Samstag, 25. April 2020

Das eingesperrte Lächeln


Gestern in meinem Bioladen auf dem Land, in dem ich gerne einkaufe. Er hat nicht so eine riesige Auswahl wie die Märkte in der Stadt, aber ich bekomme dort alles, was ich brauche. Ich gehe dort hin, weil die Atmosphäre so nett ist. In einem Gang ließ mich eine junge Frau weiträumig vorbei, ich dankte mit einem Lächeln. Am Gemüsestand wartete ein Mann geduldig hinter mir, bis ich mich bedient hatte. So aufmerksam. Ich lächelte ihm zu. Draußen warteten in einer Schlange schon weitere Kunden auf meinen Einkaufswagen. Die glückliche Kundin, die ihn bekam, dankte mir. Ich lächelte ihr zu.

Als ich im Wagen die Maske wieder abnahm, wurde mir bestürzt klar: Niemand hatte mein Lächeln gesehen.

Ich habe eine japanische Seele. Händeschütteln ist für mich ein übergriffiger, geradezu brutaler Akt. Aber weil man in Deutschland wie ein Nerd angesehen wird, wenn man sich asiatisch-meditativ verbeugt, lächle ich. Auf der Straße, einfach so, wenn Passanten grüßen oder auch nicht: Ich lächle.

Jetzt hat ein Gesetz mir in wichtigen Situationen das Lächeln genommen. Es lebt weiter, aber hinter dem Vorhang. Es darf nicht raus, kommt nicht mehr dort an, wo es hinwill. Wo es vielleicht gebraucht wird. Vielleicht jemandem den Tag erhellen würde für zwei Sekunden.

Sie haben mein Lächeln eingesperrt.



Kommentare:

  1. Aber man sieht das Lächeln doch in den Augen!

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  2. Geschätzte Margrit
    Ihre Betroffenheit ist für mich mehr als nachvollziehbar. Ich wohne in der Schweiz. Zwei Stunden bevor ich ihren Beitrag gelesen habe, schrieb ich einem alten Freund nach Brasilien: „ ... Das einzige Kränzchen, dass ich unserem BAG (Bundesamt für Gesundheit) im Moment winden kann, ist, dass es während der kommenden Lockerung der Erstmassnahmen auf eine Maskenpflicht verzichtet. Da bin ich schon sehr froh. Da hat der gesunde Menschenverstand dann doch noch durchgeschlagen.“

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    1. Ach ja, die schöne Schweiz. Und ich wohne gar nicht weit weg, aber in einer anderen Welt. Herzliche Grüße über die Grenze.

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    2. Es ist gut, wenn wir die Art unserer Betroffenheit mit Anderen teilen, das schafft Nähe. Mich hat z.B. betroffen gemacht, als ich vor einigen Wochen als Lokführer die Fahrordnung meiner S5 öffnete, - die S5 führt von Zürich über deutsches Gebiet nach Schaffhausen: Mir wurde vorgeschrieben Ab sofort ohne Halt in Lotstetten und Jestetten durchzufahren...

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  3. "Das eingesperrte Lächeln" ist eine wunderbare Geschichte, die mir, einschließlich meiner eigenen Maskenerfahrungen, den Irrtum klarmacht: Japanischen Menschen sind distanziert und unnahbar... Habe ich wohl ein falsches Bild gespeichert.
    Lieben Gruß Marianne

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    1. Die Japaner, die ich kenne, sind sehr freundliche Menschen. Und so höflich, dass sie eher den Blick senken, weil sie Unbekannten nicht zu nahe treten wollen.

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