Sonntag, 31. Juli 2016

"Die Poesie des Augenblicks": Hier von Cy Twombly


Draußen ist es heiß. Die Bilder hängen im Keller, da ist es schön kühl; ohnehin interessiert sich kein Mensch für diese stillen Fotografien, auf denen auch im Grunde "nichts" zu sehen ist (das Nichts zu sehen ist). In den oberen Stockwerken, bei den monumentalen Gemälden von Katharina Grosse, ist mehr los. Das freut mich, so bin ich mit den Fotos von Cy Twombly allein. Kurz und knapp bekommt man erklärt, man sehe hier Päonien, den Blick aus dem Fenster des Ateliers und Neapel am Abend, aber das stimmt natürlich nicht. Ich sehe: das Licht, die Luft, die Atmosphäre einer ganz bestimmten Minute an einem ganz bestimmten winzigen Punkt der Welt. Ich sehe einem Maler beim Sehen zu. Ich sehe sein Sehen.

Der Philosoph Roland Barthes verglich Cy Twombly mit einem taoistischen Meister. "Er produziert, ohne sich etwas anzueignen. Er tut, ohne etwas zu erwarten. Ist sein Werk vollendet, hängt er nicht daran. Und weil er nicht daran hängt, wird es bleiben."

Die sehr kleine Ausstellung mit Fotografien von Cy Twombly hängt im Keller des Museums Frieder Burda in Baden-Baden.

Samstag, 23. Juli 2016

Frau Irgang kocht heute vegan: Dal mit Süßkartoffel und Kokos-Chutney


Nizza. Türkei. Würzburg. München. Wir hören die Nachrichten. Wir sehen fern. Wir lesen die Zeitungen. Wir fühlen uns hilflos. Und deshalb tun wir vermutlich das Einzige, was wir tun können: Wir wenden uns der winzigen Ecke der Welt zu, die wir bewohnen, und kümmern uns um sie, weil ihre Unversehrtheit auf einmal nicht mehr selbstverständlich ist. Backen mit dem Kind Sandkuchen. Werfen dem Hund Stöckchen zu. Singen ein Lied. Laden jemanden ein und kochen etwas besonders Feines. Vielleicht dies:

Dal mit knuspriger Süßkartoffel und Kokos-Chutney

Für die Süßkartoffeln:

2 kleine Süßkartoffeln, geschält, in 1,5 cm große Würfel geschnitten / Salz / Pfeffer / 1 TL Kreuzkümmel (Samen oder Pulver) / 1 TL Fenchelsamen / Olivenöl

Die Kartoffelwürfel auf einem Backblech verteilen, alle Gewürze darüberstreuen und mit Olivenöl beträufeln. Im Ofen bei 220° ca. 20 Minuten rösten, bis sie außen knusprig, innen weich sind.

Für das Dal:

2 Knoblauchzehen, gehackt / 1 daumengroßes Stück Ingwer, gehackt / 1 grüner Chili, fein gehackt / 1 rote Zwiebel, gehackt / 1 TL Kreuzkümmel / 1 TL Koriander / 1 TL Kurkuma / 1 TL Zimt / 200 g rote Linsen / 1 Dose Kokosmilch (400 ml) / 400 ml Gemüsebrühe / wenn vorhanden: etwas Blattspinat und Koriandergrün / Saft 1/2 Zitrone

In einem großen Topf Knoblauch, Ingwer, Chili und Zwiebel in etwas Öl anbraten, bis sie weich sind. Die anderen Gewürze dazugeben und einige Minuten anbraten. Linsen, Kokosmilch und Brühe hinzufügen und zum Simmern bringen. Ca. 20 Minuten sanft köcheln lassen. Vor dem Servieren Zitronensaft, Spinat und Koriandergrün einrühren.

