Donnerstag, 5. Oktober 2017

Die Welt ist ein dynamischer Fluss von Ereignissen


"Du kannst etwas als permanent wahrnehmen und gleichzeitig verstehen, dass es durch und durch vergänglich ist. Wenn dir das gelingt, kannst du damit aufhören, dem, was du siehst, bestimmte, unveränderliche Qualitäten zuzuschreiben - und wirst nicht auf irrige Art und Weise reagieren. Die Welt der Erscheinungen zu dekonstruieren hat etwas Befreiendes. Man ist nicht mehr in seinen eigenen Wahrnehmungen verstrickt und hört auf, die Welt der Phänomene zu vergegenständlichen. Dies hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie man die Welt wahrnimmt, und infolgedessen auch auf die eigene Erfahrung von Glück und Leid.

Sind alle mentalen Konstruktionen demaskiert, nimmt man die Welt als einen dynamischen Fluss von Ereignissen wahr und hört auf, die Realität auf irrige Weise einfrieren zu wollen. Das Wasser/Eis-Beispiel illustriert das sehr schön. Gefriert Wasser, bildet es feste Formen, die dir in die Hand schneiden. Du kannst dir auch die Knochen brechen, wenn du darauf fällst. Nun könnte man annehmen, dies sei das wahre Wesen des Wassers: Es hat eine bestimmte Gestalt, es ist hart etc. Es lässt sich außerdem in verschiedene Formen bringen - etwa die einer Blume oder eines Schlosses. Du kannst die Statue eines geliebten Menschen oder das Ebenbild einer Gottheit daraus modellieren. Doch sobald es warm wird, schmelzen all diese verschiedenen, klar definierten Formen zu genau derselben Flüssigkeit zusammen, zu demselben formlosen Wasser. (...) Wasser ist ein dynamischer Fluss, der temporär eine scheinbar stabile Gestalt annehmen kann. Dasselbe gilt für die Realität: Wenn wir davon ablasssen, sie sozusagen einzufrieren, setzen wir uns nicht mehr der Gefahr aus, sie als etwas Stabiles zu verdinglichen, das mit einem wahren, intrinsischen Wesen ausgestattet ist, und werden nicht in die Irre geführt."  Matthieu Ricard



Dies ist ein kleiner Auszug aus diesem Buch, das ich unbedingt empfehle: Dialoge zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard über Meditation und Gehirn, unbewusste Prozesse, die Realität, das Selbst, den freien Willen und das Wesen des Bewusstseins. Wolf Singer, Matthieu Ricard "Jenseits des Selbst", Suhrkamp Verlag.

Meine Rezension in SWR 2 in der SWR Mediathek hier (klick).

Kommentare:

  1. Das Beispiel des Wassers finde ich sehr schön. Es gibt ein Interview auf france inter mit den Beiden, das fand ich damals sehr spannend anzuhören.
    Und mein kleines Ich fragt sich immernoch: wohin mit der Traurigkeit um die Vergänglichkeit? Möge es doch loslassen wollen...;-)...
    Liebe Donnerstagsgrüße, Taija

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    1. Einem Zen-Meister war einst das einzige Kind gestorben. Einer seiner Mönche fand ihn bitterlich weinend am Teich vor. Der Mönch erinnerte sich an die Lehren des Meisters über Nicht-Anhaftung und fragte streng: "Warum weinst du? Hast du uns nicht gelehrt, dass es weder Geburt noch Tod gibt?" Der Meister sagte ruhig: "Ich weine, weil ich traurig bin." (Wahrscheinlich war der Meister, anders als der Mönch, hochsensibel, denn HSP leiden unter Verlusterfahrungen besonders.) Wir tanzen, wenn wir uns freuen. Wir weinen, wenn wir traurig sind. Alle Gefühle dürfen sein in dem großen weiten Raum des Bewusstseins. Wir lassen nicht die Gefühle los, sondern unseren Wunsch, sie loszuwerden. Das vielzitierte Loslassen ist in Wirklichkeit ein Seinlassen. Traurigkeit darf sein, nichts ist falsch an ihr. Sie wird uns etwas lehren, aber was das ist, erkennen wir vielleicht erst viele Jahre später. Vielleicht stellt sich irgendwann heraus, dass sie ein Geschenk war. Solange sie da ist, atmen wir mit ihr, und zeigen ihr ab und an eine schöne Blume, einen Sonnenuntergang, ein spielendes Kind. So lernt die Traurigkeit, dass sie Raum hat auch für die Schönheit der Welt. Dann atmet sie auf und wird weit, so weit wie das Herz. Wird eine luftige weite zarte Traurigkeit. Die wir vielleicht gar nicht mehr loswerden wollen, weil sie wie ein Duft ist, eine Erinnerung an Tiefe und Wahrhaftigkeit?

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