noch nie gesehen. Inzwischen hat er einen Scooter. "Pflicht zur Integration"? Sie frieren. Sie sprechen eine andere Sprache, essen anderes Essen, haben andere Vorstellungen von Vergnügen, sie haben sogar eine andere Hautfarbe. Sie werden sich, prophezeie ich, hier nie heimisch fühlen. Aber sie sind, vielleicht zum ersten Mal, in einem sicheren Land, in dem sie keine Angst mehr haben müssen, außer der einen großen Angst: Abgeschoben zu werden.

Vielleicht ist es das, was sich diese Mutter für ihre Kinder wünscht: dass sie keine Angst mehr haben müssen. Und diesen Wunsch können wir ihr doch erfüllen. Den müssen wir erfüllen.

Dienstag, 30. Dezember 2014

Reisende in der Nacht


Search the Darkness

Sit with your friends, don't go back to sleep.
Don't sink like a fish to the bottom of the sea.
Surge like an ocean, don't scatter yourself like a storm.
Life's waters flow from darkness.
Search the darkness, don't run from it.
Night travelers are full of light, and you are too:
don't leave this companionship.
Be a wakeful candle in a golden dish,
don't slip into the dirt like quicksilver.
The moon appears for night travelers,
be watchful when the moon is full.

Rumi

Ich blicke zurück auf mein Jahr und sehe: Es war kein leichtes Jahr. Menschen, die ich kannte, sind gestorben, Freunde sind schwer krank, nette Nachbarn sind weggezogen und ich arbeitete (und arbeite noch immer) an meinem Manuskript über Tod und Sterben. Natürlich gab es auch Anfänge, denn wenn etwas zu Ende geht, beginnt im gleichen Moment etwas Neues. In jedem politisch korrekten Jahresrückblick würde jetzt das Neue gebührend besprochen und der Wunsch nach einem noch besseren Jahr 2015 formuliert werden. Aber ich bin nicht politisch korrekt und außerdem in der dunkelsten Zeit des Jahres geboren: genau in dem Moment, in dem alle Lichter erloschen sind und kein Mensch mehr Lust hat, irgendwas zu feiern. Das prägt. Deshalb will ich am Ende dieses Jahres mit dem Sufi-Dichter Rumi die Dunkelheit ehren.

Don't go back to sleep: Rumi will nicht, dass wir zurückfallen in den Schlaf; er ruft uns sogar auf, die Dunkelheit zu suchen. Aus spiritueller Sicht sind wir ja alle Träumer, welche die sichtbare Welt und mit ihr die eigene begrenzte Persönlichkeit für die Wahrheit des Lebens halten. Deshalb wird die Erfahrung der Erleuchtung im Zen - kensho oder satori - auch "Erwachen" genannt. Wer schläft, befindet sich in Dunkelheit; wir müssen sie also nicht extra suchen, sie ist sozusagen unser normaler Erlebenszustand. Als "dunkel" empfinden wir unsere Ängste, unsere Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, das Gefühl des Getrenntseins vom Ganzen und die zahllosen Verluste.

Rumi sagt nun etwas ganz Schönes: "Reisende in der Nacht sind voller Licht, und du bist es auch." Es ist ein kleines ruhiges Licht, das wir in uns haben; eines von der Art, die man im Scheinwerferlicht auf Bühnen und in greller Schaufensterbeleuchtung nicht wahrnehmen kann. Erst wenn wir uns mutig der Dunkelheit stellen (den Ängsten, der Verzweiflung, den Verlusten ...), sehen wir es. Unser eigenes Licht beleuchtet die Dunkelheit, die jetzt nicht mehr eine schwere, schwarze, scheinbar undurchdringliche Masse ist. Sie erweist sich als lebendig. Mit den Worten von Rumi: "Das Wasser des Lebens fließt aus der Dunkelheit".

Die Dunkelheit ist die Quelle der Kraft. Ich wünsche all meinen Weg-Gefährtinnen und Weg-Gefährten eine gute, sichere Reise durch das nächste Jahr. Und nicht vergessen: Be a wakeful candle in a golden dish. Sei eine Kerze in goldener Schale, die wacht in der Nacht: ein kleiner Leuchtturm für alle Reisenden, die ihr eigenes Licht noch nicht gefunden haben.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Heilige Nacht


(Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass ihnen in den kommenden heiligen Nächten ein klitzekleines Wunder begegnet. Vielleicht singt ein Unbekannter für Sie an einer Straßenecke ein Lied? Vielleicht schenkt ein Kind Ihnen einen Lebkuchen? Vielleicht läuft Ihnen eine kleine Katze zu? So beginnen die guten Geschichten, in der Literatur wie im Leben ...)