Für das Chutney

50 g Kokosraspeln / 1 TL schwarze Senfsamen / 10 Curryblätter (frisch oder getrocknet) / 1 Stückchen Ingwer, fein gerieben / 1 roter Chili, fein gehackt, oder Pulver

Kokosraspeln mit etwas kochend heißem Wasser übergießen. Senfsamen und Curryblätter in etwas (Kokos-)Öl anbraten, bis sie knistern, und über die Kokosraspeln gießen. Mit Salz und Pfeffer würzen, dann Ingwer und Chili unterrühren und vermischen.



Dies ist ein Rezept aus dem sehr guten Kochbuch von Anna Jones "a modern way to eat". Vegetarische und vegane Rezepte, ganz ungewöhnlich gewürzt. Es gibt auch einfache Rezepte darin, aber die Konzentration auf etwas Aufwendigeres hat mir heute gut getan.

Mosaik Verlag, ISBN 978-3-442-39286-5

Mittwoch, 20. Juli 2016

Matthieu Ricard: Über die Gewalt

Schwarzer Mahakala, Ausdruck des zornvollen Mitgefühls

"Ob es sich nun um Gebietsansprüche, um die Wasseraufteilung bei der Bewässerung oder anderes handelt: Sämtliche Konfliktgründe der Welt kommen von der Vorstellung, 'dass man mir Unrecht tut', gefolgt von einem Gefühl der Feindseligkeit. Dieser negative Gedanke ist eine Abweichung vom natürlichen Zustand und daher eine Quelle des Leids. Es ist also offensichtlich, dass wir unsere Gedanken beherrschen müssen, bevor sie unseren Geist überschwemmen, genauso wie man die ersten Flammen eines Feuers ersticken muss, ehe der gnze Wald in Flammen steht. Es ist wirklich sehr einfach, sich in beträchtlichem Ausmaß von der 'grundlegenden Güte' zu entfernen, die in uns ist.

Folgt man einem Gebirgspfad, braucht es wenig, um einen falschen Schritt zu machen und den Hang hinunterzustürzen. Das Hauptziel einer spirituellen 'Disziplin' ist, immer völlig wachsam zu sein. Die Aufmerksamkeit und die wache Gegenwärtigkeit sind grundlegende Qualitäten. (...) Wie ein orientalisches Sprichwort sagt: 'Mit Geduld wird der Obstgarten zu Konfitüre.' Dass es lange dauern dürfte, ändert nichts an der Tatsache, dass es keine andere Lösung gibt. Selbst wenn die Gewalt im Ganzen weiterwirkt, ist die einzige Art, ihr zu begegnen, die Wandlung der Individuen. Diese Wandlung kann sich anschließend vom einzelnen auf seine Familie ausdehnen, dann auf das Dorf und die Gesellschaft. Einzelnen Gesellschaften ist es in bestimmten Momenten ihrer Geschichte gelungen, Mikroklimas des Friedens zu etablieren. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn jeder das Seine dazu beiträgt und die universelle Verantwortung der Menschen untereinander an Bedeutung gewinnt."

Matthieu Ricard, Molekularbiologe, buddhistischer Mönch und 
Übersetzer des Dalai Lama 

Sonntag, 17. Juli 2016

DAS HAUS


Ich habe mir ein Herz gefasst und DAS HAUS besucht. Besser gesagt: Ich habe es angeschaut, durch den Zaun hindurch, weil ich nicht bei fremden Menschen klingeln und sagen wollte: "Darf ich mich umschauen, ich habe hier sieben Jahre lang gewohnt. Es ist lange her, zugegeben, aber ich habe eine Entschuldigung für meine Unhöflichkeit: Ich habe dieses Haus geliebt."

Das also wollte ich nicht sagen, und so bin ich den weiten Weg von der Stadt (meiner Heimatstadt, die von meiner jetzigen Stadt auch sehr weit entfernt ist) den Berg hinaufgegangen, diesen Weg, den ich als Schülerin bei jedem Wetter gegangen bin, den schweren Ranzen auf dem Rücken. Im Winter durch Eis und Schnee, im Hochsommer unter der glühenden Sonne, im Regen eingewickelt in ein bodenlanges Regencape.

