Mittwoch, 29. März 2017

Wahrnehmung: Was findet mich?


"Wahrnehmung" ist ein Wort, das mich immer wieder beschäftigt. Warum nehme ich plötzlich etwas wahr, das die ganze Zeit da war, ohne dass ich es wahrgenommen habe?

Ich habe gerade die sehr guten Gespräche zwischen dem Neurowissenschaftler Wolf Singer und dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard für den SWR rezensiert (das Buch stelle ich demnächst hier vor). Die beiden beschäftigen sich auch eingehend mit Wahrnehmung. Wolf Singer sagt: "Ich behaupte, dass Wahrnehmung immer Interpretation ist und daher sensorischen Signalen notwendigerweise Eigenschaften zuweist. In diesem Sinne sind Wahrnehmungen immer Konstrukte." Wolf Singer also verbindet Wahrnehmung sofort mit der Interpretation, die wir ihr geben. Aber vielleicht gibt es eine frühere Ebene der Wahrnehmung? Der buddhistische Mönch Matthieu Ricard spricht von der Einsicht in die wahre Natur der Dinge: "Die Erkenntnis, dass die Welt der Phänomene ein dynamischer, interdependenter Fluss von Ereignissen ist, und das Wissen, dass das, was wir wahrnehmen, aus der Wechselbeziehung unseres Bewusstseins mit ebendiesen Phänomenen resultiert." Einsicht also, und das ist schon eine weit tiefere Ebene als die der Interpretation.

Aber es gibt noch eine höhere Ebene, und von ihr spricht das Zen. Dort gibt es niemanden mehr, der wahrnimmt: "Es gibt nur das Wahrnehmen; es gibt niemanden, der wahrnimmt. Wenn erkannt wird, dass es keinen gibt, der wahrnimmt, und das Wahrnehmen alles ist, was es gibt, werden ganz selbstverständlich das Wahrnehmen und das Wahrgenommene als zwei Aspekte des vereinigen Ganzen gesehen, wie Zahl und Kopf einer Münze. Zahl und Kopf können nicht getrennt werden. Der Körper ist ein Sinnesorgan des Bewusstseins. Ohne den Körper und den Geist könnten die Bäume sich selbst nicht sehen. Für Gewöhnlich meinen wir, dass wir einen Baum anschauen, aber der Baum schaut auf sich selbst durch uns. Ohne dieses Instrument kann der Baum sich nicht sehen. Wir sind Sinnes-Instrumente des Göttlichen." (Adyashanti)

In jedem meiner Seminare schicke ich uns alle für eine knappe Stunde auf einen Wahrnehmungs-Gang ins Freie - in den Wald oder den Klostergarten oder was immer das jeweilige Seminarhaus bietet. Wir haben vorher einen Tag lang in Stille und Schweigen gesessen und gegessen, und jetzt tritt die Welt in unseren Erfahrungsbereich. Nicht die laute große wirbelige (die würden wir in diesem Moment überhaupt nicht aushalten), sondern die Natur, die ja immer da ist. Aber sie scheint sich verwandelt zu haben: So intensiv haben die Vögel noch nie gesungen, so blau waren die Leberblümchen noch nie, so zart sahen die kleinen sich entfaltenden Fächer der Birkenblätter noch nie aus.

Und weil sie aus der inneren Stille heraus wahrnehmen, verstehen alle Teilnehmer sofort: Der Gesang der Vögel, die Farben der Blumen und die Knospen brauchen unsere Interpretation nicht. Sie sind einfach da. In dem Raum, den sie und wir teilen. Das genügt. Das ist mehr als genug.

Wenn unser inneres Geplauder - all das Kommentieren, Bewerten, Etikettieren - schweigt, wird der innere Raum groß und weit. In ihm singen die Vögel, blühen die Blumen, fällt der Regen. Wer nimmt hier wen wahr? Haben wir die Natur gesucht, oder hat die Natur uns gefunden?

Ich habe inzwischen eine sehr schlichte Interpretation von Wahrnehmung: Ich nehme etwas wahr und staune, dass es mich gefunden hat. Manchmal mag ich das, was mich gefunden hat, manchmal auch nicht. Das ist nicht wichtig. Es braucht mich, ich bin sein Sinnesorgan. Dabei kann ich es natürlich nicht belassen. Ich will das Wahrgenommene "ausdrücken", in Worten, Bildern oder Klängen. Und das, ja, das ist dann doch wieder Interpretation. Aber wenn die Stille, in der ich es wahrgenommen habe, tief und weit genug war, wenn also mein Bewusstsein sich eingeklinkt hat in das Bewusstsein des großen Ganzen, gelingt vielleicht der Ausdruck ohne Willkür, ohne Einmischung des Egos.

Und so gehe ich manchmal einfach vor mich hin, wie Goethe: "Nichts zu suchen, das war mein Sinn." Und lasse mich finden.


1 Kommentar:

  1. Gerade erinnere ich mich sehr intensiv an diese Stunde Naturerfahrung/Wahrnehmung, die ich in deinem Kurs erlebt habe. Es war eine intensive Erfahrung - voller Konzentration auf Hören, Sehen, Riechen, Tasten...erspüren... tief in mir wahrnehmen.

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