"Die Kirche hatte keine Heizung. Die Menschen saßen dicht gedrängt in ihren schmelzenden Mänteln und tropften vor sich hin. Ein erstaunlich guter Kirchenchor sang Es ist ein Ros entsprungen, ein schütterer Posaunenchor blies dazu. Der Ort hatte keine eigene Gemeinde, und der Pfarrer aus dem Nachbarort war etwas in Eile. Um zwei Uhr hatte er den Kindergottesdienst in einer anderen Pfarrei geleitet, in seiner eigenen Kirche würde er die Mitternachtsmette halten. Zwischendurch würde er wohl nach Hause eilen, um seine Familie zu bescheren. Er sprach davon, dass Jesus noch eine echte Familie hatte, während Familien heute häufig Patchworkfamilien seien. Er zitierte C. G. Jung und Freud, ich hatte nasse Füße, und die Frau neben mir in der Bank begann zu husten. Wir sangen alle O du fröhliche, der Posaunenchor blies dazu, und am Ausgang schüttelte der Pfarrer jedem die Hand und wünschte Frohe Weihnachten.

Es hatte aufgehört zu schneien. Ich wartete vor der Kirche, bis alle gegangen waren. Man hörte orgelnde Batterien, ein paar Autos wurden angeschoben. Das Hotel war mit Lichterketten behängt, alle Fenster waren erleuchtet; Weihnachten und Silvester sind auf dem Berg die beste Zeit für den Tourismus. Dort drinnen wurden jetzt Gänsebraten und Kalbsfilets aufgetragen, das Hotel war bekannt für seine Küche. Ich ging langsam aus dem Dorf hinaus, durch den unberührten Schnee. Im Sommer war ich hier durch Wiesen gelaufen, zwischen Kornblumen, Lupinen und Orchideen, die größer waren als ich. Es war absolut still. Jetzt sah ich auch den Himmel, den das Hotel mit seinem gleißenden Licht verdunkelt hatte. Er war sehr hoch. Sehr hoch und schwarz. Und die Sterne, die immer zahlreicher zu werden schienen, während ich schaute, sahen aus wie kleine Löcher, als hätten sich Motten am Himmel zu schaffen gemacht. Ich dachte: Hinter dem Himmel ist das Licht, das hätte der Pfarrer sagen sollen.

Er hätte von Verheißung sprechen müssen, von Gnade, vom Mysterium der Geburt. Er hätte Rilke zitieren sollen, Hölderlin, Eliot, er hätte seine Worte in Licht tauchen sollen und dann in die Luft werfen, damit sie leicht und frei werden und wir den Worten trauen können. Wenn ich mich für Psychologie und Soziologie interessiere, befriedige ich mein Interesse nicht in der Kirche. Ich will an diesem besonderen Ort vom ganz Anderen hören, vom Wunder einer Nacht, in dem etwas atemberaubend neu wurde. Ich will, dass er mir sagt, dass dieses Wunder ein Symbol ist und jederzeit wieder geschehen kann und geschieht. Hier, jetzt, in dir und mir. Und dass ich es erfahren kann, jederzeit selbst erfahren.

Ich sagte es mir also selbst. An einem Heiligen Abend am Rand eines Dorfes auf einem Berg im Schwarzwald, im Schnee unter dem durchlöcherten Himmel."

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag. Hier mehr über das Buch (klick).)

Donnerstag, 18. Dezember 2014

SWR 2: Hochsensibel. Highly sensitive. (2. Teil)


Machen Sie einen Bogen um Weihnachtsmärkte? Sind Menschen in großen Mengen für Sie unerträglich? Wird Ihnen von der Dauerberieselung durch Jingle Bells in Aufzügen und Kaufhäusern übel? Erahnen Sie die geheimsten Weihnachtswünsche Ihrer Lieben und tun Sie alles, sie zu erfüllen? Fühlen Sie sich höchstpersönlich schuldig, wenn sich der Familienfriede an Weihnachten nicht einstellen will? Und freuen Sie sich jetzt schon auf, sagen wir, 17 Uhr am 24. Dezember, wenn die Geschäfte geschlossen und die letzten Weihnachtsbäume nach Hause geschleppt sind und sich die große Stille über die Stadt senkt, diese Stille, in der Sie zu sich kommen und endlich wieder atmen können? Die Stille ist Ihr Lebenselixier? Dann sind Sie vielleicht hochsensibel.

Mein Post zum Thema Hochsensibilität rief ein großes Echo hervor. Das Feature "Reizüberflutet - Hochsensible und ihr Alltag", das im SWR gesendet wurde, ist zu meiner Verwunderung das beliebteste und meist gehörte all meiner Features. Hier ist noch einmal der Link zum Anhören der Sendung. Im Video spricht Elaine Aron, die ich auch für mein Feature interviewt habe, darüber, wie man Hochsensibilität erkennt.

To my readers in the US and Asia I recommend the work of Elaine Aron, American psychologist and researcher of high sensitivity. The video above is in English and a short introduction to this special trait. If you understand German you can hear my radio documentary on high sensitivity which was broadcasted by the German radio station SWR. Just follow this link.

Montag, 1. Dezember 2014

"In der Obhut meines Blicks"


Das Interview mit mir über Zen-Praxis und Achtsamkeit und die Bedeutung dieser Praxis für meine künstlerische Arbeit ist jetzt in voller Länge auf meiner Homepage zu finden: www.margrit-irgang.de

Auf das Bild auf der Startseite klicken, auf der zweiten Seite im Menu "Werk" wählen, dort "Zeitschriften".





