Freitag, 20. Januar 2017

Form ist Leerheit. Leerheit ist Form.

Durch Tonkneten macht man Gefäße,
auf dem Nichts darin beruht des Gefäßes Brauchbarkeit.
Durch Aushöhlen von Türen und Fenstern macht man Häuser,
auf ihrem Nichts beruht der Häuser Brauchbarkeit.
Darum:
Das Seiende ist zwar nützlich,
das Nichts ist das Wirksame.
Lao-tse

Ich bin vorgestern zum dritten Mal innerhalb von drei Monaten dasselbe gefragt worden: Wie ich eigentlich das Schreiben mit meiner spirituellen Praxis vereinbaren könne - Sprache würde doch per se eine Dualität herstellen und könne die Einheit des Ganzen niemals abbilden. Das erinnert mich an eine Zen-Lehrerin, die mir am Anfang meiner Zen-Praxis kühl sagte: Wenn du die Wahrheit der Ganzheit erkannt hast, schreibst du nicht mehr. Ich war damals sehr betroffen und hatte keine Antwort darauf. Aber heute habe ich eine: Diese Sätze unterstellen, "Sprache" und "Ganzheit" seien zwei verschiedene Dinge. Aber Ganzheit ist eben Ganzheit - alles drin!

Im Prajnaparamita Hridaya Sutra, bei uns bekannt als Herz-Sutra, heißt es:

Form ist Leerheit, Leerheit ist Form,
Form ist nichts anderes als Leerheit,
Leerheit ist nichts anderes als Form.

Was meint der Buddhismus mit "Leerheit", diesem so missverständlichen Begriff? Ganz einfach die Fülle der Ganzheit. "Leer" bezieht sich hier auf "leer von einem eigenständigen Selbst", denn im Urgrund ist alles miteinander verbunden und ineinander verwoben, ununterscheidbar. Man kann es auch Brahman nennen, Universum, das Absolute, den Urgrund, die Wahrheit, und christliche Zen-Lehrer nennen es Gott. Mein Lieblingsbegriff dafür ist Stille. Aus dieser Leerheit aber entstehen unablässig Formen, aus dem Ununterscheidbaren entsteht das Unterscheidbare. Alles, was wir sehen, hören, empfinden, alle Dinge und Wesen entstehen aus dem Urgrund des Seins - den Moment des Entstehens nennen wir Geburt. Und irgendwann werden sie wieder in diesen Urgrund zurücksinken - das nennen wir dann Tod. 

Das Herz-Sutra nun fährt damit fort, zu erläutern, was es in der Leerheit nicht gibt - und was folglich der Praktizierende, obwohl Form, in Anbetracht der Leerheit eben nicht ist: Er ist nicht sein Auge, sein Ohr, seine Zunge, er ist nicht sein Körper, nicht sein Geist, er ist nicht seine Gedanken, seine Gefühle, seine Wahrnehmungen. Er ist der Urgrund, das Göttliche, die Leerheit. Als Praxis hat das durchaus seine Berechtigung: Fast alle Menschen (ich auch, wenn ich nicht achtsam bin) verlieren sich in der Faszination der Formen. Dann wird das Gefühl, die Wahrnehmung, der Gedanke, das Geld, der Erfolg, die romantische Liebe, der Roman, das Gemälde, die Komposition als etwas Eigenständiges betrachtet, das man unbedingt behalten, erreichen, haben und festhalten oder, wenn es sich unangenehm anfühlt, loswerden will. Und wenn die Form, die wir gern behalten wollen, sich wieder auflöst, weil dies das Wesen aller Formen ist, leiden wir unter dem Verlust.

Man kann die Praxis aber auch umkehren und in den Abermillionen Formen, die die Welt uns schenkt, den Urgrund erkennnen.

Spüren Sie die Stille in den Augen Ihrer Katze? Sehen Sie das Göttliche in Ihrem Nachbarn, der seinen Müll immer in Ihre Tonne wirft? Erkennen Sie die Geburt von etwas Neuem, wenn etwas in Ihrem Leben stirbt?

Das Universum (die Leerheit, die Ganzheit, Brahman, Gott, die Stille) erschafft unablässig neue Formen. Es spielt! Es spielt mit Klang, Ton, Farbe, Duft, Struktur, Licht, Schatten! Und ich spiele ein wenig mit, solange ich noch nicht in den Urgrund zurückgeholt wurde. Ich spiele mit meinen Stoffen (sie kommen aus der Stille), ich spiele mit meiner Stimme (sie kommt aus der Stille), ich schreibe ein wenig (die Sprache kommt aus der Stille).

Es gibt keine Trennung zwischen Leerheit und Form. Nur ein Hin- und Herfließen, ein Aufleuchten und Verdunkeln, ein Zeigen und Verbergen. Die Form, die ich "Ich" nenne, ist nur ein Instrument, das von der Stille bespielt wird. Wie Rumi zu seinem Geliebten sagte, und der Geliebte ist nur ein weiterer Ausdruck für die Stille: "Ich bin die Flöte. Du aber bist die Musik."

Es gibt keine Trennung.

So einfach ist das.


Kommentare:

  1. Liebe Margrit,

    Deine Worte tun mir heute so sehr gut. In ihrer Form, Fülle und mit dem Hinweis auf die Leere. In einer Phase der Unsicherheit zwischen Fülle und Leere und dem was dadurch aufgeschüttelt wird und nicht loslassen will.In der Meditation, im Körper wie im Leben. Eine Dünnhäutigkeit die ausgehalten werden will, damit die Form sich findet...wie der Ton, bevor er zum Gefäß wird.Das ist nicht gerade leicht.
    Es geht mir gedanklich wie Dir damals mit dem Schreiben, allerdings mit der Malerei. Was bleibt, wenn man alles loslässt? Und dann habe ich Fabienne Verdier entdeckt. Vielleicht kennst Du sie ja?

    Sei so herzlich bedankt und gegrüßt, Taija

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich kenne Fabienne Verdier nicht, aber ich werde mal recherchieren. Herzliche Grüße.

      Löschen
    2. Falls Du magst,hier habe ich sie zitiert und verlinkt und "resonniert" :-):
      http://augengeblicktes.blogspot.de/2016/08/kunst-und-resonanz-fabienne-verdier.html
      http://augengeblicktes.blogspot.de/2016/10/bergsee-abstraktionen.html
      Liebe Grüße aus dem eis-beblühten München, Taija

      Löschen
  2. Liebe Frau Irgang, danke für den Text, der sich hervoragend zur Meditation eignet.
    Liebe Grüße Gitti Haas

    AntwortenLöschen