Montag, 30. September 2013

Sei dir selbst eine Lampe!


"Als Buddha Shakyamuni starb, baten seine Mönche ihn um ein letztes Wort, um einen Hinweis, wo sie nach seinem Tod die Lehre finden könnten. Buddha Shakyamuni soll geantwortet haben: 'Seid euch selbst eine Lampe.'

Ein Künstler des Lebens also zündet sein Lämpchen an, schultert sein (inzwischen sehr leichtes) Bündel und wandert durch seine Tage, unbekümmert um das Wetter oder die Meinung anderer Menschen über ihn. Sein Licht mag bescheiden sein, vielleicht ist es nur der Schein einer funzeligen Taschenlampe. Na und, sagt der Künstler des Lebens, man muss dankbar sein für alles, was man hat. Immerhin reicht der Schein noch aus zu sehen, wohin ich meine Füße setze. So ein Boden kann nämlich tückisch sein, voller Wurzelwerk, unter Laub verborgen; voller unvermuteter Risse im scheinbar festen Asphalt. Und jenseits des Lämpchenscheins kann es sehr dunkel sein, jeder von uns weiß das: sehr, sehr dunkel. Deshalb haben wir volles Verständnis dafür, dass Goethe auf seinem Sterbebett 'mehr Licht' verlangte. Wir sind vielleicht nicht fähig, den 'Faust' zu schreiben, aber wir praktizieren Zen und wissen: Wir können lange darauf warten, dass die Welt oder ein anderer Mensch uns leuchtet. Das einzig verlässliche Licht ist in uns selbst.

Deshalb ist ein Künstler des Lebens ein freier Mensch."

Aus: Margrit Irgang "Wunderbare Unvollkommenheit", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-06281-0, € 9,95
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