Sonntag, 10. Oktober 2021

Hand in Hand

 

Vielleicht haben sie das vor fünfundsiebzig Jahren getan, damals im Kindergarten, eine euphemistische Bezeichnung für die zugige Baracke, in der zwei überforderte Erzieherinnen, die damals noch Kindergärtnerinnen hießen, versuchten, dreißig tobende Fünfjährige in Schach zu halten. Sie war die Neue, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, Vater drüben geblieben, ein Ausdruck, unter dem sie sich nichts anderes vorstellen konnte als die Welt hinter dem Trümmerhaufen, der die Grenze des ihr erlaubten Bewegungsraumes bildete. Sie stand in der Tür, verständnislos und verstört von dem Lärm, den sie weder gewohnt war noch gewollt hatte, herausgerissen aus der Stille des einen Zimmers, das die Alleinerziehende für sich und das Kind ergattert hatte, für dieses Kind, das die Mutter jetzt hier abgestellt hat, weil es nicht anders ging, auch ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer muss bezahlt werden, und wo soll das Geld herkommen, wenn man den ganzen Tag mit einem Kind auf dem geliehenen Sofa sitzt.

Vielleicht kam er aus einer kinderreichen Familie, und ein einzeln stehendes Kind war für ihn eine Aufforderung, sich zu kümmern, vielleicht auch eine Bedrohung, er war das Beobachtetwerden nicht gewohnt, da musste man sofort einschreiten, vielleicht brauchten sie in dem Augenblick aber auch ein viertes Kind für ein Spiel, das sie sich ausgedacht hatten, aber vielleicht war er doch gerührt von so viel Verlorenheit. Er streckte ihr die Hand entgegen und zog sie hinein.

Vielleicht haben sie sich aneinander festgehalten in den Jahren, die kamen. Und einander losgelassen, als sie merkten, dass sich Wege gabeln können, dass der Umweg des Einen nicht der Umweg des Anderen sein muss, dass man sich sehr lange in einem vorher ungewohnten Gefühl bewegen kann, für das man erst einen Begriff suchen muss und dann einen findet, der sich zu eignen scheint, Einsamkeit. Und dass man sich doch wundersamerweise wiederfinden kann, hinter einer Wegbiegung, im freien Gelände, dort, wo vielleicht jetzt er verstört herumstand und sich fragte, an welchem Punkt seiner Entscheidungen, die ihm so zwingend erschienen waren, er sie aus den Augen verloren hatte. Vielleicht streckte sie ihm die Hand entgegen, und er ergriff sie.

Vielleicht werden sie noch eine Weile so weitergehen, jetzt als eine Einheit, ein nicht mehr zu trennendes Ganzes, denn er hat die besseren Augen und sie hat die besseren Beine. Wie gut, dass sie das Loslassen schon geübt haben, viele Male, von denen sich jedes Mal angefühlt hat, als wäre es das letzte Mal. Und vielleicht wird die Hand, die übrig bleibt - ihre oder seine -, sich erinnern an die andere Hand, deren Abdruck immer da sein wird, in den Klüften und Spalten des Handtellers. 

Sie wird warm sein, diese eine übriggebliebene Hand.


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