Freitag, 3. März 2023

Unser emotionales Erbe

  

 

Jede Familie hat in ihrer Geschichte mindestens ein Trauma, entstanden durch zum Beispiel Kriegsverbrechen und Wirtschaftsbetrug, Mord, Suizide und ausgegrenzte Familienmitglieder. Wenn diese Traumata nicht bewusst verarbeitet werden, können sie sich in den Nachkommen manifestieren als Depression, Suizid, Angst, Wut oder dem Gefühl der Leblosigkeit. In der Geschichte meiner Vorfahren finden sich etliche unverarbeitete Wunden, und so habe ich mich viel mit dem Thema transgenerationales Trauma befasst. Vor allem wir Deutschen - jede und jeder von uns - tragen unbewusst zwei Weltkriege mit uns herum. Unsere Eltern und Großeltern haben etwas erlebt, das zu schmerzhaft war, um es zu bearbeiten. Sie haben es verdrängt, das heißt, von seiner emotionalen Bedeutung abgespalten. Aber alles Unerledigte lebt im System weiter und will erlöst werden. Es sucht also die Kinder und Enkel heim wie ein Geist und hindert sie daran, ihr eigenes Leben zu leben und ihr Potenzial zu entfalten. 

Wir alle, schreibt die israelisch-amerikanische Psychoanalytikerin Galit Atlas, kommunizieren unbewusst und ungewollt mit unseren Vorfahren. Wir wissen und fühlen Dinge, die uns nonverbal übertragen wurden, ohne ihren Ursprung zu kennen. Wenn wir das Trauma nicht weitergeben wollen an unsere Kinder und Enkel, müssen wir also den Ursprung der familiären Verstrickung finden und stellvertretend für die, die es nicht tun konnten, dem Verschwiegenen eine Sprache geben und es damit erlösen.



Das Buch von Galit Atlas ist soeben erschienen und das Beste, das ich bisher zu diesem Thema gelesen habe. Sie verwebt die Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und eigenen Erfahrungen als Tochter von sephardischen Juden, die in Israel ausgegrenzt wurden. Man glaubt, mitten im Sprechzimmer zu sitzen, und verfolgt in den Gesprächen zwischen Therapeutin und Klient, wie sich allmählich das Muster der transgenerationalen Verstrickung herausbildet. Die Lektüre ist spannend wie ein Krimi.

Galit Atlas erzählt zum Beispiel von Leonardo, der seit zwei Jahren um die Trennung von seinem Partner trauert, obwohl die Beziehung nicht funktioniert hat. Sein Großvater hatte Suizid begangen, und sein Vater war lebenslang verstört, weil er sich die Schuld an diesem Tod gab. Im Verlauf der Therapie findet Leonardo heraus, dass sein Großvater – wie er selbst - schwul gewesen und seinen Geliebten verloren hatte. Die als skandalös geltende Liebe des Großvaters wurde im Familienverbund totgeschwiegen und nicht als Verlust betrauert. Erst dem Enkel fiel die Aufgabe zu, mit seiner Trauerarbeit um den eigenen Partner die Geister zu erlösen.

Das Trauma aufzuspüren ist Detektivarbeit: Scheinbare Zufälle, Träume und Körpergefühle enthüllen allmählich die Geschichte, die sich in ihnen verbirgt. Wer sich für das Thema interessiert, sollte das Buch unbedingt lesen. Galit Atlas "Emotionales Erbe", aus dem Englischen von Monika Köpfer, Dumont Verlag

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Die Nachkriegskinder wurden in den 50er Jahren in Familien hineingeboren, auf denen Kriegserlebnisse und Erfahrungen von Gefangenschaft, Vertreibung und Schuld lasteten. Wie hat sich all das auf die eigenen Lebensmuster ausgewirkt? Ihre Eltern haben als Erwachsene den Krieg mitgemacht, die Väter meist als aktive Kriegsteilnehmer. Die Generation ihrer Kinder begann in den 60er Jahren, unbequeme Fragen zu stellen. War der Vater ein Täter oder Opfer? Diese Fragen wurden fast immer entweder mit tödlichem Schweigen oder empörter Bestrafung der Kinder beantwortet. Viele Kriegskinder spüren in ihrem eigenen Leben bis heute das Trauma, das von den Eltern nicht aufgearbeitet werden konnte. Sabine Bodes Buch ist ein Klassiker und wendet sich explizit an uns Deutsche der Generation, die unmittelbar nach Kriegsende geboren wurde. Sabine Bode "Nachkriegskinder", Klett-Cotta Taschenbuch

