Samstag, 29. August 2015

Bergstille


Man muss früh auf dem Berg sein, dann ist man allein mit den Schmetterlingen und dem Wind. Allein mit der Stille. Von weither die Glocken der Kühe, sie stören die Stille nicht, im Gegenteil: Sie vertiefen sie. Im Dunst weit hinten Eiger, Mönch und Jungfrau. Nur der Montblanc, den man an klaren Tagen angeblich sehen kann, hat sich eine Nebelkapuze übergezogen.

Ich sitze auf der einzigen Bank. Hinter mir Schritte, ein Mann. Er setzt sich neben mich, es gibt ja nur eine Bank. Zerfurchtes sonnengeledertes Gesicht, Socken, die nur noch Fersen, keine Zehen mehr haben. Ein unendlich schmutziger Rucksack. Nun ist für eine, die eine Eremitenseele hat, ein Mann in der Bergstille eine Prüfung. Männer (auch Frauen) beginnen in solchen Momenten gern ein Gespräch. Man hat ja gelernt, da unten in der Zivilisation der Städte, dass man sich nicht einfach stumm neben jemanden auf eine Bank setzen kann. Da muss man ein wenig plaudern, ein kleines Band aus Worten knüpfen, und das mit allerlei Absichten. (Man will höflich/freundlich/interessiert erscheinen, ist neugierig, wünscht sich was, denkt sich was aus.)

Der Mann mit den zehenlosen Socken sitzt neben mir und schweigt. Es ist ein völlig ruhiges Schweigen von einem, der das kann. Ein Schweigen wie dieses muss man lange geübt haben. Es bleibt ganz bei sich, greift nicht unsichtbar mit energetischen Haken nach der anderen da auf der Bank. Es schickt auch keine Gedankenwellen aus. Der Mann schweigt, wie Wildtiere schweigen, die noch mit dem Urgrund der Stille verbunden sind.

Der Wind weht, die Kuhglocken läuten, die Sonne steigt und ist heiß. Irgendwann steht der Mann auf, ergreift seinen Rucksack und geht. Grußlos. Still.

Sonntag, 23. August 2015

"Ich sitz jetzt im Zug!"


In den letzten Wochen war ich viel im Zug unterwegs. Ich bin gefühlte zwei Dutzend Mal umgestiegen, von einem Zug in den anderen, und Hunderte Menschen stiegen mit mir um oder stiegen zu, während ich noch sitzen bleiben durfte. Mit Koffern, Taschen, Rucksäcken, Beuteln. Und kaum hatten sie ihren Platz eingenommen, holten gefühlte 90 Prozent der Zugestiegenen aus ihren Koffern, Taschen, Rucksäcken oder Beuteln ein Smartphone, tippten eine Nummer ein und begannen ihre Konversation mit dem Satz: "Ich sitz jetzt im Zug!"

Warum will jemand jemandem, den er vielleicht gerade erst verlassen hat oder in Kürze sehen wird, sofort und dringlich mitteilen, dass er im Zug sitzt? Ich brauchte zwei Haltestellen und zwei Äpfel aus meinem Proviant, bis ich begriff: Die teilen das nicht dem anderen mit, sondern sich selbst. Sie haben gerade entdeckt, dass sie Menschen auf der Schwelle sind.

In alten Häusern gab es die sichtbare hölzerne Schwelle, die Drinnen und Draußen trennte, die Haustür vom Garten, die Zimmertür vom Flur. Heute geht das Drinnen nahtlos über in das Draußen. Vor den Geschäften öffnen sich einladend gläserne Schiebetüren, sobald man ihnen zu nahe kommt, und die Häuser - vorbildlich rollstuhlgerecht eingerichtet - haben durchgehend Parkett. Keine Schwelle mehr, keine Trennung, kein Übergang von einem Raum in den anderen. Und somit kein Bewusstsein mehr dafür, dass unterschiedliche Räume unterschiedliche Empfindungen auslösen, von uns unterschiedliche Antworten, Handlungen oder Gesten verlangen. Beim Überschreiten jeder Schwelle müssten wir uns auf subtile Weise neu verorten; heute stolpern wir stattdessen unbemerkt in etwas Neues hinein, das wir, da wir auf Neues nicht vorbereitet waren, als leise bedrohlich empfinden.

