Donnerstag, 29. Dezember 2016

Die Dunkelheit. Das Licht.


Du Dunkelheit, aus der ich stamme
von Rainer Maria Rilke

Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie's errafft,
Menschen und Mächte -

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

***

You darkness from which I come
by Rainer Maria Rilke,
translated by David Whyte

You darkness from which I come,
I love you more than all the fires
that fence out the world,
for the fire makes a circle
for everyone
so that no one sees you anymore.

But darkness holds it all:
the shape and the flame,
the animal and myself,
how it holds them,
all powers, all sight -

and it is possible: its great strength
is breaking into my body.

I have faith in the night.

***

May all my readers have faith in the all-embracing darkness, the source of our strength and our silence - and our light. I wish you courage and wisdom for your journey through the year 2017.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Mein Weihnachtsgruß, mit den Worten von Thich Nhât Hanh


 Diesen Post hatte ich am Wochenende vorbereitet, als Weihnachtsgruß an meine Blogleserinnen und -leser. Dann geschah der Anschlag in Berlin. Wie das so üblich ist, haben jetzt viele Menschen entschiedene Meinungen und wissen genau, was nun getan werden muss. Ich weiß es nicht. Ich möchte schweigen zu dem, wofür mir die Worte fehlen. Aber vielleicht zeigt dieser Weihnachtstext, den ich unverändert stehenlasse, den heilsamen Weg, den wir miteinander gehen sollten.

***

Früher habe ich das Weihnachtsfest gerne in buddhistischen Praxiszentren verbracht, zum Beispiel in Plum Village bei Thich Nhât Hanh. Mit Respekt feierten die vietnamesischen Mönche und Nonnen mit uns die Geburt Jesu; ein Mythos, mit dem sie sich ohne zu zögern verbinden konnten, denn sie lasen den Mythos so, wie er gelesen werden muss: Als Metapher für unsere eigene Göttlichkeit; als ein spirituelles Geschehen in uns selbst, das wir - durch Praxis oder auch durch Gnade - selbst erfahren können und müssen.
 
Probleme mit dieser Geschichte hatten nur einige der Gäste - sie waren aus ihrem westlichen Alltag geflohen, um diesem für sie grässlichen Fest zu entrinnen, das ihnen nichts sagte, und fanden sich wieder in einer Weihnachtsfeier mit Weihnachtsliedern aus aller Welt, Plätzchen und Lichtern überall. Ich erinnere mich an Wutausbrüche und ein paar sehr plötzliche Abreisen. Sie hatten noch nicht begriffen, dass Religion im Tiefsten weder theologisch noch historisch erfasst werden kann. Jede Religion ist ein Mythos, der uns etwas über uns selbst erzählt. Auch die Geschichte über das Kind in der Krippe hat mit uns selbst zu tun. Ich habe ein paar Aussagen von Thich Nhât Hanh zum Weihnachtsfest zusammengestellt, aus dem Buch "Dialog der Liebe. Jesus und Buddha als Brüder" aus dem Verlag Herder.

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"Vor zweitausend Jahren wurde der Welt das Kind Jesus geboren. Jesus Christus wird auch heute noch geboren, sooft du den Samen des Heiligen Geistes in dir berührst. Die Evangelien beschreiben, wie der Himmel sich öffnete, als Johannes Jesus taufte, und wie der Heilige Geist wie eine Taube zu ihm herabfuhr und in ihn einströmte. Fortan konnte Jesus Wunder vollbringen und den Menschen Kraft schenken und sie heilen.

Die Samen des Heiligen Geistes liegen in uns allen, wir müssen ihnen nur Nahrung geben und sie hegen und pflegen, damit sie sich entwickeln können. Wir, die wir Achtsamkeit praktizieren, glauben, dass der Heilige Geist das Äquivalent zur Energie der Achtsamkeit, d. h. zur Energie des Buddha, ist.

Wir sterben so oft am Tag. Wir verlieren uns so oft am Tag. Wenn du dich nicht um Achtsamkeit bemühst, verlierst du Tag für Tag dein Leben und hast keine Chance, wiedergeboren zu werden. Erlösung und Auferstehung sind weder bloße Begriffe noch Objekte des Glaubens. Sie sind unsere tägliche Praxis. Wir üben auf eine Weise, dass in jedem Augenblick unseres täglichen Lebens der Buddha und Jesus Christus wiedergeboren werden - nicht nur am Heiligen Abend. Das ist an jedem Tag möglich, in jeder Minute.

