Donnerstag, 21. Oktober 2021

Waldgebadet

 


"Wir sind mit der überraschenden Tatsache konfrontiert", schreibt der Psychiatrie-Professor Joel Dimsdale von der University of California, "dass es sich beim Immunsystem um ein Sinnessystem handelt, das fähig ist, wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu handeln." An dem Satz überrascht mich nur, dass ein Psychiater über diese Tatsache überrascht ist. 

Professor Dimsdale meint das natürlich streng medizinisch-sachlich; ein mit seinem Menschen plauderndes Immunsystem wäre für ihn eine absurde Vorstellung. Aber die Dichter sind ja bekannt für ihre Irrationalität; sie denken nicht nur in Bildern, sie glauben tatsächlich an sie. Metaphern sind für sie Fakten - ich bin ein Graus für die Naturwissenschaftler in meinem Freundeskreis (es gibt einige).

Mein Immunsystem und ich haben in unserer lebenslangen Beziehung das Stadium des wortlosen Verstehens erreicht. Nicht, dass wir früher miteinander gesprochen hätten. Ich wusste gar nicht, dass es  in mir eine Instanz gibt, die mir dauernd etwas mitzuteilen versucht. Sie spricht so leise. Beziehungsweise, sie spricht eigentlich gar nicht, äußert sich also nonverbal. Ihr Vokabular besteht aus Gefühlen, oder eher aus den Vorstufen von Gefühlen. Ein Hauch von Unbehagen wird ausgesandt und formt sich in meinem Geist zu einem vagen Eigentlich möchte ich lieber nicht. Was mich in sozialen Zusammenhängen manchmal zu einer schwierigen Person macht.

Inzwischen sind mein Immunsystem und ich gute Freundinnen (es ist eine Sie), und weil ich ihr seit einigen Jahren widerspruchslos gehorche, schickt sie mir jetzt zunehmend positive Aufforderungen. Sie mag Tiere, Blumen, Düfte, und sie liebt es, unter Bäumen zu sein. Also gehe ich mit ihr in den Wald. 




 

Der Wald, habe ich gelernt, ist ein riesiges Kommunikationssystem, in dem pausenlos Botschaften ausgetauscht werden zwischen Pflanzen und Tieren: den Bäumen, Sträuchern, Farnen, dem Moos und den Würmern, den Mikroorganismen und dem unterirdischen Geflecht der Pilze. Ich gehe da so unter den Bäumen dahin und denke mir: Das nimmt sie, mein mir eingeborenes Sinnessystem, alles wahr. Sie ist hier unter ihresgleichen, sie beherrscht diese nonverbale Kommunikation, hört mit, sammelt die hilfreichen Terpene ein, die von den Pflanzen ausgesandt werden, leitet sie weiter an Orte in meinem Körper, die ich bewusst nie kennenlernen werde, erhöht mit ihnen die Killerzellen in meinem Blut, baut die letzten Reste vom morgendlichen Arbeitsstress ab, und bei mir kommt von dieser ganzen hochsubtilen unablässigen Arbeit meines Immunsystems nichts weiter an als das Gefühl, mich hier pudelwohl zu fühlen.

 


Kein Mensch weit und breit. Unter meinen Füßen raschelt das Laub. Die essbaren Pilze sind längst in Körben und Kochtöpfen verschwunden; was jetzt hier noch steht, ist mehr Skulptur und wundersame Gestalt, darf verrotten zu neuer Nahrung, darf Unterschlupf bieten für zahllose winzige Lebewesen. Von oben rieselt leise Blatt um Blatt. 

Und dann naht etwas Ungeheuerliches auf einem zugewachsenen Nebenweg, mit einem Krachen und Bersten von Ästen, und zugleich schlägt etwas rhythmisch auf den Waldboden ein. Ich rekapituliere rasch, was ich über Wildschweine weiß, und leider fällt mir die Notiz aus der Zeitung von vor ein paar Tagen ein, nach der ein Jäger "versehentlich" zwei Pferde erschossen hat. Mein uraltes System aus der Zeit der Säbelzahntiger springt zuverlässig an und fährt das Adrenalin hoch, um mich in die rettende Flucht zu treiben. Jäger? Mit großen Hunden? Rehe, auf der Flucht vor ihnen?

Sie brechen durchs Unterholz, vier Damen mittleren Alters, die ihre Nordic-Walking-Stöcke in den Boden rammen, absolut synchron, viermal rechts, viermal links, jeder Jazzchor wäre begeistert von so viel präzisem Rhythmusgefühl. Sie nicken mir stumm und, wie mir scheint, etwas verkniffen zu, queren den Hauptweg und werfen sich in weiteres Unterholz.

 

 

In Japan heißt das. was ich hier tue, shinrin yoku. Was bei uns mit "Waldbaden" übersetzt wird, aber eher "Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes" bedeutet und eine offiziell anerkannte therapeutische Maßnahme ist. Japanische Ärzte gehen mit ihren Patienten wie Pilger achtsam, langsam und schweigsam auf uralten Wegen durch den Wald, ermuntern sie (die Patienten), all ihre Sinne weit zu öffnen und ihr Immunsystem einzuladen, wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu handeln. Ich glaube, sie haben sogar Wälder, die eigens für shinrin yoku vorgesehen sind. Ach ja, Japan eben.

Aber man muss mit dem arbeiten, was man hat.

Ich lege mich und mein Immunsystem auf einem Baumstamm ab. Sie muss Stresshormone abbauen, das ist Arbeit. Ziemlich früh am Abend sinken wir beide waldgebadet ins Bett. Und die Pilze und bunten Blätter und das goldene Licht waren wirklich sehr schön.

 

2 Kommentare:

  1. Wunderschöner, inspirierender Blog! Ich lese ihn immer wieder gerne. Vielen Dank!

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  2. Liebe Frau Irgang, das haben Sie wunderschön geschrieben und tatsächlich habe ich mich wieder entdeckt. Genau solch einen Waldspaziergang habe ich heute gemacht. Vielen Dank für Ihren Blog, den ich regelmäßig besuche. ��

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