Erschienen in "Buddhismus aktuell", Ausgabe 3/2014

Donnerstag, 27. November 2014

Tiziano Terzani: Vom Leben und Sterben

Wahrscheinlich kennen meine Blog-Leserinnen und -Leser diesen Autor schon, wenn auch vielleicht "nur" aus dem Film mit dem wunderbaren Bruno Ganz in der Hauptrolle. In dem Fall empfehle ich: Bitte die Bücher (noch einmal) lesen. Warum?

Tiziano Terzani war Auslandskorrespondent für Asien beim "Spiegel", Gesprächpartner aller Politiker von Rang, Kriegsreporter - ein erfolgreiches Leben, ein glänzendes Leben, ein Leben im Scheinwerferlicht. Aber irgendwann begann er sich zu fragen, ob das nun alles gewesen sein soll. Er nahm eine Auszeit, reiste privat durch Asien und interviewte Heiler und Schamanen, vorerst noch ganz der neugierige, aber skeptische Journalist. Diese Reisen hat er in "Fliegen ohne Flügel" beschrieben. Und dann kam der Bruch in seinem Leben: Er bekam Krebs. "Es ist der Zeitpunkt, da jeder Mensch das tun muss, was richtig ist, und nicht das, was opportun ist."

Was ist "richtig", wenn man eine ernste Krankheit hat? In "Noch eine Runde auf dem Karussell" beschreibt er seine Suche nach Heilung: In der knallharten Schulmedizin, die er irgendwann verlässt; in der Homöopathie, die ihm zu mehr Lebensqualität verhilft, im Ayurveda und bei allerlei obskuren Heilern in West und Ost. Irgendwann begreift er, dass Körper und Geist nicht getrennt sind, beschließt, sich um seinen Geist zu kümmern und landet im Himalaya, wo er Monate allein in einer Hütte lebt. Er findet, was er gesucht hat: den inneren Frieden und einen Einblick in die Ganzheit des Universums.

Nein, Terzani ist kein großer Meister; was er sagt, haben andere seit Tausenden Jahren besser gesagt. Er ist auch ziemlich meinungsfreudig und polarisiert gern. Und doch hat er in Italien eine riesige Fan-Gemeinde von vor allem jungen Menschen. Weil da jemand die Jagd nach Ruhm und Geld als sinnlos erkannt hat und daraus die Konsequenzen zog. Von seinen Kollegen belächelt und verachtet, völlig gleichgültig gegenüber den Urteilen der Welt, die über den "tiefen Fall" des einst so erfolgreichen Journalisten sprach, ging er auf seine eigene Sinnsuche. Der Krebs hat ihn letztendlich das Leben gekostet, aber sein Geist war stärker als der Krebs. Kurz vor seinem Tod zeichnete sein Sohn die letzten Gespräche mit seinem Vater auf; sie sind die Summe eines außergewöhnlichen Lebens, zu lesen in "Das Ende ist mein Anfang".

Per quelli che parlano italiano: qui si trova il sito ufficiale di Tiziano Terzani.

Sonntag, 9. November 2014

SWR 2: Die Weisheit der Ältesten


"In den indigenen Gesellschaften haben die Ältesten ihren Platz: Sie sitzen zusammen und halten Rat. In unserer Gesellschaft hat sich die Lebenszeit enorm verlängert, aber uns fehlt das erweiterte Bewusstsein, das mit ihr Schritt halten könnte. Wir haben mehr alte Menschen als je zuvor, und wir haben einen Planeten, der krank ist und versucht, sich selbst zu heilen. Sehen Sie, warum Älteste heute so dringend gebraucht werden? Aber man wird nicht einfach so nebenbei ein Ältester. Niemand kann das für Sie erledigen - keine Mutter, kein Lehrer, kein Rabbi, kein Priester. Sie müssen diese Arbeit selbst tun."      

 Rabbi Zalman Schachter

Die alten Weisen in den europäischen Märchen erscheinen oft in Gestalt eines Kräuterweibleins oder eines verhutzelten Männchens. Sie leben im Wald oder auf dem Berg, sind also nicht Teil der menschlichen Verwicklungen - und gerade deshalb in der Lage, die Situation zu durchschauen und klugen Rat zu geben. Sie sind auch nie die Hauptpersonen der Geschichten. Sie tauchen auf magische Weise genau dann auf, wenn sie gebraucht werden, und sind, wenn der Prinz endlich die Prinzessin in die Arme schließt, längst verschwunden.

Nur wer sein Ego zurücknimmt, kann Weisheit entwickeln, ein Ältester werden. Und was gehört noch alles dazu?

Ich erzähle es in meinem Feature "Die Weisheit der Ältesten", das ich vor zwei Jahren für SWR 2 Wissen gemacht habe. Mit der Entwicklungspsychologin Judith Glück, Professor Ulrich Rosin und dem Schamanen und Dichter Galsan Tschinag.  Hier können Sie die Sendung hören.