Huangbo
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die poesie des augenblicks. the poetry of the moment.
Huangbo
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Ein Buch ist ja eine luftige Angelegenheit. Die Buchstaben sind nur Chiffren für den Gehalt, und der lebt im Kopf der Leserin, des Lesers. Mit dieser meiner luftigen Existenz - Hilde Domin sagte, wir Schriftsteller würden unter Akrobaten und Vögeln leben - hadere ich gelegentlich. Und dann stehe ich in Basel vor einem Café, das meinem Buchtitel "Die Kostbarkeit des Augenblicks" buchstäblich (!) Raum gibt. Ein lichter, ästhetisch-schlichter Raum der Stille inmitten der großen Stadt, denn in diesem Café gibt es keine Musik, kein Handyklingeln und kein Geplauder: Hier wird flüsternd bestellt und danach geschwiegen.
Es gibt eine große Tee-Auswahl, guten Kaffee und Kleinigkeiten zu essen. Im Hinterzimmer eine Bibliothek. Man darf in diesem Café lesen und verweilen; ich verbrachte zwei Stunden bei einem Cappuccino und einem Glas heißer Schokolade. Hier weiß man, wie kostbar die Gegenwart ist. Weil es die einzige Zeit ist, die es gibt.
Zwischen Kaffee und Schokolade saß ich zwanzig Minuten im kleinen und absolut stillen Zendo. Der Wirbel der Stadt fiel von mir ab, und die Bilder der Ausstellung "Nordlichter" in der Fondation Beyeler, in der ich mich vorher durch Menschenmengen geradezu gekämpft hatte, zogen sich zurück in eine Ecke meines Geistes, zur späteren Betrachtung.
Der Begriff "Achtsamkeit" wird inzwischen inflationär und missverständlich gebraucht. Es gibt Bücher, die behaupten, mit Achtsamkeit könne man den idealen Partner oder Job finden und sogar den Krebs besiegen. "Sati" aber will nichts erreichen. In Pali bedeutet es das unmittelbare Verweilen im gegenwärtigen Augenblick, die hellwache Präsenz ohne Grübeln über die Vergangenheit und ohne Hoffnungen oder Befürchtungen, die eine Zukunft vorwegnehmen, die nicht da ist und so vielleicht nie kommen wird. Auch wenn der Begriff aus dem buddhistischen Kontext kommt, hat Achtsamkeit nicht zwingend mit Religion oder irgendeiner bestimmten spirituellen Schule zu tun, sondern kann eine Lebenshaltung sein. Dieser Blog und alle meine Bücher sind in diesem Geist geschrieben.
Wer in wacher Präsenz lebt, sieht, dass nichts unwichtig ist, denn alles ist mit allem verbunden. Das Café Moment wurde von Menschen erschaffen, die das verstanden haben. Die Einrichtung, das Lichtkonzept, die Farbgestaltung und die Zusammenstellung der Speisekarte bilden eine Einheit, und diese Einheit beginnt in der Stille zu wirken.
Ein wunderbarer, heilsamer Ort. Wenn ihr in Basel seid: Besucht das Café Moment in der Bäumleingasse 4.
Die Website findet ihr hier (klick).
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Neulich sah ich in einer Parkanlage ein Schild, das ich aus meiner Kindheit kenne und seit bestimmt vierzig Jahren nicht mehr gesehen habe: "Eltern haften für ihre Kinder!" Mit Ausrufezeichen. (Leider hatte ich die Kamera nicht dabei.)
Eigentlich eine klare Sache. Wenn so ein Vierjähriger im Zuckerschock durch die Gegend düst und herumbrüllt, muss jemand da sein, der ihn auch zu seinem Besten an die Hand nimmt und energisch sagt: "Jetzt reicht's!"
Das hat mich auf eine Idee gebracht. Ich würde auch gern ein Schild aufstellen, und das nicht nur in einem Park. Sondern zum Beispiel vor den Eingängen von Supermärkten, Behörden und Schulen, an Bahnhöfen, in Zügen und Bussen, ach, warum nicht an jeder Straßenkreuzung. Auf meinem Schild stünde: "Du haftest für deinen Geist!" (Mit Ausrufezeichen.)
Gegen das, was ein Geist anrichten kann, ist ein Vierjähriger im Zuckerschock ein Lämmchen. Der Geist (mein Geist, dein Geist) gibt pausenlos Kommentare und Bewertungen ab, urteilt über Menschen und Ereignisse, regt sich auf über Hinz und Kunz und hat natürlich immer recht, denn an allem, was ihm nicht passt, sind "die anderen" schuld.
