Samstag, 16. Januar 2021

Aufmerksamkeit schenken

 

In der Nacht zum Freitag fiel bei uns im Südwesten eine seit Jahren nicht mehr erlebte Menge Schnee. Gestern ging ich mit meiner Kamera über die Hügel und schaute mir die verwandelte Landschaft an. Viele Menschen waren unterwegs, Kinder rodelten, Hunde tobten. Dreimal begegnete ich dem Traktor vom Bauernhof, der an einer langen Leine (im vorgeschriebenen Abstand von einem Meter fünfzig!) drei Schlitten mit johlenden jungen Männern über die Hügel schleppte. Der letzte fiel, kurz bevor ich den Auslöser betätigte, in den Schnee und musste rennen.

 

 

Ich war - mitten im Lockdown - in eine Gemeinschaft glücklicher Menschen geraten. Und da begriff ich, warum es so schwer ist, zu erklären, was Achtsamsein bedeutet. Das hatte nur indirekt zu tun mit dem so plötzlich und unfreiwillig von der Leine gelassenen Schlittenfahrer (ich glaube, da waren vorher ein paar Flaschen Bier geleert worden). Ich begriff, dass wir ein Sprachproblem haben. Wenn ich sage, dass "ich" achtsam "bin", fehlt in dem Satz etwas - nämlich der gesamte Rest der Welt. Das ist ziemlich viel. Und weil Sprache unser Denken formt, überprüfe ich für mich jetzt eine andere Formulierung: Ich schenke Aufmerksamkeit. 

Wem? Was? Der Satz erfordert zwingend ein Reflexivpronomen. Und schon ist die Welt mit drin in der Aussage, wird einbezogen. Der Satz ist unvollständig ohne das "Gegenüber", ohne etwas, das nicht ich bin, das aber dadurch, dass ich ihm etwas schenke, hineingenommen wird in den gemeinsamen Raum, der jetzt entstanden ist.

 

 

Wäre das nicht eine Übung für den Lockdown, der, wie das Gerücht es will, verlängert und verschärft werden soll? Aufmerksamkeit schenken - vielleicht einfach nur dem Restchen Schnee am Zaun. Schon ist man nicht mehr allein, sondern mindestens zu zweit. Und wenn man es schafft, noch länger Aufmerksamkeit zu schenken, wird vielleicht auf einmal der Satz ganz klar: das Universum ist in einem Sandkorn zu finden.

Warum dann nicht in einem Bällchen Schnee?


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