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Und wie geht es den Kindern der Nachkriegskinder? Als Friedenskinder sind sie in den Zeiten des Wohlstands aufgewachsen. Es hat ihnen an nichts gefehlt. Die Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen hat mehr Fragen als Antworten: Wieso haben viele das Gefühl, nicht genau zu wissen, wer sie sind und was sie im Leben wollen? Wo liegen die Ursachen für diese diffuse Angst vor der Zukunft? Die Statistik zeigt, dass viele von ihnen kinderlos bleiben. Man weiß heute, dass transgenerationale Traumata bis in die siebte Generation hinein wirken können. Wie viel hat die Verunsicherung der Kriegsenkel zu tun mit dem, was ihre Eltern geerbt und selbst nicht erlöst haben? Sabine Bode "Kriegsenkel", Klett-Cotta Taschenbuch

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Freitag, 24. Februar 2023

Was schön war


Viel Schönes erlebt in dieser Woche: Wieder Grün gesehen. Den linken blauen Socken wiedergefunden und mit seinem Bruder vereint. Im Seminar an drei Tagen Wirsing, Linsen und Kichererbsen vorgesetzt bekommen, und ich habe es überlebt. Ein tolles Buch gelesen (demnächst hier mehr). Eine Anfrage nach einem Artikel zum Thema "Gehirn und Geist" erhalten, und mir ist tatsächlich was eingefallen. Beim Türken ein Baklava gekauft, das schaurig geschmeckt hat, aber sehr hübsch orange war. In einem sehr guten Webinar über ätherische Öle eine aufregende Erfahrung mit der Immortelle gemacht. Mit Monika koreanisch gegessen. Im koreanischen Restaurant einen ungehorsamen Teekessel entdeckt und froh gewesen, dass es auch in Asien Eigenwillige gibt (siehe unten). Siebenundzwanzig E-Mails beantwortet, ohne hinterher flach am Boden zu liegen. Jede Nacht geschlafen wie ein Baby. Mich am Freitag Nachmittag um 14.51 Uhr auf all das Schöne gefreut, das am Samstag und Sonntag in mein Leben spazieren wird. Ich muss aufhören, der Text wird sonst zu lang.




Sonntag, 19. Februar 2023

Zwei besondere Bücher

 


Padre Roque de Guzmán, 50 Jahre alt, führt eine gemütliche Priesterexistenz am Rand von Madrid. Er kennt die Sünden seiner Schäfchen; ein paar Einbrüche und Ehebrüche, die man mit ein paar Ermahnungen und Bußgebeten wieder ausbügeln kann. Eines Tages jedoch betritt ein Unbekannter seinen Beichtstuhl, und dessen Sünde ist nicht harmlos. Schnell wird klar, dass es um Pädophilie geht: Der Unbekannte wird – weil er sich einredet, es sei sein Schicksal – einen kleinen Jungen verführen. Der Padre würde ihm gern vierzig Vaterunser aufgeben und den Kerl wieder loswerden, allein, diesmal funktioniert das nicht. Im Verlauf der Gespräche über mehrere Tage wird dem Padre selbst der Boden unter den Füßen weggezogen, denn das, was der Unbekannte ihm da als vorweggenommene Tat beichtet, erweckt seine eigene Vergangenheit zu verstörendem Leben. Ein atemberaubend spannendes philosophisches Gespräch über Schuld, Sünde und Vergebung entspinnt sich. Und der Schluss ist so überraschend, dass ich kein Wort darüber verliere. Ein unglaubliches Buch. Lesen! Steven Uhly „Die Summe des Ganzen“, Secession Verlag

