Samstag, 28. Februar 2026

Thich Nhat Hanh über Krieg

 

 

Ich hatte einen hübschen Beitrag vorbereitet. Aber dann sah ich vorhin in der Online-Zeitung die Rauchsäulen der Bomben über Teheran und Tel Aviv und fand etwas Hübsches nicht mehr angemessen. Ich spürte eine tiefe Müdigkeit in mir. Was würde Thich Nhat Hanh, lebte er noch, zu diesem erneuten Krieg sagen?

"Wir halten Frieden oft für die Abwesenheit von Krieg und glauben, wenn die mächtigen Staaten der Welt ihre Kriegswaffen abschaffen würden, hätten wir Frieden. Aber wenn wir genau hinschauen, sehen wir in den Waffen unseren eigenen Geist - unsere Vorurteile, Ängste und unsere Ignoranz. Selbst wenn wir alle Bomben auf den Mond schicken würden, wären die Wurzeln der Bomben und des Krieges noch hier, in unseren Herzen und in unserem Geist, und früher oder später würden wir neue Bomben herstellen. Für den Frieden zu arbeiten heißt, die Wurzeln des Krieges in uns und in den Herzen der Menschen auszureißen. Kriege werden vorbereitet, wenn Millionen Männer und Frauen Tag und Nacht in ihren Herzen töten. So werden Millionen Samen der Gewalt, der Wut, Frustration und Angst gesät, die an viele zukünftige Generationen weitergereicht werden."

"Ja, der Krieg ist hier, und wenn wir uns umschauen, erkennen wir seine vielen Gesichter: Religiöse Intoleranz, Hass auf Ethnien und Rassen, Kindesmissbrauch, die Ausbeutung der Ressourcen unserer Erde. Aber wir wissen auch, dass die Samen von Frieden, Verständnis und Liebe da sind und wachsen werden, wenn wir sie kultivieren."

(Thich Nhat Hanh, aus "Living Buddha, Living Christ" und "Creating True Peace". Übersetzung Margrit Irgang) 

Wer das Video nicht angezeigt bekommt, findet es hier (klick). 

 **

Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).

 

Donnerstag, 19. Februar 2026

Interbeing

  
Bald. Doch, bestimmt: bald. Also: demnächst. Irgendwann. Ganz sicher: eines Tages. Muss man nicht glauben. Ist Gesetz: die Pflaume kommt.  

 

The plum you’re going to eat next summer

doesn’t exist yet; its potential
lives inside a tree you’ll never see, will be touched
by a certain number of water droplets
before it reaches you, by certain angles
of light, by a finite amount of bugs
and dust motes and hands
you’ll never know. The plum you are
going to eat next summer will gather
sugar, gather moss, will harden
at its center so it can soften toward
your mouth. The plum
you’re going to eat next
summer doesn’t know
you exist. The plum you are
going to eat next summer
is growing just for you.

Gayle Brandeis

**

Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick)


Freitag, 13. Februar 2026

Cees Nooteboom

 


Cees Nooteboom, ein großer Autor, ist im Alter von 92 Jahren in seiner Wahlheimat Spanien gestorben. Der Niederländer war ein Reisender. Neugierig, auch unruhig, unterwegs in Afrika, Asien und Europa. Über seine - körperlichen und geistigen - Reisen hat er kluge, nachdenkliche Bücher geschrieben. Auf Niederländisch, das in der Welt kaum jemand spricht, denn nur in seiner Heimatsprache konnte er sich so genau und sensibel ausdrücken, wie es ihm vorschwebte. Nooteboom lehrt uns sehen, mit den äußeren und inneren Augen. Es ist kein Zufall, dass so viele seiner Protagonisten Fotografen sind. 

Zwei seiner Bücher hier als meine persönliche Empfehlung. "Allerseelen" erzählt von dem niederländischen Fotografen Arthur Daane, der Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren hat und den Verlust nicht überwinden kann. Mit seiner Filmkamera streift er durch das verschneite Berlin und trifft Menschen, die wie er heimatlos sind und zu Freunden werden. In die junge Elik, die voller Geheimnisse ist, verliebt er sich und folgt ihr bis nach Madrid. Ein nachdenkliches Buch, das große Ruhe vermittelt und in klugen Dialogen von Heimatlosigkeit, Verlust, Sehnsucht und Freundschaft erzählt. "Allerseelen", aus dem Niederländischen von Helga van Beunigen. Suhrkamp TB.

