Sonntag, 30. August 2026

Erwachend leben

 

"Buddhistische Traditionen sprechen vom 'Erwachen zum Wahren Selbst', und diese Erfahrung stellt sich nicht ein als Belohnung für besondere Anstrengung oder Wohlverhalten. Sie kann jederzeit geschehen. Hier und jetzt. Für jede und jeden von uns. Es geschieht in dem Moment, in dem sich etwas in Ihnen - ohne dass es Ihnen zunächst bewusst war - gelöst hat. Auf einmal schweigt das innere Geplauder, haben sich die lebenslangen Überzeugungen zur Ruhe gelegt, sind weder Wünsche noch Hoffnungen noch Ärger lebendig, und alle Erinnerungen schlafen. Ihr Geist ist leer. Und in diese Leere strömt die Lebendigkeit des Urgrunds mit seinen Inspirationen, Ideen und seiner Weisheit." 

Aus: Margrit Irgang "Erwachen im Hier und Jetzt", Patmos Verlag. 

Wollt ihr das Erwachen als Praxis in der Intersein-Tradition lernen? Seid herzlich eingeladen zu meinem Seminar

Erwachend leben

1. bis 4. Oktober 2026

Waldhof Freiburg

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Samstag, 22. August 2026

Literatur und KI

 

Vor unserer Bibliothek: In Harz eingegossene Bücher, der Schreddermaschine entronnen.


Vor ein paar Monaten fiel es mir auf. Mein Blog hat normalerweise einhundert bis einhundertfünfzig Aufrufe pro Tag. Plötzlich hatte er zwanzigtausend im Monat! Ich hörte mich um und erfuhr: Auch andere Blogger kannten das Phänomen. Zwei Wochen später las ich im britischen Guardian, dass bei europäischen Antiquariaten seit Kurzem jede Nacht riesige Bestellungen eingehen von einer mysteriösen kanadisch-amerikanischen Firma namens Zoom Books. Die Firma kauft offenbar wahllos alte Bücher ein, bevorzugt Sachbücher. Die Antiquare freuten sich: Sie wurden ihre Ladenhüter los. Aber irgendwann wurden sie stutzig. Wofür braucht Zoom Books all diese Bücher?

Inzwischen ist einiges bekannt. Nach Recherchen der Washington Post hat die amerikanische KI-Firma Anthropic schon vor längerer Zeit millionenfach Bücher aufgekauft, die Buchrücken entfernt, die Seiten eingescannt und danach die Bücher vernichtet. Das fällt offenbar nach US-amerikanischem Recht unter die sogenannte "Fair Use"-Regel, nach der man Bücher, die man physisch besitzt, nach eigenem Ermessen nutzen darf. (Anthropic hat allerdings auch sieben Milliarden Bücher illegal online heruntergeladen, wofür sie 1,5 Milliarden Dollar an die Autoren zahlen mussten.)

Inzwischen hat Zoom Books, wie ein Antiquar in der Süddeutschen Zeitung erzählt, eine Filiale in Deutschland, weil der Versand in die USA den meisten Antiquariaten zu teuer war. Bestellt werden vor allem Bücher mit einer ISBN aus den 1970er Jahren und später, weil die noch urheberrechtsgeschützt und, anders als frühere Werke, noch nicht digitalisiert sind. 

Irgendwo in den USA wird also eine KI mit meinen Texten gefüttert, auch mit diesem hier. Was macht die KI dann damit? Wie wird sie programmiert, was spuckt sie auf welchen Befehl hin aus? Worte und Sätze, die - wenn es um Literatur geht - von den so wichtigen Zwischentönen "gereinigt" und aus dem ursprünglichen Kontext gerissen werden. 