Es ist so viel los da oben im Kopf, dass es uns selbst oft erschöpft und wir einfach mal nur unsere Ruhe haben wollen. Wenn doch nur jemand käme, der den Geist energisch zur Ordnung ruft. Wo ist diese Person, die so viel Autorität und Macht hat, dass unser Geist sich widerspruchslos fügt?
Du bist diese Person, und zwar die einzige, die über deinen Geist bestimmen kann. Da du deinen Geist und alle seine Kapriolen beobachten kannst, bist du ja wohl nicht deine Gedanken, Meinungen, Urteile und Bewertungen. Du bist vielmehr die Instanz, die das alles wahrnimmt. Du bist Gewahrsein, du bist Bewusstsein. Deine Gedanken ereignen sich innerhalb dieses weiten Bewusstseins-Raums, und du kannst dich ganz ruhig zurücklehnen und interessiert das Schauspiel verfolgen, das sie aufführen. Du musst das Schauspiel nicht beenden, du kannst das auch gar nicht tun. Es endet nämlich von selbst, wenn du die Gedanken nicht nährst durch weitere Gedanken, ihnen nicht folgst auf ihren verschlungenen Wegen und keine Geschichte um sie herum erzählst.
Kein Mensch auf der Welt kann dich zwingen, bestimmte Gedanken zu denken und bestimmte Gefühle zu fühlen. Du bist die Königin und der König im Reich deines Geistes, du hast dort uneingeschränkte Macht. Du entscheidest, bewusst zu bleiben. Du bleibst gewahr. Das ist alles. So einfach. So wirkungsvoll.
Noch ein Schild, gesehen an der Tür eines Yoga-Raums, in dem ich mal war: "Bitte übernimm Verantwortung für die Energie, die du in diesen Raum trägst." Darum geht es. Wir nehmen den Inhalt unseres Geistes überallhin mit und strahlen ihn aus. Wenn wir uns nicht um ihn kümmern, verschmutzen wir mit unserer Unbewusstheit die Umwelt. Aber wie wunderbar fühlt es sich an, einem Menschen zu begegnen, der Verantwortung für seinen Geist übernommen hat. Dieser Mensch hat kein vorgefasstes Urteil über uns. Er ist interessiert an der Person, die ihm da gegenübertritt, er will sie kennenlernen. Er braucht keine Negativität, um sich von anderen abzugrenzen; er kann es sich leisten, schlicht und einfach freundlich zu sein, weil er Freundlichkeit nicht mit Schwäche verwechselt. Er weiß ja um seine Macht, er muss sie nicht demonstrieren.
Ich zumindest möchte solch ein Mensch sein.
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Der Von-der-Welt-Verehrte wies zur Erde und sagte: "Dies ist ein guter Ort, um ein Heiligtum zu errichten."
Indra, König der Götter, steckte einen Grashalm in die Erde und sagte: "Das Heiligtum ist errichtet."
Ich lese mit wachsender Bestürzung in den Medien Begriffe, von denen ich gehofft hatte, sie nie wieder zu hören: "Aufrüstung". "Wehrpflicht". "Atomschirm". "Zurückweisung an den Grenzen". "Handelskrieg". Sprache konditioniert unser Denken, und Worte setzen sich in Windeseile in unseren Köpfen fest. Ein paarmal die Nachrichten geschaut, und schon sprechen auch wir selbstverständlich von "Kriegsrecht" und "Sanktionen" und "Auslieferung", ohne vor dem Inhalt, den die Worte transportieren, im Geringsten zu erschrecken.
Wir dürfen uns an die Sprache des Krieges nicht gewöhnen. Wir brauchen ein Gegengift.
Es gibt ein englisches Wort, das ich wunderbar finde, weil es seine Bedeutung über den Sound vermittelt: "Awe". Man muss gar nicht wissen, dass es "Ehrfurcht, heilige Scheu" bedeutet. Man hört Aaah! und weiß Bescheid. Wir haben das Aaah! verlernt, uns ist irgendwann zwischen unseren Alltagspflichten und den Fernsehnachrichten die Ehrfurcht verlorengegangen.
