Montag, 5. Juni 2017

Der Bote

 

Der Bote

(von Jane Hirshfield)

Einmal, in jenem Raum, eine kleine Ratte. 
Zwei Tage später eine Schlange.

Die, als sie mich hereinkommen sah,
den langen Streifen ihres Körpers
unters Bett peitschte
und sich zusammenrollte wie ein fügsames Haustier.

Ich weiß nicht, wie sie kamen oder gingen.
Das Licht der Taschenlampe, später, fand nichts.

Ein Jahr lang beobachtete ich,
wie etwas - Entsetzen? Glücklichsein? Kummer? -
in meinen Körper eintrat und ihn verließ.

Ich weiß nicht, wie es hineinkam.
Ich weiß nicht, wie es ging.

Es nistete, wo Worte es nicht erreichen konnten.
Es schlief, wo das Licht nicht hin drang.
Es roch nicht nach Schlange, nicht nach Ratte,
weder nach Lüstling noch nach Asket.

Es gibt Öffnungen in unserem Leben, 
von denen wir nichts wissen.

Durch sie reisen
die mit Glocken behängten Herden nach Belieben,
langbeinig und durstig, bedeckt mit fremdem Staub.

(Übersetzung aus dem Amerikanischen: Margrit Irgang) 

Jane Hirshfield ist Dichterin, ordiniert als Laiin in der Linie von Suzuki Roshi. Sie hat einen Beitrag in dem schönen Buch "Das verborgene Licht". Mehr darüber hier.

***

The Envoy

by Jane Hirshfield

One day in that room, a small rat.
Two days later, a snake.

Who, seeing me enter,
whipped the long stripe of his
body under the bed,
then curled like a docile house-pet.

I don't know how either came or left.
Later, the flashlight found nothing.

For a year I watched
as something - terror? happiness? grief? -
entered and then left my body.

Not knowing how it came in.
Not knowing how it went out.

It hung where words could not reach it.
It slept where light could not go.
Its scent was neither snake nor rat,
neither sensualist nor ascetic. 

There are openings in our lives
of which we know nothing.

Through them
the belled herds travel at will,
long-legged and thirsty, covered with foreign dust.

Jane Hirshfield is a poet, ordained as a lay member in the lineage of Suzuki Roshi. She has contributed to the beautiful book "The Hidden Lamp". More about the German translation of the book here (click).

 

Kommentare:

  1. Liebe Margrit Irgang, vielen Dank für die immer aufs Neue inspirierenden und wohltuenden Worte, Bilder und Töne! Sie bereichern mein Leben. (Ich lese die zweite Strophe des Gedichts anders, auf die Schlange bezogen: Die, als sie mich hereinkommen sah, ...) Herzliche Grüße, Karin

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    1. Danke, liebe Karin. Sie haben Recht. Gleich geändert.

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  2. Ein wunderschönes Gedicht das mich an eines von Rumi „Das Gästehaus“ erinnert. Du hast es hier im Blog vor ein paar Jahren veröffentlicht. Rumi empfiehlt „düstere Gedanken, die Scham, die Bosheit“ einzuladen, denn sie „sind zu Deiner Führung geschickt worden aus einer anderen Welt“. Bei Hirshfield sind die führenden Boten „Die Ratte“ und „die Schlange“, sie sind vielleicht eine Allegorie unserer Ängste. Die Angst findet sich in vielen dunklen Ecken von uns und mit der Taschenlampe können wir sie nicht aufspüren. Aber anstatt immer wieder auf die gleiche Art und Weise zu denken und zu handeln, können wir anhalten, uns betrachten, nachdenken, mehr Ehrlichkeit zulassen. Die Fähigkeit zur Sicht nach Innen haben wir, „sie nistet“. Und wenn wir die innere Öffnung Schritt für Schritt ermöglichen, geschieht das nicht beschreibbare, es können die „Herden“ „bedeckt mit fremdem Staub“ durchreisen. Simon

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