Die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat kürzlich auf einer Konferenz gesagt, sie gebe manchmal der KI eine Idee vor und frage sie: "Schatz, wie können wir das schön entwickeln?" Der Deutschlandfunk zitiert einen Cosy-Crime-Autor (ich hatte zuvor noch nie von dem Genre gehört), der an die KI auslagert, was er nicht gerne macht: "Das Plotten, die Charakterentwicklung, die erste Rohfassung". Die KI kennt auch seine Zielgruppe und weiß, was für diese funktioniert und was nicht. Das füttert er in seinen Charakter-Bot ein, der aus den Versatzstücken einen verkaufsfördernden Protagonisten zusammenschustert. Warum das Ganze? Er schaffe, sagt der Autor, auf diese Weise mehr Bücher in kürzerer Zeit.

Meine amerikanische Schwägerin ist eine typische New Yorkerin: verknappte, schnelle Sprache ohne unnötige Adjektive oder Halbsätze. Kürzlich bekam ich von ihr eine lange Mail. Eine seeehr lange Mail mit richtig bildhaften Beschreibungen ihrer letzten Reise, hübschen kleinen Anekdoten und viel Humor. Ich staunte. Bis ich die winzig kleine Unterschrift am Schluss las: "Written by Dorothy and AI".

Ich habe eine Bekannte, die noch nicht einmal ein Smartphone besitzt. Und eine Freundin, die zwar eins hat (das sie kaum benutzt), dafür aber keine E-Mail. Beide sind schwer zu erreichen, weil sie oft keine Lust haben, das Festnetz-Telefon abzuheben. Verstehe ich sehr gut.

Was für eine seltsame Zeit. Wir alle befinden uns irgendwo zwischen Verharren und Davonstürmen; in einer Welt, die sich unablässig verändert und uns zwingt, uns irgendwie zu ihr zu verhalten. Ich fühle mich gerade wie eine Läuferin, die vom Laufen müde geworden ist und ihr Tempo langsam auslaufen lässt. Ein Ziel hat sie nicht mehr, würde sie ohnehin nicht erreichen. Was sie hat, ist Landschaft entlang des Weges. Ein wenig Wetter jeder Art. Manchmal geht jemand im selben Tempo wie sie, dann geht man ein Stück gemeinsam. Aber das ist selten.

Was für eine seltsame Zeit. 

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Sonntag, 16. August 2026

Hermann Hesse als Maler



"Daß ich kein Maler mehr werden kann, weiß ich schon, aber das intensive Selbstvergessen in der Hingabe an die Erscheinungswelt ist ein Erlebnis. Daß ich tagelang mich selber und die Welt und den Krieg und alles ganz und gar vergessen habe, war seit 1914 das erste Mal". Schreibt Hermann Hesse in einem Brief an einen Freund im Jahr 1917. 

Hesse ist in einer schweren Krise. Seine Ehe mit der psychisch kranken Maria Bernoulli ist zerbrochen, sein Vater ist ein Jahr zuvor gestorben, und nach einem Aufenthalt im Sanatorium Sonnmatt in Luzern beginnt er eine Psychoanalyse bei J. B. Lang in Zürich. Lang hat eine Idee, die sich als lebensrettend erweisen soll: Er rät Hesse, mit dem Malen anzufangen.

Hesse kauft Papier, Aquarellfarben und Pinsel. "Ich öffne den Schrank und gehe ans Auswählen eines Papieres, manchmal locken mich die glatten, manchmal die rauhen, manchmal die edlen Aquarellpapiere. Diesmal bekam ich beim Suchen Lust auf ein sehr einfaches, leicht gelbliches Papier, von dem ich noch wenige gesparte Bogen pietätvoll aufbewahre. Es ist das Papier, auf dem einst eines meiner liebsten Bücher, die 'Wanderung' gedruckt wurde."

Kurze Zeit später zieht er nach Montagnola ins Tessin, und die Farben des Südens sind auch für seine Malkunst eine Befreiung. Das Schreiben war ihm, dem Grübler, zuletzt schwergefallen. Mit dem Malen erobert er sich die verschüttete Sinnlichkeit neu. 