Es gibt Orte und Gebäude auf der Welt, die im Lauf von Jahrtausenden mit der Energie von Gläubigen und Pilgern aufgeladen wurden. Man nennt sie Heiligtümer. Ich habe ein paar von ihnen besucht. Das Tadj Mahal, die Kathedrale von Chartres, das Freiburger, Ulmer und Kölner Münster, Fatima, Lourdes, Klöster und viele buddhistische Tempel. An all diesen Orten wehte mich etwas an wie ein feiner Luftzug - etwas Besonderes, eine Energie, der ich gerne nachgespürt hätte. Aber ich fand keine Ruhe, keine stille Ecke, keinen Platz, um mich zu versenken. Ich stand inmitten von Menschenmassen und Touristengruppen, die fotografierten und sich unterhielten. Sicher gab es auch darunter Menschen, die auf der Suche nach dem Heiligen waren, und vielleicht fanden sie es an den berühmten Orten ebenso wenig wie ich - weil es überall zu voll war.
Das Wort "heil" bedeutet vollständig, gesund, ganz und ungeteilt. Die Ableitung "heilig", sagt mein Duden, könnte im Althochdeutschen auch die Bedeutung von "bezaubert" und "Glück bringend" gehabt haben. Ein Heiligtum ist also ein Ort, an dem wir ungeteilt und ganz und gar bei uns selbst sein können. An dem wir Aaah! sagen und etwas ganz Entscheidendes begreifen können: Das Heilige ist gar nicht an einen Ort gebunden.
Auf Wikipedia fand ich den schönen Satz: "Heiligtümer werden nicht geplant. Sie können überall sein und sind nicht an besondere Landschaftsformationen gebunden."
Gott Indra in dem buddhistischen Gleichnis pflanzte ein Hälmchen und erklärte es zum Heiligtum. Darin liegt das Geheimnis der Ehrfurcht: Sie entsteht allein in uns selbst. Wir sind es, die eine äußere Form zu ihrem Träger erklären, wir selbst laden einen Ort oder einen Gegenstand mit unserer heiligen Scheu auf, und wenn viele Tausend Menschen ihre Energie auf diesen Ort oder Gegenstand konzentrieren, wird seine Kraft sogar für andere spürbar.
Und auf dieselbe Weise wirken Kriegs-Metaphern. Wenn Menschen daran glauben, dass es im Leben um Sieg oder Niederlage geht und es dazwischen nichts gibt, wenn die Kraft des Stärkeren allein entscheidend sein soll für unser aller Überleben, dann laden wir die Waffen, die wir herstellen und irgendwohin schicken, mit der Kraft unseres Glaubens auf. Das ist es, was Panzer, Drohnen und Bomben wirklich zerstörerisch macht: Unsere Überzeugung, sie seien die einzig mögliche Antwort auf Bedrohungen.
Wir müssen umkehren. Alles umkehren, unseren Blickwinkel und unseren Respekt vor dem Falschen, vor dem, was zerstört, anstatt aufzubauen. Wir müssen nicht nach Indien reisen. Hier, wo wir gerade sind, wo das Leben uns hingestellt hat, ist ein guter Ort, um ein Heiligtum zu errichten. Viel Platz ist nicht, wir wohnen ja alle nicht in Palästen, aber wer sagt, dass wir Platz brauchen. Ein Hälmchen findet immer einen Krumen Erde, um zu wachsen. Wir errichten unser kleines Heiligtum, indem wir eine Kerze in einer Schlafzimmer-Ecke aufstellen oder auf dem Balkon ein Blümchen pflanzen. Es genügt auch, einfach nur Aaah! zu sagen und dem Klang nachzulauschen wie einem Mantra.
Wir brauchen nirgendwohin zu reisen. Es ist unser Geist, der "heil" sein muss. Frei von zerstörerischen Gedanken, gelassen, ruhig, weit und voll Mitgefühl. Erst, wenn wir unseren Geist zu einem guten Ort gemacht haben, sind wir umgekehrt. Unsere Sprache wird eine völlig andere sein, und unsere Handlungen werden kleine Pflanzen setzen, anstatt eine Wüste der Zerstörung zu hinterlassen.
