Mittwoch, 22. Januar 2020

Für Hochsensible: Wohin mit den Blumen?


Manchmal hat man nur ein bescheidenes Blümchen im Herzen, aber was für ein schönes!

Im September habe ich einen Text über Hochsensibilität gepostet - hier (klick) kann man ihn lesen. In ihm habe ich geschrieben: 

"Niemand ist so leidenschaftlich an Menschen interessiert wie ein Hochsensibler oder Introvertierter.
Da stehen wir mit riesigen Blumensträußen in unseren Herzen, bereit, sie zu verschenken. Aber das werden wir - ich weiß, wie vielen es genauso geht - niemals zu erkennen geben."

Jetzt hat Simon einen Kommentar dazu gepostet, der so schön ist, dass ich ihn hier mit seiner Erlaubnis wiedergebe.

***

"Da stehen wir mit riesigen Blumensträußen..." daraus habe ich eine kleine Übung gemacht. Aber was mache ich mit all den Blumen? Abends wären sie vielleicht schon verwelkt. Ich überlegte mir, sie zu verschenken. Jede Blume könnte ein „Ich mag dich“ bedeuten.

Ich probierte es aus, sie tagsüber zu verschenken. Was sich aber leicht anhört, empfand ich als schwierig. Am Abend wurde mir klar, dass der Tag anstrengend gewesen ist. Ich habe im Geiste nur ein paar Blumen verschenkt, an Leute, die ich mag. Alle anderen gingen leer aus, ohne Blumen.

Ein paar Tage später stand ein Besuch im Altersheim an, Demenzabteilung. Da gingen meine Blumen weg wie warme Semmeln. So viele erwartungsvolle Gesichter, die sich über ein Lächeln und eine Begrüßung freuten. So beglückt bin ich noch nie aus dem Altenheim gekommen. (Vielleicht ein Rückzugsort?)

Ein paar Tage später merkte ich, dass ich mit dem falschen Fuß aufgestanden bin. Was für eine miese Laune. Also beschloss ich, mir für jeden negativen Gedanken eine Blume zu schenken. Mittags waren fast alle Blumen weg und die Laune hatte sich gebessert. Die restlichen Blumen schenkte ich den negativen Gedanken der anderen.

Wenn ich darüber schreibe, wird mir klar, wie stark solche Visualisierungsübungen wirken können. Diese Übung machte mir bewußt, wie wichtig es ist, unseren Alltag mit so einer Übung phantasievoll zu gestalten, kreativ zu sein und auf die Intuition zu hören."

Simon
 

Samstag, 18. Januar 2020

Henning Ziebritzki "Vogelwerk"


Die Gedichte von Henning Ziebritzki sind beglückend und verstörend und gehören für mich zum Besten, was in der deutschsprachigen Lyrik zur Zeit zu lesen ist. Am 3. April wird Henning Ziebritzki der vom SWR und dem Land Baden-Württemberg gestiftete Peter-Huchel-Preis verliehen.

Hier (klick) meine Rezension seines Bandes "Vogelwerk" in SWR 2 vom November 2019.

Habicht

Im Wald ist er unsichtbar. Er ist eine Hohlform.
Er fängt dort an, wo du aufhörst. Er schreit
im Verborgenen und schreckt Teile von dir auf, die sagen:
Wir schmecken bitter, verbrannt wie deine Opfer.
Er ist dafür geschaffen, mit einem einzigen tödlichen Griff
ein flüchtendes Gewissen festzunageln, daß es splittert.
Im Herz des Habichts lodern keine Vergleiche.
Plötzlich fällt er lautlos aus der Blätterwand
und wölbt, zwischen zwei Verstecken gleitend, über dir
das Wunderwerk von Schrift auf seiner Brust,
unfaßbar wie ein Evangelium.


Aus: Henning Ziebritzki "Vogelwerk", Wallstein Verlag, ISBN 978-3-8353-3554-7

Freitag, 10. Januar 2020

Wald. Eine Geschichte.


… aber während sie weiterging, stetig geradeaus auf das Ende zu, weil das die einzige Richtung ist, die Leben nehmen kann, spulte sich in ihr etwas ab, das zu straff aufgewickelt gewesen war, ein Knäuel ineinander verdrahteter Erfahrung, eine Last, die sie schon lange nicht mehr tragen wollte. Im Voranschreiten sammelte sie nichts mehr ein und an, vielmehr verlor sie etwas mit jedem Schritt, sie hatte das Gefühl, Schnipsel hinter sich zu verstreuen, Fetzen vergangener Gefühle, Bruchstücke alter Gedankengebäude, vielleicht würde man sie über kurz oder lang wegen Umweltverschmutzung verklagen, aber als sie sich umwandte, sah sie nichts als den Weg, den sie gegangen war.

Sie war jetzt so leicht, dass sie lautlos durch den Wald gehen konnte, kein Zweig knackte unter ihrem Schritt, die Tiere flohen nicht vor ihr und erkannten sie an als ihresgleichen. Noch nie war sie so weit in den Wald gegangen, in sein tiefes dunkles Herz, das hätte sie nie gewagt, früher, aber jetzt wusste sie, dass sie sicher war bei den Tieren. Die Stille des Waldes heilte sie von etwas, das sie nie als Heilungsbedürftig wahrgenommen hatte. Diese Stille war nicht die Abwesenheit von Geräuschen, denn es raschelte, rauschte und knisterte um sie her; es war die Abwesenheit von Beurteilung und Bewertung, von Meinung und Überzeugung, ihrer eigenen und die der anderen. Die Sprache des tiefen Waldes war nicht die der Menschenwelt, und sie verstand sie sofort, obwohl niemand sie je die Sprache gelehrt hatte ...