Foto: Kunsthalle Messmer

Die Kunsthalle Messmer in Riegel am Kaiserstuhl zeigt zur Zeit eine Ausstellung mit den Aquarellen von Hermann Hesse. Ein durchaus konservativer Malstil: Häuser, Bäume, Pflanzen, mit Bleistift vorgezeichnet, mit Farbe ausgefüllt. Aber nichts daran wirkt unbeholfen. Die Perspektiven stimmen und vor allem sind da die Farben: Leuchtende Rot-, Orange-, Gelb- und Grüntöne, ein Feuerwerk der sinnlichen Wahrnehmung. In den späten Bildern wagt er sich sogar ans Expressionistische. Auf die Frage, warum er schreibe, sagte Hesse einmal: "Weil man nicht immer malen kann."

Eine schöne Ausstellung. Dass sie mich etwas melancholisch gestimmt hat, liegt an meiner Geschichte. Als ich jung war, hat man meine Zeichnungen lächerlich gemacht und ich habe nie den Weg in diese naive Freude an der Farbe und am Gestalten gefunden. Heute weiß ich zu viel über Kunst, um damit noch anzufangen.


Mehr über die Ausstellung - in der auch Gedichte an den Wänden hängen - findet ihr hier (klick).

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Samstag, 8. August 2026

Das Doshi Retreat




Ein mehrfach gewundener Pfad, Wände aus korrodiertem Stahl in der Farbe von Adobe-Bauten in New Mexico. Rechtsherum, linksherum. Unter meinen Schuhen knirscht der Kies. Es geht sanft abwärts. Je tiefer ich komme, in den Erdboden hinein, umso intensiver höre ich die Klänge. Eine Flöte, ein Gong. Ein Instrument, das ich nicht einordnen kann. Keine Melodien, nur Klänge, die mich umschweben. Die anschwellen, abschwellen. Es ist heiß an diesem noch frühen Morgen. Irgendwo ruft eine Krähe.




Der mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete indische Architekt Balkrishna Doshi hatte einen Traum, in dem sich zwei Kobras umschlangen. Zusammen mit seiner Enkelin und deren Mann baute er nach diesem Traum das Doshi Retreat an einer entlegenen Ecke des Vitra Design Campus in Weil am Rhein. Die Architekten bezogen sich bei der Gestaltung auf die indische Philosophie der Kundalini-Kraft, die an der Basis der Wirbelsäule ruht. Das Erwecken und Aufsteigen dieser Kraft ist in der indischen Tradition wesentlich für die spirituelle Transformation. Das Retreat in Weil war das erste Bauwerk, das Doshi außerhalb von Indien realisierte, und zugleich das letzte vor seinem Tod.




Ich bin im inneren Raum angekommen. Er leuchtet. An der Decke ein in Indien gefertigtes Mandala aus gehämmertem Messing. An der Stirnwand ein großer Gong. Zwei schlichte Steinbänke. Wasser umfließt uns. Zwei andere, Fremde, haben sich wie ich an diesem frühen Morgen eingefunden und meditieren mit mir. Die Klänge schweben um uns herum, und doch ist dies ein Ort der Stille. Khushnu Pantaki Hoof, Doshis Enkelin, sagt: "Es ist der Klang, der durch den Körper der Besucherin, des Besuchers, widerhallt, der die Grenze zwischen dem Selbst und der Struktur aufhebt."

Ich gehe langsam hinauf in die Welt durch die gewundenen ockerbraunen Pfade, und die Klänge verwehen hinter mir. Vom Euro Airport Basel steigt ein Jet auf, eine laut redende italienische Reisegruppe mit Sonnenschirmen kommt mir entgegen. Ich war fast eine Stunde im Retreat. Was sollte mich jetzt noch stören. 

Die Website des Vitra Design Museums und des Doshi Retreat findet ihr hier (klick).

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