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Ich muss euch noch ein Buch empfehlen, weil ich es so liebe. Gibt es eine Geschichte? Ja und nein. Am 27. August 1985 fährt der fünfzehnjährige Theo in einem Vorort von New York betrunken den Familienwagen an einen Baum, die Freundin stirbt, die siebzehnjährige Schwester Sarah behauptet, gefahren zu sein. Dieses Ereignis findet auf den ersten fünf Seiten des Buches statt. Auf den restlichen zweihundertachtzig Seiten sehen wir den vier Mitgliedern der Familie Wilf dabei zu, wie sie hilflos und tapfer versuchen, mit ihren gebrochenen Herzen zu leben - fünfunddreißig Jahre lang, aus wechselnder Perspektive jedes Einzelnen. Als Theo längst ein hippes Restaurant downtown hat, weiß er: "Seine Familie ist unmerklich Stück für Stück aus den Fugen geraten. Jetzt sind sie voneinander getrennt. In ihren einzelnen kaputten Universen."
Sie schweigen über das, was vorgefallen ist. Sie haben keine Worte dafür, und erst spät in ihrer Leben wird das Sprechen möglich und eine Erlösung sein. In einer weiteren Nacht, zehn Jahre später, geschieht etwas Neues: Im gegenüberliegenden Haus kommt ein Kind zu früh auf die Welt, Ben Wilf, der Arzt, hilft ihm ins Leben, und der kleine Waldo wird das Bindeglied zwischen den Menschen in beiden Häusern und dem, was sie unsichtbar verbindet. Jetzt sind wir beim eigentlichen Thema des Romans, und das ist eben keine erzählbare Geschichte, denn dieses Buch handelt vom Unerzählbaren. Von dem, was zwischen den Menschen geschieht, in ihren Herzen und im Kosmos, von dem sie ein Teil sind, geheimnisvoll miteinander verbunden.
Waldo ist ein besonderes Kind, zart und introvertiert. Schule und Eltern halten ihn für "nicht normal", er wird zu Therapien geschleppt, und nur Ben Wilf erkennt, wen er da vor sich hat: einen Hochbegabten, der sich in Astrophysik vertieft. Waldo hat etwas begriffen, was die anderen erst allmählich von ihm lernen: "Alles ist mit allem verbunden. Dr. Wilf. Ich. Ihr. Wie Teile eines galaktischen Superhaufens." Ben Wilf hat geholfen, Waldo auf die Welt zu bringen, und es wird der elfjährige Waldo sein, der Bens Frau Mimi aus dem Leben begleitet und dem alten Arzt, der längst in Kalifornien lebt, klarmacht, dass Tote nicht sterben, sondern immer bei uns sind.
Dani Shapiro erzählt über vierzig Jahre hinweg und springt von einem Jahrzehnt ins andere und wieder zurück, und das ist stimmig. Denn im Tiefsten ist dies ein spirituelles Buch. Es führt uns in den Bereich jenseits der sogenannten Realität, in dem es keine lineare Zeit gibt: "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entfalten sich immer und ewig."
Das Buch ist so herzzerreißend schön, voller Schmerz und Traurigkeit, aber gerade deshalb tröstlich. Wenn du je erfahren hast, dass ein Ereignis dein Leben in ein unwiederbringliches Vorher und ein Nachher trennt, ist dies dein Buch.
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Ich habe einen komplizierten Körper, der mich in Abständen in eine Schmerzhölle schickt. Dann bestehe ich nicht mehr aus einzelnen unterscheidbaren Körperteilen, sondern bin ganz und gar Schmerz. Alles, was ich auch noch bin - hilfreiche Gedanken, aufbauende Gefühle, Zuversicht, Mut - ist scheinbar verschwunden. In solchen Momenten muss mich meine geschätzte Thai-Masseurin wieder zusammensetzen, was mir noch mehr Schmerz bereitet. Aber das ist nicht mein Thema, sondern mein gestriger Besuch bei ihr.
Ihre Praxis ist in der Nähe des Theaters, und auf dem Theaterplatz fand die Kundgebung der streikenden Verdi-Mitglieder statt. Drinnen die sanften meditativen Klänge, die meine Therapeutin mir gönnt, und draußen lautes Gebrüll übers Megaphon. Es war 10.30 Uhr. Wieder zuhause, rief ich im Internet die Tagesschau auf und sah, dass um 10.30 Uhr in München ein abgelehnter Asylbewerber in die Teilnehmer der Verdi-Kundgebung auf dem Stiglmaier-Platz gefahren war. Schwerverletzte, Schocks, Not-Operationen. Ich öffnete mein Mail-Programm und fand den jubelnden Rundbrief einer Bekannten vor: Ihr erstes Enkelkind war zur Welt gekommen. Gesund, vollständig und vollkommen. Um 10.48 Uhr.
