Sonntag, 17. April 2016

Slow Fashion, oder: Gedanken zum "Fashion Revolution Day"


Am 24. April 2013 stürzte das Rana Plaza-Gebäude in Dhaka, Bangladesh, ein; 1134 Menschen starben, über 2000 wurden schwer verletzt. Die meisten von ihnen TextilarbeiterInnen, die in dem z. T. illegal und nachlässig erbauten Gebäude unter miserablen Bedingungen im Akkord Billigmode nähten, auch für deutsche Modelabels. Weil es für viel zu viele Menschen offenbar verführerischer ist, sich zehn T-Shirts à 3 Euro zu kaufen als eins aus gutem Stoff, unter fairen Bedingungen produziert, für 30 Euro.

Als Erinnerung an dieses Unglück wurde die Fashion Revolution Week ausgerufen, die vom 18. bis 24. April dauert. Die Organisatoren bitten alle, die sich angesprochen fühlen, am 24. April ("Fashion Revolution Day") ihre Kleidung mit dem Etikett nach außen zu tragen, um zu demonstrieren: Es ist mir nicht egal, wer meine Kleidung hergestellt hat und wer sie vertreibt. Mehr darüber auf der website  fashionrevolution.org

Sich Gedanken zu machen, woher unsere Mäntel, Kleider, Hosen und Shirts kommen, finde ich gut. Ich werde allerdings meine Kleidung am Sonntag so tragen wie immer. Es wäre ohnehin kein Etikett zu sehen, denn meine Kleidung hat kein Label; ich mache sie selbst. Deshalb möchte ich Sie und Euch ermutigen, der Billigproduktion, der Ausbeutung der TextilarbeiterInnen und dem sinnlosen Kaufrausch etwas Schönes, Kreatives, Eigenständiges und - wenn man klug auswählt - auch Preiswerteres entgegenzusetzen: Selbernähen und Selberstricken.

Gut, ich bin in dieser Hinsicht privilegiert: Meine Mutter war professionelle Strickmoden-Designerin, konnte auch gut nähen und hat mir alle Techniken beigebracht. Für uns war es selbstverständlich, unsere Kleidung selbst herzustellen; das machte uns Freude, und was wir trugen, trug außer uns kein Mensch. Während andere in die Disco gingen, saß ich an der Nähmaschine.

Wie wäre es, einfach mal anzufangen? Jede Volkshochschule bietet Nähkurse an, aber auch im Internet findet sich eine Fülle von Anregungen. Es gibt wunderbare Bloggerinnen, Schnitt-Designerinnen und Initiativen, denen man sich anschließen kann. Hier nur ein paar wenige, als Inspiration:

* Für alle, die lieber stricken als nähen: Eintreten in die weltumspannende Gemeinschaft  www.ravelry.com Strickmuster und Anregungen in Hülle und Fülle, die "Mitgliedschaft" kostet nichts, und man wird nicht mit Werbung etc. belästigt. Soll es sogar auf Deutsch geben, ich empfehle jedenfalls die amerikanische Seite.

* In Deutschland die Initiative memademittwoch.blogspot.de , wo an jedem Mittwoch Frauen ihre selbstgemachte Kleidung vorstellen. Es gibt auch Knitalongs und Sewalongs zu diversen Themen.

* Die liebenswerte Aktion "12 Letters of handmade Fashion", wo in jedem Monat ein Kleidungsstück oder Accessoire zu einem Buchstaben hergestellt wird. Mehr bei der Initiatorin tweedandgreet.de

* Auf instagram.com findet man Tausende Näherinnen, Strickerinnen, Designerinnen von Schnittmustern aus der ganzen Welt (wo sind die männlichen Hobby-Näher???). Einfach mal stöbern.

Und noch etwas: Wisst Ihr, wo, wie und durch wessen Ausbeutung das Schnäppchen auf dem Wühltisch am Stoffmarkt hergestellt wurde, das nur 2 Euro pro Meter kostet? Ein guter GOTS-zertifizierter Stoff von einer bekannten Stoffmarke kostet mindestens achtmal so viel. Aber der Kauf lohnt sich in jeder Hinsicht.

Wie ich in Handarbeitsblogs beobachte, kann man auch beim Stricken und Nähen in einen Konsumrausch verfallen. Da wird dann kiloweise Wolle in der Garage gehortet und Stoffe werden auf Vorrat gekauft, die irgendwann "vernäht" werden müssen, weil der Stoffberg immer weiter wächst. Ich stelle höchstens ein Stück pro Monat her. Und genieße dabei jede einzelne Masche, die ich stricke, und jede Naht, die ich nähe (die auch oft mit der Hand). In diesem Zusammenhang erwähne ich gern die Bewegung slowfashion  slowfashion.com Und natürlich den Begriff Achtsamkeit, und von dem ausgehend natürlich das Zen, und jetzt sind wir scheinbar ganz woanders gelandet.

Oder doch nicht, und es hängt wieder einmal alles mit allem zusammen?

P.S.: Hier ein schöner Hinweis von Helga: Die website und der Blog  thecraftsessions.com  Die Initiatorin teilt ihre Freude am Handarbeiten, denkt aber auch nach über bewussten Konsum und den Kontext, in dem wir unsere Kleidung erschaffen. 

P.P.S.: Und Taija weist in ihrem Kommentar darauf hin, dass wir uns auch darum kümmern sollten, wo unsere Strickwolle herkommt.

Kommentare:

  1. Dies spricht mir alles aus der Seele!
    Ich habe außerdem für alle, die gerne auch englisch lesen, noch einen Link-Tipp:
    Felicia Semple und ihr Blog http://thecraftsessions.com/. Sie schreibt dort seit einiger Zeit über ihr "Stash less"-Projekt zum bewussteren Umgang mit Konsum im Zusammenhang mit Nähen und Stricken.

    Viele Grüße
    von
    Helga

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  2. Schöner Post und ich bin ganz deiner Meinung!

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  3. Aber was geschieht mit den Familen in Bangladesh, wenn wir nur teuere (dann natürlich hier produzierte) Kleiding kaufen oder Kleidung selbst machen?
    Piet Hermans

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  4. Nicht zu vergessen die Tauschbörsen und Flohmärkte zum neu einkleiden.
    Seit einem Jahr stricke ich nun meinen Wollstash kleiner.Eine Herausforderung die Spaß macht. Im Übrigen ist es vorwiegend Wolle mit kontrollierter Herkunft, sehr viel Wolle vom Finkhof, das ist eine vertrauenswürdige Schäfereigenossenschaft in der Nähe von Freiburg.Zu wissen, wo die Wolle herkommt ist mir auch sehr wichtig. Viele Grüße, Taija

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