"Ich begegnete der Stille vor vierzig Jahren auf einem
überfüllten Bahnhof in irgendeiner Stadt in der indischen Tiefebene. Seit ein paar Wochen reiste ich mit dem Rucksack
durch das Land des Buddha. Es war heiß, ich hatte mir ein Virus
eingefangen, das mir Bauchschmerzen bereitete, und durch meine Träume krochen
Leprakranke ohne Arme und Beine. Ich hockte auf einem Bahnsteig zwischen Hunderten
Menschen, gackernden Hühnern in Käfigen und einer Ziege mit zusammengebundenen
Beinen und wartete auf meinen Zug, der mich irgendwohin bringen sollte. Da sah
ich die Stille.
Sie saß auf einem der gegenüberliegenden Bahnsteige im
Lotossitz, völlig entspannt inmitten von Lärm und Dreck. Sie war ungefähr so
alt wie ich, Amerikanerin, schätzte ich, und ich erriet an der nicht ganz
sauberen Kleidung, dass sie schon lange unterwegs war. Sie ruhte auf diesem Bahnsteig in ihrer Stille wie im Auge
des Zyklons. Mit leisem Lächeln beobachtete sie den Kampf an den geöffneten
Zugtüren, wo die Ankommenden hinaus- und gleichzeitig die Abreisenden
hineindrängten. Irgendwann würde auch ihr Zug einlaufen, sie würde sich
erheben, den Rucksack schultern und auf ihre gelassene Weise irgendwie ins
Abteil gelangen.
Ich warf einen Blick auf sie, und meine Reise nahm eine
Wendung. Diese unbekannte Amerikanerin erinnerte mich an den Ort der Stille in
mir, den ich sehr wohl kannte, aber in diesem überwältigend fremden Land
verloren hatte. Wohin wollte ich denn in Wirklichkeit, wenn ich durch die Welt
reiste, wie ich das seit einigen Jahren tat? An einem glühend heißen Tag
irgendwo in Indien belehrte mich eine Frau, die ich nur fünf Minuten zu Gesicht
bekam und nie wiedergesehen habe, darüber, dass es nichts zu finden gibt, weil
ich bereits zu Hause bin. In jedem Augenblick. In jedem Land der Erde."
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