Die unfassbare Gleichzeitigkeit all dessen, was geschieht. Ständig müssen sich unsere Gefühle an eine neue Situation anpassen, und das nicht in einem hübsch sanften Übergang. Im Chor singen wir manchmal ein Stück, in dem nach einem Taktwechsel abrupt die Stimmung wechselt. Dann freut sich eine nicht-professionelle Sängerin wie ich, wenn davor eine Viertel-Note Atempause eingelegt wird. Mir scheint, uns fehlen im Moment die Atempausen.
An manchen Tagen begebe ich mich auf meine hohe Wolke und betrachte die entzückende Welt unter mir mit Nachsicht. Die lieben Kleinen, die dort unten so emsig herumwuseln und sich abarbeiten an ihren (von oben betrachtet) so unerheblichen Problemen. Wie sie sich freuen, eine Lösung gefunden zu haben, und nicht sehen, was ich sehe (von oben): Das nächste Problem kommt bereits um die Ecke, und es wird noch viel komplizierter sein als das soeben erledigte. Aber mein Körper holt mich schnell ins sehr Irdische zurück, und vielleicht sollte ich ihm das nicht nur nicht übelnehmen, sondern ihm dankbar dafür sein. Ich bin gezwungen, mittendrin zu bleiben.
Das ist der Sound der Gegenwart: Über ein Megafon gebrüllte Forderungen, die Schreie verletzter Menschen und sehr leise darüber die zarten Klänge der Sitar.
Es gibt Stücke der Neuen Musik, die es ungeübten Ohren schwer machen, eine Melodie zu erkennen. Scheinbar zerfällt das Ganze in unzusammenhängende Einzelteile; ein langgezogener Ton der Streicher, ein Paukenschlag, und dazwischen tönt ein Horn. So geht es uns zurzeit: Wir schaffen es nicht, die Einzelheiten all dessen, was auf uns einstürmt, zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Deshalb neigen wir dazu, den einen Terrorakt hier oder die eine beängstigende Rede aus den USA dort und die erschreckenden Aussagen dieser und jener Partei absolut zu setzen und zu vergessen, dass es auch das andere gibt.
Man braucht Zeit, sich in Neue Musik einzuhören, den ungewohnen Klang anzunehmen und zu begreifen: Ja, das ist ein Ganzes. Hören ist ein Lernprozess. Wenn wir den Gesamtklang des gegenwärtigen Sounds wahrnehmen, hören wir auch die Sitar. Ganz zart schwebt sie über dem Lauten. Aber sie ist da.
Und gönnen wir uns Atempausen.
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So eine Katze auf der Suche nach einem Menschen sitzt beispielsweise eines Tages auf der Gartentreppe, als habe sie jemand versehentlich dort abgestellt. Falsches Haus, falsche Treppe, die Katze blickt entschuldigend, sie kann ja nichts dafür. Wo sie nun aber schon mal da ist, schaut sie sich auch an, was ringsherum geboten wird, vor allem den Menschen, der die Tür geöffnet hat und hoffentlich Oh, eine Katze! ruft; ein gutes Zeichen, er hätte auch einen Pantoffel werfen können. Türöffnende Kinder sind vielversprechend und heikel zugleich, sie rufen Nein, ist die süß!, was gut ist, aber Süßes ist unwiderstehlich, und so packen sie schnell zu und halten die Beute am Schwanz fest, das ist schlecht.
Wenn der Mensch, was fast immer der Fall ist, einigermaßen anständig ist und von Katzen keine Ahnung hat, tritt die Katze zerstreut um sich blickend durch die Haustür in die Diele, als suche sie jemanden, den sie verloren hat. Der anständige Mensch ist gerührt über so viel Verlorenheit und lässt, obwohl ihm das in dem Moment nicht klar ist, in einer Ecke seines Herzens die Hoffnung zu, er sei ganz persönlich derjenige, der hier gesucht und endlich gefunden wurde. Der unter allen Nachbarn Auserwählte, der in Zukunft dieses weiche braungraue Fell und diese rosa Nase beherbergen darf, obwohl er sich nie eine Katze gewünscht hat, aber Wünsche können sich ja ändern. Er sieht verdutzt und ratlos und schon ein wenig verliebt der Katze zu, die mit hoch gestelltem Schwanz seinen Schrank umrundet, seine Topfpflanze beschnuppert und probeweise an den Teppichfransen häkelt, und schließt, es ist ihm gar nicht bewusst, die Tür hinter sich und dieser Überraschung, die das Leben ausgerechnet auf seiner Treppe abgelegt hat. Die Katze registriert im Augenwinkel befriedigt die geschlossene Tür, gähnt ausgiebig und springt mit einem Satz auf das Sofa.
