Mittwoch, 8. April 2020

Die Gefühle der Mehrheit


Auf meinem täglichen Gang mit der Kamera begegnete mir letzte Woche dieser kleine Löwenzahn in einer Felsenwand. Er sah so schrecklich allein aus, und doch blühte er strahlend gelb vor sich hin und entfaltete seine Löwenzahnhaftigkeit in der kargen Umgebung. Ich dachte: Was für ein toller kleiner Kerl! Schaffen wir das auch?

Man findet gute Lehrer wie ihn an den unglaublichsten Orten.

Eins der bekanntesten Sutras ist das Metta Sutta, das Sutra über die allumfassende Liebe. Ich habe es noch einmal gelesen und gesehen, dass es uns eine Anleitung zum Leben in Selbst-Isolation gibt. In der Version von Thich Nhat Hanh beginnt es so: "Wer Frieden erlangen  möchte, sei aufrichtig und bescheiden, sei fähig zu liebevollem Sprechen. Er oder sie wird wissen, wie man einfach und glücklich leben kann - mit ruhigen Sinnen, ohne Habsucht und unbeeinflusst von den Gefühlen der Mehrheit."

Ich erschrecke über die Kriegs-Rhetorik, die im Moment von Politikern benutzt wird. Der Gouverneur von New York Andrew Cuomo sagt, die Welt sei im Krieg. Trump denkt das ohnehin, und Finanzminister Olaf Scholz vergleicht sein Finanzprogramm mit der "Bazooka". 

Wie schnell verlieren wir gerade im Alleinsein den inneren Frieden. Dunkle Gedanken haben die fatale Eigenschaft, sich in leeren Räumen gemütlich einzurichten. Ängste lieben Abende, an denen "nichts los ist", da können sie sich so richtig austoben. Wenn wir jetzt, um uns abzulenken, die Tagesschau und die nächste Sondersendung zum Thema Corona anschauen, stürmt das auf uns ein, wovor uns das Sutra warnt: "Die Gefühle der Mehrheit." Übrigens ist die Mehrheit manchmal auch die eigene Familie oder die Freundin, die das Alleinsein nicht aushält und dauernd anruft. Für sie alle brauchen wir dringend stabilen inneren Frieden und einen Geist, der nicht Amok läuft und keine Befürchtungen ausspinnt. Obwohl er die reale Bedrohung erkennt, sie nicht kleinredet, nicht beschönigt, nicht ignoriert.

Wenn wir inneren Frieden haben, sind wir wie der kleine Löwenzahn: Wir entfalten in der notgedrungen kargen Umgebung die uns eigene "Löwenzahnhaftigkeit": Unsere Menschlichkeit.

Und so fährt das Metta Sutta fort: "Mögen alle Wesen glücklich und wohlbehalten sein, und mögen ihre Herzen von Freude erfüllt sein. Mögen sie alle in Sicherheit und Frieden leben - ob sie nun schwach sind oder stark, lang oder kurz, groß oder klein, sichtbar oder unsichtbar, nah oder fern, bereits geboren oder noch nicht geboren. Mögen sie alle in vollkommener Gelassenheit weilen. Kein Wesen verletze je ein anderes, noch gefährde es das Leben eines anderen; kein Wesen wünsche einem anderen aus Ärger oder Übelwollen je Kummer oder Leid."

Das schaffen wir doch?


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