Das Haus gehörte uns nicht, bewahre. Wir hatten es billig zur Miete bekommen, denn eigentlich war es ein Sommerhaus und nicht zum ganzjährigen Wohnen gedacht. Wir stellten schlecht ziehende Ölöfen auf, durch die Lücken in der Holzfassade konnte man die Bäume betrachten, wir froren unablässig. Ich hatte mein erstes eigenen Zimmer, das nur im Sommer bewohnbar war. Aber es gab einen riesigen Garten, der von zwei Gärtnern der Vermieterfamilie betreut wurde; im Garten Kirschbäume, Apfelbäume, Wildblumenwiesen, Wildrosen, Schmetterlinge und die Weite und Einsamkeit, die ein Kind wie ich brauchte. Wir hatten einen Uhu im Kamin, der sich tagsüber die Federn wärmte und nachts seine weichen Schwingen entfaltete, um - ein schwarzer räuberischer Schatten - lautlos auf Beutezug zu gehen. Hin und wieder fanden wir eine tote Maus vor der Tür. Weil uns kein Mensch das Märchen von dem Uhu glaubte, bestellten wir den Biologielehrer und ein paar andere Autoritäten zur Uhu-Beschau und genossen fortan ein bescheidenes Ansehen in der Stadt, als die Leute, die tatsächlich einen Uhu im Kamin hatten.

Ich war elf, als wir einzogen, und achtzehn, als ich das Haus verlassen musste. In der schwierigen Zeit des Abschieds von der Kindheit umgab mich das Haus mit seiner schützenden Hülle. Das Äußerste, was ich je an Geborgenheit erfahren habe. Meine Mutter mochte das Haus nicht, seine dunklen Ecken und Winkel, seine Neigung, Massen von Spinnen aus dem Nichts heraus zu produzieren und an die Balken zu hängen, von wo aus sie sich abseilten, in Betten und Teller hinein. Als ich achtzehn war, setzte sie sich durch; wir zogen in eine Wohnung in der Stadt, in der ich mich keine Minute wohlfühlte. Das Haus stand fortan leer.

Irgendwann hörte ich, der Garten sei parzelliert und DAS HAUS sei an zwei Männer - waren es Dänen oder Schweden? - verkauft worden. Würden die neuen Besitzer es lieben und hegen? Würden sie die eine Treppenstufe zum Untergeschoss, die beim Betreten eine Triole zu singen pflegte, auch weiterhin singen lassen? Stünde die alte Bank noch neben der Eingangstür? Würde das Dach immer noch Moos ansetzen? Gefasst machte ich mich auf den Weg, entschlossen, keinesfalls enttäuscht zu sein. Ich stand da und schaute durch den Maschendraht. Die alte Bank, das Moos auf dem Dach, die vertrauten Bäume, die Fenstersprossen - alles da. Wie früher, nur schöner. Und dann sah ich die tibetischen Gebetsfahnen.

An den Orten, an denen wir intensiv gelebt haben, hinterlassen wir unser Zeichen. Unsichtbar, unhörbar, aber es ist da, in der Atmosphäre, in den Wänden, den Böden. Ich weiß das, denn in jeder Wohnung, die ich gemietet habe, musste ich die unsichtbaren Zeichen der Vormieter entfernen, indem ich in geduldiger Arbeit meine Atmosphäre darüber legte. Ich hatte in dem Haus den Siddhartha von Hermann Hesse gelesen, mein erstes Zen-Buch entdeckt und nach der Zeichnung in dem Buch meine Beine gefaltet, um herauszufinden, was das ist: Meditation. Und Jahrzehnte später wurden zwei an einem Hauskauf interessierte Männer auf den stillen, für das Auge unsichtbaren Wegen von Skandinavien auf den Berg in meiner Heimatstadt gerufen und lasen die Zeichen, die ich hinterlassen hatte, und verstanden sie. Und kauften ein Haus, das zu ihnen sprach und ihnen sagte, es sei ein guter Ort, um Gebetsfahnen aufzuhängen.

