Mittwoch, 20. Juli 2016

Matthieu Ricard: Über die Gewalt

Schwarzer Mahakala, Ausdruck des zornvollen Mitgefühls

"Ob es sich nun um Gebietsansprüche, um die Wasseraufteilung bei der Bewässerung oder anderes handelt: Sämtliche Konfliktgründe der Welt kommen von der Vorstellung, 'dass man mir Unrecht tut', gefolgt von einem Gefühl der Feindseligkeit. Dieser negative Gedanke ist eine Abweichung vom natürlichen Zustand und daher eine Quelle des Leids. Es ist also offensichtlich, dass wir unsere Gedanken beherrschen müssen, bevor sie unseren Geist überschwemmen, genauso wie man die ersten Flammen eines Feuers ersticken muss, ehe der gnze Wald in Flammen steht. Es ist wirklich sehr einfach, sich in beträchtlichem Ausmaß von der 'grundlegenden Güte' zu entfernen, die in uns ist.

Folgt man einem Gebirgspfad, braucht es wenig, um einen falschen Schritt zu machen und den Hang hinunterzustürzen. Das Hauptziel einer spirituellen 'Disziplin' ist, immer völlig wachsam zu sein. Die Aufmerksamkeit und die wache Gegenwärtigkeit sind grundlegende Qualitäten. (...) Wie ein orientalisches Sprichwort sagt: 'Mit Geduld wird der Obstgarten zu Konfitüre.' Dass es lange dauern dürfte, ändert nichts an der Tatsache, dass es keine andere Lösung gibt. Selbst wenn die Gewalt im Ganzen weiterwirkt, ist die einzige Art, ihr zu begegnen, die Wandlung der Individuen. Diese Wandlung kann sich anschließend vom einzelnen auf seine Familie ausdehnen, dann auf das Dorf und die Gesellschaft. Einzelnen Gesellschaften ist es in bestimmten Momenten ihrer Geschichte gelungen, Mikroklimas des Friedens zu etablieren. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn jeder das Seine dazu beiträgt und die universelle Verantwortung der Menschen untereinander an Bedeutung gewinnt."

Matthieu Ricard, Molekularbiologe, buddhistischer Mönch und 
Übersetzer des Dalai Lama 
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