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1989, an der österreichisch-tschechoslowakischen Grenze. Das Mädchen Malina nimmt Dinge wahr, die andere nicht bemerken. Sie wandert in den Gedanken der Menschen umher, sieht künftige Ereignisse und fühlt sich dem, was ihr geschieht, hilflos ausgeliefert. Für ihre Familie ist sie das "Narrenkastl", sie "spinnt", und natürlich bringt man sie in die Psychiatrie, wo sie, wie alle hoffen, wieder "normal" werden wird. Malina jedoch taucht in die andere Welt ein, in der andere Gesetze herrschen. Sie erkennt etwas Grundlegendes: Alles geschieht gleichzeitig. "Zukunft kommt nicht, Vergangenheit vergeht nicht." Und sie erkennt, dass alles dem Einen Grund entspringt. "Und da alles eins war, war: alles auch ich. Und da alles zeitlos war, war auch ich zeitlos. Sämtliche Menschen, Lebewesen und Dinge bin ich." Thomas Sautner spielt mit dem Thema Grenze. So willkürlich, wie die Grenze zwischen den beiden Ländern gezogen wurde (es gibt nicht mal einen Zaun, Malina kann hin und her spazieren), so imaginär sind die angeblichen Grenzen im Geist zwischen dem, was als Realität gilt, und dem, was vernünftige Zeitgenossen Illusion oder Einbildung nennen. Malina hat das Wissen der alten Weisen und Rishis: Der Urgrund des Seins ist Bewusstsein, das sich in unendlicher Formvielfalt ausdrückt. Dort gibt es keine Zeit und keine Trennung zwischen den Phänomenen. Dieser erstaunliche Roman fasst uraltes spirituelles Wissen überzeugend in poetische Bilder. Ich bin fasziniert. Thomas Sautner "Das Mädchen an der Grenze", Aufbau Taschenbuch Verlag

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Montag, 13. Februar 2023

Rebecca Louise Law

 

 
 
Ich folge der Künstlerin Rebecca Louise Law seit Langem auf Instagram. Mit getrockneten Blüten erschafft sie eine stille und zarte Schönheit, die atemberaubend ist. "We need to simplify things again. We need to look at the beauty in just being."

Bis Ende August zeigt die Kunsthalle München eine ihrer großen Installationen, für die Münchnerinnen und Münchner Hunderttausende Blüten gesammelt und auf Draht gezogen haben. Ich glaube, ich muss in diesem Jahr nach München fahren.

 

 

Dies ist ein ausführlicher Film über Rebecca und ihre Arbeit. Und hier (klick)   ist der Beitrag über die Münchner Ausstellung in der Kultursendung "titel thesen temperamente".

"Leben heißt lernen, Zeit verstreichen zu lassen."

So ein schönes Werk. 


Mittwoch, 8. Februar 2023

Frage


Eine Frage, die unsere Konditionierungen aufbricht und unsere Erinnerungen als trügerisch entlarvt:

 

Heute, in dem Alter, das du jetzt hast, welches immer das ist -

was erkennst du heute als einen Akt der Liebe, das, während es geschah, wie das Gegenteil von Liebe aussah?

 

Donnerstag, 2. Februar 2023

Brigid reitet über Land

 


Man muss den Ahnen vertrauen, sie wussten mehr als wir. Sie sagen uns: Heute beginnt die helle Zeit. Die katholische Kirche nennt den Tag Maria Lichtmess. Offiziell endet heute die Weihnachtszeit; die Tannenbäume, falls sie nicht längst in der Heizungsluft vertrocknet sind, müssen jetzt entsorgt werden. Der 2. Februar gilt als ein Tag der Reinigung, was wahrscheinlich auf die jüdische Auffassung zurückgeht, nach der eine Frau vierzig Tage lang nach der Geburt eines Sohnes als unrein galt, weshalb sie sich anschließend einem Reinigungsritual unterziehen musste. Das kommentiere ich jetzt mal nicht.

Aber auch dieses Fest hat uralte Wurzeln. Im keltischen Jahreskreis ist es die dreifaltige Göttin in ihrer hellen Gestalt als Brigid (wenn Ihr Birgit oder Birgid heißt, ist das Euer Fest), die auf einem weißen Hirsch über das Land reitet, die Samen im Boden aufweckt und die Bäume schüttelt, sodass die Säfte aufwachen und zu fließen beginnen. Auch im alteuropäischen und indischen Jahreskreis war dies eine Zeit der Reinigung, denn die Dunkelheit wurde als unrein angesehen. Die Birke ist der Baum der Brigid, und wer sich mit Birkenwasser gewaschen hatte, konnte leicht und rein in den kommenden Frühling schreiten.

Eine Bauernregel besagt über Maria Lichtmess:  Ist´s an Lichtmess hell und rein, wird ein langer Winter sein. Wenn es aber stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit. Der fabelhafte Wolf-Dieter Storl drückt das viel schöner aus: Anfang Februar "schauen Dachs und Bär aus ihren Höhlen hervor, und wenn sie blinzeln müssen, weil es zu hell und sonnig ist, ziehen sie sich noch einmal für sechs weitere Wochen in die Erde zurück, denn so lange würde der Winter noch halten".