Wenn du, während du Kaffee trinkst oder dein Kind an die Hand nimmst und mit ihm spazieren gehst, wirklich da bist, ganz präsent und gesammelt, dann nimmt deine Freude an Kraft zu. Dann verstehst du besser, was um dich herum geschieht. In dir ist ja Achtsamkeit, in dir ist Konzentration, dein Geist ist gesammelt. Und deine Achtsamkeit, dein gesammelter Geist und deine Einsicht bewirken, dass deine Freude und dein Frieden an Intensität zunehmen. Das hat universale Gültigkeit. Du kannst viel tun, damit diese Kräfte in dir wachsen. Du kannst sie zu einem Fundament deines Handelns machen, zum Fundament deines Praktizierens, zum Fundament deines ganzen Lebens - zu deinem geistigen Erbe. Tust du das, wirst du feststellen, wie unendlich reich du in spiritueller Hinsicht bist."

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Mit diesen Worten wünsche ich meinen Blogleserinnen und -lesern ein stilles oder auch lebhaftes, schönes Weihnachtsfest. Lassen wir unser Licht leuchten.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

John Rutter "Christmas Lullaby"


Zum Einstimmen auf Weihnachten.

Ein kalter dunkler Wintertag geht über in die Nacht.
Der gefrorene Nebel auf den Ästen im Garten.
Das blauweiße Licht des Dezembers an einem Spätnachmittag.
Im Haus ist es still.
Auf dem Tisch Kerzen, Tee, die ersten Weihnachtsplätzchen.

John Rutter.
Jetzt muss ich John Rutter hören.


Sonntag, 11. Dezember 2016

Weihnachten naht - schenkt Bücher!


Bücher sind ein schönes, willkommenes, nicht so teures und immer lebenspendendes Geschenk! Ich empfehle hier mal sechs Bücher (ich hätte auch zwanzig gefunden), die mir Jahr für Jahr Freude machen. Vier Romane, eine Familiengeschichte, ein Journal. Allen ist eins gemeinsam: Die Autoren haben eine eigene, wunderschöne Sprache.

Kazuo Ishiguro "Was vom Tage übrigblieb". Das Selbstgespräch des Butlers Stevens, der dreißig Jahre bis zur Selbstaufgabe auf Darlington Hall gedient hat. Nur wir Leser begreifen, was Stevens leugnen muss, um sein Selbstbild und seinen Lebenssinn zu retten: Er hat seine Untergebene geliebt und es nicht bemerkt. Jetzt reist er zu ihr nach Cornwall ...

John Berger "Auf dem Weg zur Hochzeit". Ninon hat nicht mehr lange zu leben, aber sie will Gino heiraten, und Gino will sie retten. Es findet eine riesige Hochzeit in Gorino statt, zu der der Vater der Braut mit dem Mororrad aus Frankreich anreist, die Mutter aus Bratislava mit dem Bus. Ein Buch voller Lebensfreude und Wärme vor dem Hintergrund der Melancholie.

Edmund de Waal "Der Hase mit den Bernsteinaugen". De Waal erzählt die Familiengeschichte der Ephrussis, indem er eine Nesuke - einen winzigen japanischen Gürtelschmuck - durch die Länder und die Jahrhunderte gehen lässt, durch die Kriege, den Reichtum und die Verarmung - und die Familiengeschichte ist seine eigene.

Dominique Sigaud "Annahmen über die Wüste". Es ist Krieg, in der Wüste liegt ein toter Soldat. In wunderschönen Bildern entfaltet Dominique Sigaud die Geschichte der Liebesbriefe, die der Mann bei sich trägt. Eine große Stille und leise Trauer liegt über dem Buch. Ich liebe es.

Adriaan van Dis "Ein feiner Herr und ein armer Hund". Der Flaneur Mulder streift durch Paris, durch die Viertel der Schönen und Reichen und die der Armen. Begleitet von einem fabelhaften Hund, der mit afrikanischen Einwanderern nach Paris kam. Wir begegnen einem Vietnamesen, der in einem Pappkarton lebt, einem kleinen schwarzen Mädchen und einer schönen Frau aus Sri Lanka. Und es gibt auch ein paar sehr aufregende Begebenheiten.

Peter Handke "Gestern unterwegs". Mein Allezeit-Lieblingsbuch: das Journal der Reisen von Peter Handke 1987 - 1990. Miniaturen, zeilenknapp. Beobachtungen am Wegrand, so lange betrachtet, bis sich der genau passende, der einzig richtige Ausdruck dafür einstellt. Ein Buch, das ich nie "auslesen" werde.

Dies ist eine ganz persönliche Zusammenstellung; die Bücher habe ich mir selbst gekauft, und ich mache hier keine Reklame für Verlage oder Online-Buchhändler. Wer sich dafür interessiert, findet die Bücher im Internet.


Und, hmm, kleine Werbung: Alles über meine lieferbaren Bücher findet man in der rechten Spalte - Klick aufs jeweilige Cover. Die nicht mehr im Handel lieferbaren gibt es bei mir, z. B. mein "Kinderbuch für Kinder von 8 bis 80" "Die erste und einzige Geschichte vom Gedankenland".

