Montag, 7. November 2016

Herbst-Notizen:wabi sabi


Und wieder ist die Zeit der Farblosigkeit gekommen. Deshalb poste ich hier gern noch einmal meine Betrachtungen aus dem November vor einem Jahr.

Einige Jahre studierte ich chanoyu, den "Weg des Tees", bei uns eher bekannt als japanische Teezeremonie. Dort lernte ich das Prinzip des wabi sabi kennen, das Herz der Zen-Ästhetik. Sabi bezeichnet alles, was mit der Zeit gereift ist und sich vollendet hat. Es hat die Ausstrahlung von Ruhe und Würde, ist gezeichnet vom gelebten Leben, ist vielleicht verwittert und voller Risse. Für das Zen ist sabi der Inbegriff einer Schönheit, die nicht aufdringlich ist, sondern in sich ruht. Wabi wiederum wurde von Teemeister Rikkyu eingeführt als Reaktion auf die Prunksucht der Samurai. Der Teeraum, die Zeremonie und alle Geräte sollten nicht nur sabi, sondern auch wabi sein: schlicht und einfach, geradezu ärmlich.

Der Herbst ist wabi sabi.

Der Sommer prunkte mit einer Überfülle an Blumen, Früchten und Farben. Wir wussten gar nicht, wo wir zuerst hinschauen sollten: Alles war bunt, leuchtend und duftend. Der Sommer ist vorbei und hat sich vollendet im Herbst. Keine prallvollen Apfelbäume mehr - stattdessen eine Handvoll verschrumpelter Äpfel im Gras. Keine wogenden Maisfelder mehr - nur noch ein paar übriggebliebene Körner auf dem Feldweg. Die strahlenden Sonnenblumen sind zu Mönchen geworden; sie senken ihre Köpfe mit den schwarzen Kapuzen fast demütig. Aber dann, unvermutet in einem Hinterhof, ein Ausbruch von Gold, wie der eine goldene Faden in einem abgetragenen Tuch, die eine beim Brennen zufällig entstandene Farbspur in einer alten Teeschale.

Wer jetzt an einem Spätnachmittag, wenn die Nebel am Flussufer aufsteigen, über die Feldwege geht, kann dem Herbst begegnen. Das ist jener ältere Herr, der ein wenig abgerissen und ärmlich aussieht, aber so würdevoll ist und so viel Ruhe ausstrahlt. Es tut gut, sich in der Nähe dieses Herrn aufzuhalten. Man wird ruhig dabei. Und vielleicht ein wenig würdevoll.

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