Freitag, 23. September 2016

Minimalismus


Der erleuchtete Kater. (Alle Katzen sind ja erleuchtet.)

"Er bleibt auf der Schwelle der Balkontür stehen, das rechte Vorderbein erhoben, die Pfote hängt weich und entspannt, bereit, gleich auf das Parkett im Wohnzimmer gesetzt zu werden. Aber er zögert. Etwas ist neu hier, er weiß es genau, seine Katzenantennen haben Alarm gemeldet. Er blickt umher.

Sie steht in der Ecke, sage ich entschuldigend.

Das hat er inzwischen auch begriffen. Langsam, sehr langsam bewegt er sich, setzt die Pfoten zögernd auf den Teppich, als sende das neue Ding Wellen des Widerstands aus, gegen die er mit aller Kraft angehen muss. Die Schnurrhaare zittern, die rosa Nase senkt sich vorsichtig auf das Messing.

Es ist eine Lampe, sage ich erklärend.

Das interessiert ihn nicht. Für ihn könnte es auch etwas anderes sein, ein Kissen, ein Topf oder Hauspantoffeln. Was ihn alarmiert, ist der fremde Geruch, und ihn verwirrt, dass in einer Ecke, in der vorher nichts war, jetzt etwas ist.

Du wirst dich daran gewöhnen, sage ich.

Er wird sich schneller an die Lampe gewöhnen als ich, die mit den Dingen lange fremdelt. Ich weiß nicht, wieso andere Menschen fröhlich und unentwegt Dinge nach Hause tragen und anscheinend auf der Stelle mit ihnen per Du sind. Ich werde mit Fremden nicht so schnell warm, das bemerken die Betroffenen, und wenn der Fremde ein Toaster, ein Bügelbrett oder eine Schale ist, steht er bei mir erst einmal allein in der Ecke herum. Das tut mir leid, aber so ist es. Ich brauche Zeit, um ihn kennenzulernen und in das Ensemble der anderen Dinge zu integrieren. Manchmal ist er eigenwillig und fügt sich dort, wo ich ihn hinstelle, nicht ein. Manchmal habe ich den Eindruck, die anderen Dinge nehmen ihn nicht an. Dann wickle ich den Fremden sorgfältig in das Papier oder die Luftfolie und trage ihn zurück. Er passt nicht zu uns, sage ich dann entschuldigend zu dem Verkäufer, der mich, das sehe ich ihm an, für eine besonders schwierige Kundin hält.

Weil das alles so mühsam ist, habe ich eine weitgehend leere Wohnung. Und weil ich nur das Nötigste besitze, wird selten etwas weggeworfen.

In der Schule von Thich Nhat Hanh wird großer Wert auf das achtsame Handeln im Alltag gelegt. Ich habe an zahlreichen Gesprächsrunden teilgenommen, in denen Begriffe wie Nachhaltigkeit, Sparsamkeit, Genügsamkeit diskutiert wurden. Die Teilnehmer gelobten dann etwa, in Zukunft weniger zu kaufen oder Geräte gemeinschaftlich zu teilen. Ich schwieg dann immer. Was hätte ich dazu beitragen sollen. Dass die Dinge ihr eigenes Sein besitzen und wir sie lange beschnuppern müssen, um herauszufinden, ob sie zu uns passen?

Vielleicht muss man hin und wieder Besuch von einer Katze bekommen, um das zu verstehen."



(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30732-4)

Kommentare:

  1. Liebe Margrit Irgang,

    wie erleichtert bin ich, diesen Beitrag zu lesen! Ich tue mich auch schwer mit neuen Gegenständen und hielt mich letztens schon für leicht verrückt, weil ich eine Stehlampe kaufte und diese zu Hause einfach nicht ertrug. Ich war mir auch sicher, dass ich mich nicht an sie gewöhnen würde, der Anblick machte mich richtig unglücklich. Mein Ehemann musste sie am nächsten Tag mit mir zusammen zurück ins Geschäft bringen...

    Dann gibt es wieder Veränderungen, bei denen ich sofort merke - ja, so muss es sein!

    Viele Grüße aus Berlin, Jenny

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