... und während sie weiterging, durch die Dunkelheit zwischen den Stämmen hinein in einen hellen Schimmer, wurde sie noch leichter und kleiner. Die Stämme waren jetzt sehr hoch, sie stolperte über Wurzeln, und dann trat sie in den Schimmer ein und erkannte den Silberwald, den sie schon oft gesehen hatte, in einer Zeit namens Vergangenheit, aufbewahrt an einem Ort, den die anderen Erinnerung nannten. Sie konnte sich nach Belieben an diesen Ort begeben, auch wenn sie ihn eigentlich nicht mehr brauchte. Sie hatte den Silberwald einige Male durchschritten, sie wusste, man muss ihn ganz durchschreiten, in ihm gibt es keine Seitenwege, und das Durchschreiten war, wie sie sich erinnerte, nie leicht gewesen. Auch jetzt war es kalt, alles war zu Eis erstarrt, und wieder war sie versucht, eine Abkürzung zu suchen, aber sie wusste: Erst wer den Silberwald durchschritten hat, erreicht die Lichtung, an dem die Schatten nicht mehr bedrohlich sind, sondern so notwendig und schön wie das Licht, weil die Natur beide braucht, um ein Kunstwerk zu erschaffen, die Kalligrafie der Landschaft ...


... und sie trat aus dem Wald, sah sich um und erkannte den Kreis, den sie abgeschritten hatte, so viele Jahrzehnte lang. Der Kreis war fast geschlossen, aber noch nicht ganz. Er hatte eine Öffnung wie die Kreise der Zenmeister, diese Symbole der Ganzeit, die dennoch fast unfertig wirken, weil alles fest Geschlossene gefährlich ist, sei es ein Urteil, eine Ansicht oder ein Lebensentwurf. Sie wusste, sie würde noch einmal hindurchgehen durch die Öffnung in die Welt der Menschen, was aber kein Zurückgehen sein würde, auch nicht wirklich ein Weitergehen, vielleicht einfach ein Fließen mit Wind und Wetter, ein Wandern mit Sonne und Mond. Sie war jetzt so leicht, dass sie einverstanden war, mit nichts Bestimmtem, mit nichts, das sie hätte benennen können, aber sie war es, ruhig und einverstanden ...

(Da ich gefragt wurde, ob der Text von mir ist: Ja, ich habe ihn (auf-)geschrieben. Aber es waren die Fotos, die mir die Geschichte erzählt haben. Also ist der Text vielleicht nicht direkt "von mir" - und die Fotos sind es eigentlich auch nicht, denn die "mache" ich nicht, ich empfange sie nur ...)

Dienstag, 31. Dezember 2019

Das "neue" Jahr und das "Glück"


Bei meinem Fotospaziergang entlang der Kleingärten um die Ecke fand ich neulich das Glück. Es sah etwas mitgenommen aus, sogar sehr, überhaupt nicht mehr frisch. Nun ja, es war halt alt. So alt, wie jedes Glück ist, sobald der eine strahlende Glücksmoment vergangen ist. Sofort fängt das Glück an zu rosten. Das fühlt sich nicht gut an. Der Moment, der das Glück gebracht hatte, hat es wieder mitgenommen, und mit dem Glück auch unser Glücklichsein. Das klebte nämlich am Glück, die beiden waren siamesische Zwillinge, solche kann man nicht trennen. Also muss schnell ein neues Glück her, glänzend, unverbraucht, das neues Glücklichsein mit sich bringt und hoffentlich länger hält als das alte.

Deshalb wünsche ich niemandem "viel Glück" im "neuen" Jahr.

Ich wünsche stattdessen die Neugier und die Entschlossenheit, das Glücklichsein zu erforschen. Wie fühlt es sich an? Wovon hängt es ab? Von etwas, das nach allgemeiner Überzeugung als "Glück" angesehen wird, ein Etwas, das man herstellen, erwerben, kaufen, klauen oder imaginieren kann und das, wenn unsere Bemühungen es nicht herbeizaubern, hoffentlich geschenkt wird von einer höheren Instanz - der Erbtante, dem Chef, dem Himmel? Und wenn das Glück kurz aufgeblitzt ist (funkelnd neu!) und im nächsten Moment aussieht wie ein in verrostetes Stück Eisen - wo ist das Glücklichsein dann? Weg? Noch da? Warum? Wie lange bleibt es? Kann es sein - solange ich will?

Es gibt kein "neues" Jahr. Es gibt nur diesen Augenblick, der immer neu ist. Es gibt Kalender-Zeit und Uhr-Zeit (okay, wichtig für das Bewältigen des Alltags), und es gibt die Zeitlosigkeit des immer neuen Augenblicks, in dem sich alles, innen und außen, um jeweils eine Winzigkeit neu ordnet. Nie war er vorher da. Nie kehrt er wieder. Jeder Augenblick: funkelnd neu und glänzend.

Ich wünsche Euch allen - Glücklichsein ...