Sonntag, 17. Juli 2016

DAS HAUS


Ich habe mir ein Herz gefasst und DAS HAUS besucht. Besser gesagt: Ich habe es angeschaut, durch den Zaun hindurch, weil ich nicht bei fremden Menschen klingeln und sagen wollte: "Darf ich mich umschauen, ich habe hier sieben Jahre lang gewohnt. Es ist lange her, zugegeben, aber ich habe eine Entschuldigung für meine Unhöflichkeit: Ich habe dieses Haus geliebt."

Das also wollte ich nicht sagen, und so bin ich den weiten Weg von der Stadt (meiner Heimatstadt, die von meiner jetzigen Stadt auch sehr weit entfernt ist) den Berg hinaufgegangen, diesen Weg, den ich als Schülerin bei jedem Wetter gegangen bin, den schweren Ranzen auf dem Rücken. Im Winter durch Eis und Schnee, im Hochsommer unter der glühenden Sonne, im Regen eingewickelt in ein bodenlanges Regencape.

Das Haus gehörte uns nicht, bewahre. Wir hatten es billig zur Miete bekommen, denn eigentlich war es ein Sommerhaus und nicht zum ganzjährigen Wohnen gedacht. Wir stellten schlecht ziehende Ölöfen auf, durch die Lücken in der Holzfassade konnte man die Bäume betrachten, wir froren unablässig. Ich hatte mein erstes eigenen Zimmer, das nur im Sommer bewohnbar war. Aber es gab einen riesigen Garten, der von zwei Gärtnern der Vermieterfamilie betreut wurde; im Garten Kirschbäume, Apfelbäume, Wildblumenwiesen, Wildrosen, Schmetterlinge und die Weite und Einsamkeit, die ein Kind wie ich brauchte. Wir hatten einen Uhu im Kamin, der sich tagsüber die Federn wärmte und nachts seine weichen Schwingen entfaltete, um - ein schwarzer räuberischer Schatten - lautlos auf Beutezug zu gehen. Hin und wieder fanden wir eine tote Maus vor der Tür. Weil uns kein Mensch das Märchen von dem Uhu glaubte, bestellten wir den Biologielehrer und ein paar andere Autoritäten zur Uhu-Beschau und genossen fortan ein bescheidenes Ansehen in der Stadt, als die Leute, die tatsächlich einen Uhu im Kamin hatten.

Ich war elf, als wir einzogen, und achtzehn, als ich das Haus verlassen musste. In der schwierigen Zeit des Abschieds von der Kindheit umgab mich das Haus mit seiner schützenden Hülle. Das Äußerste, was ich je an Geborgenheit erfahren habe. Meine Mutter mochte das Haus nicht, seine dunklen Ecken und Winkel, seine Neigung, Massen von Spinnen aus dem Nichts heraus zu produzieren und an die Balken zu hängen, von wo aus sie sich abseilten, in Betten und Teller hinein. Als ich achtzehn war, setzte sie sich durch; wir zogen in eine Wohnung in der Stadt, in der ich mich keine Minute wohlfühlte. Das Haus stand fortan leer.

Irgendwann hörte ich, der Garten sei parzelliert und DAS HAUS sei an zwei Männer - waren es Dänen oder Schweden? - verkauft worden. Würden die neuen Besitzer es lieben und hegen? Würden sie die eine Treppenstufe zum Untergeschoss, die beim Betreten eine Triole zu singen pflegte, auch weiterhin singen lassen? Stünde die alte Bank noch neben der Eingangstür? Würde das Dach immer noch Moos ansetzen? Gefasst machte ich mich auf den Weg, entschlossen, keinesfalls enttäuscht zu sein. Ich stand da und schaute durch den Maschendraht. Die alte Bank, das Moos auf dem Dach, die vertrauten Bäume, die Fenstersprossen - alles da. Wie früher, nur schöner. Und dann sah ich die tibetischen Gebetsfahnen.

An den Orten, an denen wir intensiv gelebt haben, hinterlassen wir unser Zeichen. Unsichtbar, unhörbar, aber es ist da, in der Atmosphäre, in den Wänden, den Böden. Ich weiß das, denn in jeder Wohnung, die ich gemietet habe, musste ich die unsichtbaren Zeichen der Vormieter entfernen, indem ich in geduldiger Arbeit meine Atmosphäre darüber legte. Ich hatte in dem Haus den Siddhartha von Hermann Hesse gelesen, mein erstes Zen-Buch entdeckt und nach der Zeichnung in dem Buch meine Beine gefaltet, um herauszufinden, was das ist: Meditation. Und Jahrzehnte später wurden zwei an einem Hauskauf interessierte Männer auf den stillen, für das Auge unsichtbaren Wegen von Skandinavien auf den Berg in meiner Heimatstadt gerufen und lasen die Zeichen, die ich hinterlassen hatte, und verstanden sie. Und kauften ein Haus, das zu ihnen sprach und ihnen sagte, es sei ein guter Ort, um Gebetsfahnen aufzuhängen.

So ist das mit den unsichtbaren Zeichen. Und wir setzen in jedem Augenblick neue. Werden sie eine gute Einladung sein für die, die nach uns kommen?

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