Nootebooms große Liebe gehörte Japan. In dem schmalen Buch "Mokusei" unterhalten sich ein belgischer Diplomat und ein niederländischer Fotograf in Tokio über die zwei Gesichter Japans: Die europäische "Idee" von Exotik und die Wirklichkeit. Der Diplomat vermittelt dem Fotografen eine Japanerin als Modell, und der Niederländer verliebt sich in die Frau, die sich ihm in ihrer geheimnisvollen Exotik entzieht. Ein kunstvolles Spiel mit Projektionen, dem Gesicht und den Masken, dem Foto und der Wirklichkeit, dem Idealbild der Geliebten und dem Kontrast zu der gewöhnlichen Frau. "Mokusei", sein Name für die Geliebte, ist die einzige japanische Blume, die duftet. Ein leises Buch voller Schönheit. "Mokusei", aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp TB.

(Werbung) Wenn ihr online bestellen wollt, empfehle ich euch den gemeinwohlbilanzierten sozialen Buchversand Buch7, der soziale, kulturelle und ökologische Projekte unterstützt. Ihr werdet schnell und versandkostenfrei beliefert, und ich erhalte eine (sehr kleine) Provision dafür. "Allerseelen" bestellen hier (klick).

"Mokusei" bestellen hier (klick).

**

Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).


Freitag, 6. Februar 2026

Stille ist mein Zuhause


 

"Ich begegnete der Stille vor vierzig Jahren auf einem überfüllten Bahnhof in irgendeiner Stadt in der indischen Tiefebene. Seit ein paar Wochen reiste ich mit dem Rucksack durch das Land des Buddha. Es war heiß, ich hatte mir ein Virus eingefangen, das mir Bauchschmerzen bereitete, und durch meine Träume krochen Leprakranke ohne Arme und Beine. Ich hockte auf einem Bahnsteig zwischen Hunderten Menschen, gackernden Hühnern in Käfigen und einer Ziege mit zusammengebundenen Beinen und wartete auf meinen Zug, der mich irgendwohin bringen sollte. Da sah ich die Stille.

Sie saß auf einem der gegenüberliegenden Bahnsteige im Lotossitz, völlig entspannt inmitten von Lärm und Dreck. Sie war ungefähr so alt wie ich, Amerikanerin, schätzte ich, und ich erriet an der nicht ganz sauberen Kleidung, dass sie schon lange unterwegs war. Sie ruhte auf diesem Bahnsteig in ihrer Stille wie im Auge des Zyklons. Mit leisem Lächeln beobachtete sie den Kampf an den geöffneten Zugtüren, wo die Ankommenden hinaus- und gleichzeitig die Abreisenden hineindrängten. Irgendwann würde auch ihr Zug einlaufen, sie würde sich erheben, den Rucksack schultern und auf ihre gelassene Weise irgendwie ins Abteil gelangen.

Ich warf einen Blick auf sie, und meine Reise nahm eine Wendung. Diese unbekannte Amerikanerin erinnerte mich an den Ort der Stille in mir, den ich sehr wohl kannte, aber in diesem überwältigend fremden Land verloren hatte. Wohin wollte ich denn in Wirklichkeit, wenn ich durch die Welt reiste, wie ich das seit einigen Jahren tat? An einem glühend heißen Tag irgendwo in Indien belehrte mich eine Frau, die ich nur fünf Minuten zu Gesicht bekam und nie wiedergesehen habe, darüber, dass es nichts zu finden gibt, weil ich bereits zu Hause bin. In jedem Augenblick. In jedem Land der Erde." 

Dies ist der Beginn meines Essays "Stille ist mein Zuhause" in der Ursache\Wirkung 129. Den ganzen Text könnt ihr lesen hier (klick).


**

Wenn Dir /Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).