Drei Stunden später kauft der Mensch im Supermarkt ein halbes Dutzend Dosen Huhn mit Gemüse in Gelee.
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Santacitta Bhikkhuni erinnert sich an die junge Frau, die sie einst war. Sie suchte „etwas, das zu mehr Weisheit und Harmonie mit den Dingen führt, so, wie sie wirklich sind“. Dieser Satz fasst wunderbar prägnant zusammen, was eine langjährige buddhistische Praxis leisten kann. In sehr persönlichen Gesprächen mit ihrer Freundin, der Journalistin Irmgard Kirchner, erzählt sie in diesem Buch von ihrem Weg. Wie wird eine Frau, die eigentlich das Hotel ihrer Eltern übernehmen sollte, Nonne?
Sylvia Bayer wird 1958 in der Steiermark geboren. Sie besucht die Hotelfachschule, dann arbeitet sie in Wien in einem avantgardistischen Theater und studiert Kulturanthropologie. Während sie zu Feldforschungen in Thailand ist, gerät sie durch einen jener Zufälle, die keine sind, in das Waldkloster von Ajahn Buddhadasa und beginnt zu meditieren. Aber unsere Lebenswege sind nie geradlinig, und auch Santacitta musste erst ein paar Umwege gehen, bevor der Wunsch, sich als Nonne ordinieren zu lassen, stark genug war. Erst stirbt ihr drogensüchtiger Geliebter in ihren Armen, dann heiratet sie einen thailändischen Geschäftsmann, der in kriminelle Machenschaften verwickelt ist.
Dieses Buch verwebt die Erläuterung des Dharma mit der persönlichen Lebensgeschichte von Santacitta. Sie erklärt ihrer präzise nachfragenden Freundin buddhistische Lehrinhalte auf alltagsnahe Weise, mit Beispielen aus ihrem Leben. Der Edle Achtfache Pfad, die Brahmaviharas, die Sieben Erwachensfaktoren und die Ethischen Grundsätze zum Beispiel werden nicht als abstrakte Lehrinhalte, sondern als hilfreiche Ausrichtung und Haltung für ein heilsames Leben vorgestellt.
Schon die junge Sylvia Bayer hatte begriffen, dass ihre mütterliche Ahnenlinie von Männern unterdrückt worden war. Diesen kritischen Blick auf Gender-Themen hat sie auch als Nonne nicht verloren. In den diversen Klöstern, in denen sie lebte, konnte sie die Diskriminierung von Nonnen gegenüber Mönchen nicht akzeptieren. Selbst die volle Ordination war Frauen dort nicht möglich. Schließlich verließ sie mit einer Mitschwester ihre Linie und gründete das Kloster Aloka-Vihara in San Francisco, nachdem sie im Spirit Rock Center ordiniert wurde.
Santacitta Bhikkhuni engagiert sich bis heute für die Umweltbewegung und die Ermächtigung von Frauen: "Ich setze mich für die Gleichberechtigung von Frauen ein und ich mache das nicht nur aus sozialen, sondern auch aus psychologischen Gründen. Es macht etwas mit unserem Geist, wenn wir uns als Frauen freiwillig oder gezwungen in eine untergeordnete Position begeben. Wenn du wirklich erwachen und die Verblendung hinter dir lassen willst, muss die ganze Kapazität deines Geistes verfügbar sein."
Dieses Buch ist eine inspirierende Landkarte für die Reise zum Erwachen, gerade für Laiinnen und Laien.
Irmgard Kirchner, Santacitta Bhikkhuni "Fang einfach an! Wie mir meine Freundin den Buddhismus erklärt. edition steinrich, ISBN 978-3-942085-83-0.
(Werbung) Wenn ihr online bestellen wollt, empfehle ich euch den gemeinwohlbilanzierten sozialen Buchversand Buch7, der soziale, kulturelle und ökologische Projekte unterstützt. Ihr werdet schnell und versandkostenfrei beliefert, und ich erhalte eine (sehr kleine) Provision dafür. Santacitta bestellen hier (klick)
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