So ist das mit den unsichtbaren Zeichen. Und wir setzen in jedem Augenblick neue. Werden sie eine gute Einladung sein für die, die nach uns kommen?

Montag, 11. Juli 2016

"Der Gast im Garten" von Takashi Hiraide

Ein kleines zartes Buch für Menschen, die eine japanische Seele haben (also solche wie ich ...). Da wird von Menschen erzählt, die es vollkommen selbstverständlich finden, sich zu einer bestimmten Tageszeit im Sommer in den Garten zu begeben, um darauf zu hoffen, dass eine ganz bestimmte Libelle sich wieder auf ihren ausgestreckten Arm setzen wird. Menschen, die sich in ihrem Haus auf den Boden legen, um stundenlang die Veränderungen des Lichts durch das Oberlichtfenster zu beobachten. Menschen, die untröstlich sind, weil ihnen verwehrt wird, auf das Grab einer geliebten Katze einen Blumenstrauß zu legen.

Worum "geht" es in diesem Roman? Um eine kleine, schöne, den Nachbarn zugelaufene Katze, die auch das Paar mittleren Alters, das nebenan wohnt, regelmäßig besucht und eines Tages angeblich verstorben ist? Um eine alte Villa, die verkauft werden muss, weil die Besitzer ins Altenheim gehen; um das kleine Teehaus auf demselben Grundstück, das für kurze Zeit ein Paradies für das Ehepaar im mittleren Alter war, und nun zusammen mit der Villa einem modernen Wohnblock weichen muss? Um Japan am Beginn der Wirtschaftskrise und die Frage, wie ein Schriftsteller mit kargem Einkommen über die Runden kommen kann? Um eine Katze, die zu einer Seelenfreundin wird?

Die Frau des Paares im mittleren Alter erzählt einmal ihrem Mann von dem Aphorismus eines Denkers, "demzufolge die Beobachtung der Kern einer Liebe sei, die nicht in Gefühlsduselei verfalle". Die Menschen in diesem Buch haben gelernt, in Ruhe und Gelassenheit zu beobachten - die Art, in der Chiibi, die Katze mit dem Glöckchen, auf einen Baum springt, einen Fisch verschlingt. Der Zaun hat ein Astloch, das wie eine camera obscura wirkt; entzückt werden die Wirkungen betrachtet, die durch am Astloch vorbeigehende Passanten ausgelöst werden. Die Pflanzen, das Licht, der Mond: nichts ist unwichtig, alles wird beobachtet, bedacht, gewürdigt.

Wenn es um überhaupt etwas "geht" in diesem Buch, das eigentlich gar kein Roman ist, dann um den Augenblick und das Wissen um seine Vergänglichkeit. Und ja, es liegt eine leise Melancholie über dem Buch, aber die kleine Katze - ich muss das einfach sagen, das kann ja eine Katzenliebhaberin sonst gar nicht aushalten -, also die kleine Katze ist wohl doch nicht gestorben. Mehr verrate ich jetzt nicht.

Takashi Hiraide "Der Gast im Garten", aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, mit schönen Bildern von Quint Buchholz, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17626-8

Montag, 4. Juli 2016

Das Gedicht für den Juli



Ölbäume

Unsere langsam gewachsenen Seelen
Ich will dich ansehn
wie einen Baum
die Schönheit des Schorfs
und der Verkrüpplung
Merkmale einer Gattung
nichts weiter

wenn die Sonne tief steht
glänzen die Blätter
silbern

Margrit Irgang

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Olijfbomen

Onze langzaam gegroeide zielen

Ik wil naar je kijken
als naar een boom
de schoonheid van de schors
en de mismaaktheid
merktekens van een soort
verder niets

wanneer de zon laag staat
glanzen de bladeren
zilver

Margrit Irgang 

(Übersetzung: Piet Hermans)

  

Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30732-4