Samstag, 9. März 2024

Pinsel-Meditation mit Katze


Ich habe meinen Dharma-Freund Jan-Michael Ehrhardt eingeladen, seine Gedanken zur Tuschemalerei mit uns zu teilen. (Zur Anmerkung: "Chan" ist der chinesische Ausdruck für das, was später in Japan "Zen" genannt wurde. Eine längere Fassung des Beitrags erschien im eiab-Magazin 2023.)
 
Eines Tages stand ich still vor einem Tuschebild eines zeitgenössischen Malers, der in Chan-Art die Mittel aufs Äußerste reduziert. Geriebene schwarze Tusche, mit dem Finger aufgetragen auf weißes Bütten, lässt aus der Leere des Blattgrunds eine angedeutete Landschaft erscheinen, die mich, den Betrachter, wiederum in die Leere führt, heim zu mir selbst. Ich ließ mich ein auf die Spur dieser Tuschemalerei, stand selbstvergessen vor diesem eher kleinformatigen Werk in einer Ausstellung, die alte chinesische Rollbilder in Korrespondenz setzte zu zeitgenössischen Tuschemalereien von westlichen Künstlern, deren Kunst von der ostasiatischen Chan-Malerei inspiriert ist. Dass mich wenig später der Zufall in die Hände eben jenes Künstlers führen sollte, dessen Werk mich derart ergriff, ist eine eigentümliche Fügung. 

Ich habe meinen Shifu (Meister) in der Malerei gefunden, womit sich mir ein neues Dharmator öffnet. Als Xuétú (Lehrling) male ich der Tradition entsprechend fast ausschließlich ein einziges Sujet – ganz im Sinne des Chan reduziert auf schwarze Tusche und wenige spontane Pinselstriche. Mein Sujet ist die Katze. Es könnte auch Landschaft sein, Blumen oder Vögel. Auf das Motiv kommt es nicht so sehr an. Worauf es ankommt, ist die Präsenz, Konzentration, Ausdauer und Kraft (Qi). Die Darstellung muss nicht naturgetreu sein, sie muss wesensgetreu sein, dem Herz-Geist entspringen. Zeugt das Bild vom Kern der Lehre, deutet es auf die Leere? Führt das Bild in die Wesensnatur? Ist der Duktus frei und lebendig? Ist das Bild inspiriert? Das sind entscheidende Fragen. Noch keines meiner bisherigen Arbeiten hält diesem Anspruch zur Genüge stand. Aber es gibt durchaus Augenblicke des Glücks, der Inspiration und des Einsseins. Es ist wie bei jeder Praxisübung: Die Übung selbst ist es, die treu und stetig aufrechterhalten sein will. Dieser gegenwärtige Schritt, dieser gegenwärtige Augenblick ist bereits das, worauf es ankommt. Oder wie Thây sagte: du musst nicht zehn Jahre praktizieren, um ein Buddha zu werden. Jetzt ist der richtige Moment, um ganz da zu sein.

 


Die Bilder spiegeln mir indes wider, wenn ich nicht ganz da bin. Sie zeigen mir, wo ich mich von Absicht leiten lasse, wo ich unaufmerksam bin. Bin ich kraftlos oder müde, so sind auch meine gemalten Katzen kraftlos. Ich merke es oft beim ersten Pinselstrich, wenn ich unkonzentriert, unachtsam, zerstreut bin. Die Tusche lügt nicht. Meine Gedanken hingegen können mich leicht überlisten, mir Dinge einreden und glauben machen. Wird mein Geisteszustand aber auf dem Papier sichtbar, dann kann ich dem Spiegel nicht länger ausweichen. So ist das Malen bei weitem nicht nur Spaß, sondern auch ein zuweilen mühsamer Weg – und je mehr ich sehen lerne, desto unverblümter zeigt mir der Spiegel mein wahres Gesicht. Es gibt Durststrecken und Enttäuschungen, Frustration und Scheitern. In diesen Dingen unterscheidet sich der Weg der Chan-Malerei in nichts von jedem anderen tiefen Praxisweg.

Jan lebt in der Gemeinschaft Friedenshof, wo er auch Malkurse und Meditation anbietet hier (klick). 


 

Montag, 26. Februar 2024

Der Geist erschafft Geschichten


 
Beim Anschauen dieses Bildes fragen sich vermutlich viele: Was ist das? Und stellen Überlegungen an. (Gemüse? Baum? Pflanze? Kann man das essen?) Unser Geist ist so konditioniert, dass er nach Erklärungen verlangt. Die reine Wahrnehmung ohne ein Etikett für das Wahrgenommene ist für ihn schlicht eine Überforderung. Dieses Etikettieren, Benennen, Erklären und mit Bekanntem Vergleichen findet blitzschnell statt; es überlagert die ursprüngliche Wahnehmung im Bruchteil einer Sekunde und macht aus etwas, das nie gesehen wurde und nie wieder auf diese Weise gesehen werden wird, etwas beruhigend Bekanntes, dem wir uns nicht mehr widmen müssen. 

Dabei lässt es der Geist aber nicht bewenden. Aus dem scheinbar Bekannten ("Ach, ich weiß, das ist ein Lauch!") spinnt er in Windeseile eine Geschichte über die Lauchsuppe, die es gestern in der Kantine gab, die uns schon bei Oma nie geschmeckt hat, während der Käsekuchen von Oma sehr gut war, woraufhin uns einfällt, dass Mama bald Geburtstag hat und wir nicht wissen, was wir ihr schenken sollen ...