Ich blicke besorgt zum südbadischen Himmel, blinzele in die Sonnenstrahlen, die zwischen den Wolken hervorscheinen, und denke, ausnahmsweise mal beruhigt, dass all die alten Bauernregeln ja längst nicht mehr gelten. Ich habe nämlich bereits vor zwei Wochen die Fußabdrücke der nackten Sohlen der Göttin gesehen, im Vorgarten meiner Nachbarin. Dutzende von ihnen, und sie waren weiß und rein.


Freitag, 27. Januar 2023

Warum alles schwarz sehen?

 

 

Hast du auch das Gefühl, immer in der langsamsten Schlange an der Supermarktkasse zu stehen? Dann ist dieses Video für dich. Die ausgezeichneten youtube-Videos des Journalisten Gert Scobel will ich hier schon lange vorstellen. Stöbere dort doch mal, es lohnt sich. Gert Scobel präsentiert seine anspruchsvollen wissenschaftlichen und philosophischen Themen sehr lebendig und witzig - das ist eine Kunst, langweilig und ernsthaft kann jeder. Und wie cool sind denn all diese Hemden, die er da trägt ...

Inzwischen behandelt er zunehmend auch spirituelle Themen, befasst sich mit Meditation und steht auch dazu, seit Jahrzehnten Zen-Schüler zu sein. Prompt hat ihm das den wohl etwas mäkelig gemeinten Kommentar eines Zuschauers eingebracht: "Scobel wird immer mehr zum Mystiker". In diesem Video gibt er uns ein schönes Koan, den 19. Fall aus dem Mumonkan.

 
Die Blumen im Frühling
Der Mond im Herbst
Im Sommer die kühle Brise
Im Winter der Schnee
 
Wenn unnütze Sachen
den Geist nicht vernebeln
ist dies des Menschen glücklichste Jahreszeit


Für alle, die noch Nachrichten vom alten Google-Feedreader bekommen, der keine Videos einbettet, hier (klick) der Link.


Donnerstag, 19. Januar 2023

Hochsensibilität


Ich bin ja eine bekennende Hochsensible und habe schon viel darüber geschrieben. In der immer sehr empfehlenswerten Sendung "Leute" in SWR 1 war jetzt die Professorin Corina Greven zu Gast, die zum Thema Hochsensibilität forscht. Ich finde das deshalb so wichtig, weil die meisten Ärzte und Psychologen keine Ahnung von diesem Thema haben und uns nach wie vor als Gestörte ansehen, deren besondere Merkmale nach einer Therapie bitte zu verschwinden haben. Ich selbst habe meinem Arzt vor ein paar Jahren einen Stapel Informationsmaterial auf den Tisch gepackt. Er hatte nie vom Persönlichkeitsmerkmal "Hochsensibilität" gehört, aber er ist lernfähig (sonst wäre er nicht mein Arzt) und hat sich eingearbeitet.

Leider kann ich das Video nicht direkt auf den Blog stellen, deshalb hier (klick) der Link zur SWR-Seite. Es gibt ein Audio und, weiter nach unten scrollen, das Video der Sendung.


Samstag, 24. Dezember 2022

Engelische Weihnachten


   

 
Mit Apollo 5, einem meiner Lieblings-Ensembles, und ihrem "The Angel Gabriel" wünsche ich Euch allen ein friedvolles, leuchtendes, engelisches Weihnachtsfest.
 
Wenn wir uns von der Vorstellung freimachen, dass Engel zwingend weiße Flügel haben müssen - wimmelt es dann nicht auf einmal in der Welt von Engeln?
 
Du findest sicher einen. Vielleicht trägt er Gummistiefel und zieht Dein Auto aus dem Graben. Oder sie stellt Dir eine Tüte Lebkuchen und einen Suppentopf vor die Tür, weil Du krank bist.
 
Vielleicht aber - also, nur so als Möglichkeit - bist Du selbst ein Engel und hast das noch gar nicht bemerkt??
 

Mittwoch, 21. Dezember 2022

Wintersonnwende

 


Heute ist die längste Nacht des Jahres. Und ab morgen steigt sie, die Sonne, langsam, aber unaufhaltsam, empor. Wieder einmal haben wir es geschafft. Wieder einmal haben wir die Dunkelheit angenommen, die äußere und die innere. Wieder einmal dürfen wir dankbar sein. Wir sind immer noch da. Wir sind.

Für alle, denen es zur Zeit nicht gut geht - es sind viele -, ein paar Zeilen aus einem Gedicht von Hilde Domin:

Sieh,
die Sonne kehrt
wieder
als goldener Rauch.
Die fallende steigt.
Steigt aus den Dächern Hiobs.
Es tagt
heute
zum zweiten Mal.

Hilde Domin