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Frau Irgang bäckt für Weihnachten: Mandelschnittchen


Der Teig:

220 gr glutenfreies Kuchenmehl (normales Weizenmehl geht auch)
50 gr gemahlene Mandeln
60 gr Rohrohrzucker
1 Prise Salz
2 Eier
100 gr kalte Butter in Flöckchen

Alle Zutaten verkneten und 20 Minuten in die Kälte stellen. Auf Backpapier ca. 0,5 cm dick ausrollen und bei 180° ca. 8 Minuten vorbacken.

Der Belag:

100 gr Butter
200 gr Mandelblättchen
80 gr Rohrohrzucker
1 Päckchen Vanillezucker 
2 EL Honig
4 EL Aprikosenmarmelade

Mandeln, Butter, Zucker und Honig in einer Pfanne zum Simmern bringen. Die Aprikosenmarmelade auf den vorgebackenen Boden streichen, die noch warme Mandelmasse darüber verteilen. Weitere 15 Minuten backen, bis die Oberfläche karamellisiert ist.

Noch warm aufschneiden und einen guten Tee dazu kochen!

Freitag, 2. Dezember 2016

Schwester Theresia Raberger: "Alles ist ein Leben"


Schwester Theresia Raberger ist ungewöhnlich: Franziskaner-Nonne, Zen-Priesterin, Mystikerin, Heilpädagogin und Tierschützerin. Nach Jahrzehnten der Arbeit für schwer erziehbare Jugendliche, Prostituierte und Drogenabhängige leitet sie heute die Tierschutzstelle im Felsentor, dem Meditationshaus, das Zenmeister Vanja Palmers in der Schweiz gegründet hat. In diesem Buch erzählt sie der edition steinrich-Verlegerin Ursula Richard, wie sie dorthin gekommen ist, warum ihr Tiere so am Herzen liegen und wie sie ihr Christentum in Einklang bringt mit dem Zen.

In der Genesis heißt es: "Als die Menschen noch verbunden waren mit Gott, sprachen sie auch geschwisterlich mit den Tieren." Natürlich entschied sich die junge Theresia Raberger für den Orden des Heiligen Franziskus, der so innig mit den Tieren lebte. Mit der Kirche und den vorgeschriebenen Ritualen hatte sie dann aber doch ihre Probleme. Erst bei den christlichen Mystikern fand sie, was sie unbewusst gesucht hatte: die Ganzheit, in der Gott nicht mehr außerhalb des Menschen lebt. Und dann begegnete ihr das Zen: "Sonst war so viel Theologie, Interpretation und Vermittlung zwischen mir und dem Göttlichen, aber im Zen ist der Weg so kurz, von Angesicht zu Angesicht, von Herz zu Herz."

Besonders sind auch die Tiere, die im Felsentor leben. Wir lernen Anton, den Hausschweineber, kennen, der einem Paar zur Hochzeit geschenkt wurde, das sich aber nicht überwinden konnte, ihn als Schnitzel auf dem Teller wiederzufinden. Oder das blinde, taube und gehbehinderte Schwein Babuschka, dem es guttut, gebürstet zu werden, weil das seinen Kreislauf in Schwung bringt. Und geradezu berühmt ist Nandi, der Stier, der auf spektakuläre Weise aus dem Schlachthof ausbrach. Nicht zu vergessen: das Hühner-Altersheim!

Großes Vergnügen hat mir die Geschichte von der Hundetrainerin gemacht, die Schwester Theresia unbedingt beibringen wollte, mit ihrem Hund Nuria mit Worten zu kommunizieren. Aber die beiden kommunizierten seit jeher wortlos miteinander - was Schwester Theresia dachte, führte Nuria sofort aus. (Auf diese Weise war ich immer mit meinen Katzen verbunden. Es gibt eben nur den einen Geist, den wir alle miteinander teilen.)

Und so sind all die Schafe, Kühe, Hühner, Schweine, Ziegen, Hunde und Katzen, die im Felsentor in Freiheit und Frieden leben dürfen, auch Zen-Lehrer für die Kursteilnehmer und Wanderer, die vorbeikommen: "Unter allen Worten und Bildern ist ein Raum der Stille, der auch um die Tiere ist", sagt Schwester Theresia. Sie sitze im Zendo immer "mit allen Wesen, mit der menschlichen Verfasstheit und mit dem Leid der Tiere. Die Tiere sitzen auch. Alle sitzen gemeinsam."

Meine Lese-Empfehlung: Das etwas andere Zen-Buch Theresia Raberger "Alles ist ein Leben", edition steinrich, Berlin, ISBN 978-3-942085-564. Hier mehr darüber.

Und hier der Link  zur Tierschutzstelle im Felsentor.