So verengen wir die Welt auf den winzigen Ausschnitt, den wir schon kennen, haben den Kontakt zum Augenblick verloren und damit die Möglichkeit, über etwas ganz Neues, nie Gesehenes staunen zu können. Wir schützen uns erfolgreich davor, vom Leben überrascht zu werden, denn Überraschungen sind anstrengend: Vielleicht verlangen sie von uns ja, unsere Konzepte, Urteile und Erwartungen aufgeben zu müssen, weil diese sich auf einmal als zu klein und eng erweisen für die Wahrheit des Augenblicks.

In meinen Seminaren bitte ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oft, sich bei der Gehmeditation auf jeweils einen Sinn zu konzentrieren: Beim Hören nur zu hören, den Klang durch den Körper fließen zu lassen und das Gehörte nicht zu kommentieren ("Ist das ein Fink? Nein, doch eher eine Meise.") Beim Fühlen nur zu fühlen, beim Sehen nur zu sehen. Den Geist zu erwischen, bevor er anfängt, eine Erklärung zu liefern und daraus eine Geschichte auszuspinnen, und stattdessen immer wieder zurückzukehren zur ursprünglichen Wahrnehmung.

Wenn ich höre, höre ich. Wenn ich fühle, fühle ich. Wenn ich sehe, sehe ich. Ganz allmählich, ohne dass wir es beabsichtigen, wird unsere Fähigkeit der sinnlichen Wahrnehmung größer, dehnt sich aus, und unsere Sinne nehmen das Ganze wahr, ohne es zu bewerten, zu benennen, zu etikettieren: die Klänge und das Licht, die Bewegung und den Stillstand, das Schwere und das Leichte. Die Welt, wie sie ist. Das Leben.

In diesem Moment, in diesem Raum des Vorsprachlichen, in dem wir die Welt frisch und neu wahrnehmen, können wir erleben, was das Zen "Erwachen" nennt: die Erkenntnis der Verbundenheit und wechselseitigen Durchdringung  all dessen, was ist. Die Erfahrung, dass unser vermeintlich vom Ganzen abgetrenntes Ich keine feststehende Entität ist, sondern mit allem, was ist, mitfließt, sich mit allem bewegt, sich wie alles andere unablässig verändert.

Was also zeigt das Bild dort oben? (Keinen Lauch.) Es zeigt einen Moment der Wahrnehmung von Farben, Texturen und Rhythmen. Etwas, das wir nie zuvor gesehen haben.

Und, in dieser Frische, auch nie wieder sehen werden.



Sonntag, 18. Februar 2024

Jemanden gehen lassen

 

In diesem Buch erzähle ich vom plötzlichen Tod meines Halbbruders Ted, den ich spät im Leben gefunden hatte, erwartungsgemäß auf einem anderen Kontinent, dem unseres gemeinsamen Vaters. Zwei Jahre später liegt er auf der Intensivstation.

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"Ich beuge mich über seinen Mund, er spricht nicht mehr deutlich, vielleicht habe ich mich ja verhört. Ich soll ihm etwas vorsingen? Yes, murmelt er. Ich weiß nicht, welche Musik er liebt; um das zu klären, reichte unsere gemeinsame Zeit nicht aus. Ich habe auch keine Ahnung, ob seine Mutter ihm früher Wiegenlieder gesungen hat, deutsche vielleicht, und ob er solch ein Lied jetzt hören möchte.

'Was soll ich denn singen?' frage ich ratlos.

'Amazing Grace', sagt er.

Amazing Grace, how sweet the sound, that saved a wretch like me. Eines der ältesten Lieder der anglikanischen Kirche, das von der erstaunlichen Gnade erzählt, von Gott gefunden und errettet worden zu sein. Was versteht mein Bruder in diesem Moment unter 'errettet sein'? Glaubt er an das Paradies, an das Ewige Leben? Auch das weiß ich nicht.

Draußen die tropische Hitze des amerikanischen Südens, drinnen die Stille der Intensivstation. Leise blubbert die Infusion durch den Schlauch. Ich beuge mich über das Bett und singe für meinen Bruder zum ersten und letzten Mal Amazing Grace.

Man muss leichten Herzens jemanden gehen lassen können. Ich sah, wie sich in meinem Bruder allmählich die Fäden lösten, die ihn an die Menschen in seinem Leben banden. Er entfernte sich unaufhaltsam, in eine Welt hinein, in die wir ihm nicht folgen konnten. Ich stellte mir vor, in diesem Bett zu liegen, und wusste, ich würde in meinen letzten Stunden jemanden an meiner Seite haben wollen, der damit einverstanden ist, dass ich gehe. Denn jemand, der sich an die Fäden, die mich mit ihm verknüpfen, klammert, weil er Angst hat vor dem Gefühl des Verlusts und der Einsamkeit, würde mich noch einmal fesseln an eine Welt, die ich schon fast verlassen habe. Ich wünsche mir einen Menschen, der sich vor meinem Sterben nicht fürchtet, mich begleitet bis zur letzten Sekunde und mir zeigt, dass es ganz und gar in Ordnung ist, zu sterben."

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Das Buch "Die Kostbarkeit des Augenblicks" gibt es nur noch antiquarisch oder bei mir.