Samstag, 14. März 2020

Reisen in Zeiten von Corona


Vor einem Jahr um diese Zeit bereitete ich meine Reise nach Japan vor. Jetzt reise ich an den Ozean vor meinem Haus. 

Ich lebe in einer heiklen Gegend. Das Elsass, eines der Hochrisikogebiete für den Virus, ist nur 20 km von mir entfernt. Aus mehreren Gründen gehöre ich zur Gruppe mit dem höchsten Risiko. Deshalb ist es mir sehr recht, dass ab heute in Freiburg alle Schulen, Volkshochschulen, Kitas, Museen, Theater, Bäder, Kirchen, Konzertsäle, die Unibibliothek und die Universität geschlossen sind und die Uniklinik und Altenheime ein Besuchsverbot erlassen haben. Dass Sportveranstaltungen ausfallen und sämtliche Zusammenkünfte jeder Art - auch private Feiern - mit mehr als 50 Personen untersagt sind (leider fallen darunter auch die Konzerte Ende März meines Chores).

Aber jetzt zum Erstaunlichen. Ganz süß finde ich die Aufforderungen an die Jungen, für Menschen wie mich einzukaufen, damit ich zu Hause bleiben kann. Und so viele wollen das unbedingt machen! Ich habe gehört, dass arbeitende Eltern untereinander Kinderbetreuung organisieren und dass für Arbeitnehmer, die ihre Arbeit verloren haben, gesammelt wird. Unter dem Hashtag #andratuttobene (alles wird gut) teilen die in Quarantäne zu Hause lebenden Italiener ihre Ermutigungen auf sozialen Netzwerken. Kennt Ihr das Video, in dem Anwohner einer Gasse in Siena von Fenster zu Fenster singen? Mehrstimmig! Man findet es auf Twitter.

So viel Solidarität auf einmal. Abgesehen davon, dass ich erst im dritten Laden noch ein Paket Toilettenpapier bekam ...


Also reise ich statt in die Toscana an den Kaiserstuhl - sieht doch fast genauso aus, oder? Schön warm ist es da auch. 

Ja, ich weiß, das Virus verbreitet sich exponentiell; in Freiburg haben sich die Fallzahlen von Donnerstag auf Freitag verdoppelt. Ich bin keine Mathematikerin, und deshalb habe ich mir den Begriff an Hand der fiktiven Geschichte von dem Schachspiel und dem Reis erklären lassen. Ein indischer König war so beeindruckt von dem neuartigen Spiel namens Schach, dass er dessen Erfinder belohnen wollte. Was willst du von mir haben? fragte er, und der Erfinder sagte: Gib mir für jedes Feld doppelt so viele Reiskörner wie für das vorherige. Der König war sicher froh, so billig davonzukommen. Der Erfinder bekam also ein Korn für das erste Feld, zwei für das zweite, vier für das dritte, und so weiter. Am Ende hätte der König eine neunzehnstellige Zahl an Reiskörnern schenken müssen, mehr als die globale Ernte mehrerer Jahrhunderte.

Ich lese gerade für eine Rezension im SWR das Buch "Im Grunde gut" von Rutger Bregman. Das ist jener junge Historiker, der beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2019 die großartige und empörte Rede hielt, die um die Welt ging. Über das Buch demnächst hier mehr. Heute nur ein Zitat, das ich gerade darin gefunden habe. Es ist von dem Umweltbiologen Professor Jan Boersema; er spricht hier über den Klimawandel, aber seine Metapher ist das Schachspiel und die Reiskörner:

"Es besteht ein Unvermögen zuzugeben, dass neben Problemen auch Lösungen exponentiell wachsen können." Jan Boersema

Bleibt gesund und optimistisch, liebe Freundinnen und Freunde. Morgen soll es, zumindest bei uns im Risikogebiet an der französischen Grenze, sehr sonnig und frühlingshaft werden!

Kommentare:

  1. Ich höre nur von Abschottung, Angst, Kontrolle, Panik....dies alles macht mir oft mehr Angst als der Virus.
    Wie geht man im Zen mit diesen Energien um?

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    1. Das Zen empfiehlt Geistesklarheit und Gelassenheit. Ich ergänze: Selbstfürsorge und ein wenig Humor. Wir sollten auf dem Laufenden bleiben und uns informieren, aber wissen, wann wir den Fernseher und das Internet ausschalten sollten. Nichts anschauen/anhören, das die Angst verstärkt. Die klugen Experten informieren sachlich, ohne Angst zu schüren. Ich schätze ja sehr den Virologen der Charité Christian Drosten. Uns wird jetzt bewusst, dass unser Leben fragil ist. Das war es schon immer, wir haben das nur ausgeblendet. Bitte die "Samen" der Freude stärken. Alles tun, was Ihnen guttut: Spazieren gehen (da laufen nicht Hunderte Infizierte durch die Gegend, die uns gleich anniesen werden, das ist Panikmache), was Feines kochen, mit der Freundin telefonieren, Katzen streicheln. Wir werden alle irgendwann sterben, aber die allermeisten von uns mit Sicherheit nicht an diesem Virus. Liebe Grüße

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  2. Liebe Margrit, ein schöner Post - Mut machend und trotz aller Vorsicht positiv. Auch wir sprechen hier immer wieder über erstaunliche Dinge, die nun so passieren und das Herz aufgehen lassen. Solidarität unter den Menschen, kleine Zeichen der Verbundenheit - auch das "Füße Stillhalten" und einfach mal zu Hause bleiben, erdet viele Menschen. Sie sind es gewohnt, immer unterwegs zu sein, sich Spaß hier und dort zu holen. Nun besinnt man sich auf das eigene Umfeld. Das tut vielen ziemlich gut.
    Liebe Grüße und bleib xund!!! Ellen

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    1. Auch Dir alles Gute. Geh am schönen See spazieren, das hilft der Seele.

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