Wer Zug fährt, ist nicht mehr dort, von wo er aufgebrochen ist, aber auch noch nicht dort, wo er hinwill. Nicht zufällig heißen die Dinger, über die der Zug fährt, Eisenbahnschwellen. Und weil Zugfahren ein so ungewöhnlich langer Aufenthalt im scheinbaren Niemandsland zwischen dem Nicht-Mehr und Noch-Nicht ist, kann einem schon mal der Gedanke kommen, dass die Schwelle vielleicht sogar grundsätzlich der Ort des Menschen ist. Ein Ort, der sowohl dem Hier als auch dem Dort angehört; ein Unterwegssein, das kein Ende hat und deshalb kein Ankommen kennt, oder besser: ein Ankommen, das kein Ziel braucht, weil wir immer schon angekommen sind. In diesem Moment, der schon nicht mehr der vorherige Moment ist. Auf dieser Schwelle. Hier, im Jetzt.

Solche Gedanken können einem schon kommen beim Zugfahren. Wie beruhigend, wenn man dann ein Smartphone aus seiner Tasche holen kann und jemanden hat, dem man erzählen kann: "Ich sitz jetzt im Zug!"

Mittwoch, 19. August 2015

Study Course in The Netherlands



The well known Zen school zen.nl will offer a study course based on my book "Dit ene moment" in most of its 39 branches in the Netherlands. Here you find more informations.

This book is the Netherlands edition of "Dieser Augenblick". I tell a lot of stories because stories speak to our hearts rather than to our intellects. In a playful way they act as mirrors for us. In their images we find ourselves, our habits and our opinions which prevent us from becoming truly free.

I am grateful that my Zen friends in the Netherlands find my book helpful. I wish you all a wonderful and joyful time.

Samstag, 8. August 2015

Weißt du, was du bist? Do you know what you are?



Do you know what you are?
You are a manuscript of a divine letter.
You are a mirror reflecting a noble face.
This universe is not outside of you.
Look inside yourself;
everything that you want,
you are already that.

Rumi

Weißt du, was du bist?
Du bist das Manuskript eines göttlichen Briefes.
Du bist ein Spiegel, der ein edles Gesicht spiegelt.
Dieses Universum ist nicht außerhalb von dir.
Schau in dich hinein:
All das, was du willst,
bist du bereits.

Rumi

Mit dieser Frage verabschiede ich mich für ein paar Tage und ziehe mich in die Stille zurück. Bis bald!

Mittwoch, 5. August 2015

Der achtzehnte Elefant

Foto: Alexander Klink via Wikipedia

"Eines Tages starb ein reicher indischer Kaufmann und hinterließ seinen drei Söhnen siebzehn Elefanten. In seinem Testament bestimmte er, dass der älteste Sohn die Hälfte, der Zweitgeborene ein Drittel und der Jüngste ein Neuntel davon bekommen sollte. Die Söhne rechneten nächtelang und kamen zu keinem Ergebnis. Da kam ein Minister des Königs, der auf einem Elefanten unterwegs war, durch das Dorf, hörte von dem Problem der Brüder und bot seine Hilfe an 'Nehmt meinen Elefanten dazu', sagte er. 'Und dann teilt die achtzehn Elefanten auf, wie Euch aufgetragen wurde.'

Die Brüder wunderten sich über die Großzügigkeit des Fremden, nahmen das Angebot an und machten sich an die Aufteilung. Der Älteste bekam die Hälfte, also neun. Der Zweitälteste bekam ein Drittel, also sechs, und der Jüngste sein Neuntel, also zwei. Insgesamt waren das siebzehn Elefanten. Die Brüder dankten dem Minister für seine Hilfe, der Minister schwang sich auf seinen Elefanten und ritt davon."

(Aus: Margrit Irgang "Geh, wo kein Pfad ist, und hinterlasse eine Spur. Ermutigung zum Eigensinn". Herder Verlag ISBN 978-3-451-06111-0)