Freitag, 15. Januar 2016

Drei Variationen zu einem Thema


"Dagegen findet die wahre philosophische Betrachtung ihre Befriedigung in jeder Erweiterung des Nicht-Ich, in allem, was die betrachteten Gegenstände und dadurch auch das betrachtende Subjekt erhöht. Alles in der Betrachtung, was persönlicher Eigenart entspringt, alles, was von unseren Gewohnheiten, von Eigennutz oder unseren Wünschen herrührt, verzerrt den Gegenstand und beeinträchtigt daher die vom Geiste gesuchte Vereinigung. (...) Der Geist, der an die Freiheit und Unparteilichkeit der philosophischen Betrachtung gewöhnt ist, wird etwas von derselben Freiheit und Unparteilichkeit für die Welt des Handelns und Fühlens bewahren. Er wird seine Ziele und Wünsche als Teile des Ganzen betrachten, ohne auf ihnen zu bestehen; denn er sieht sie als winzige Bruchteile in einer Welt an, in der alles übrige durch menschliches Tun nicht beeinflusst werden kann. Die Unparteilichkeit, die bei der philosophischen Betrachtung lauteres Streben nach Wahrheit ist, ist gerade dieselbe Eigenschaft, die beim Handeln Gerechtigkeit ist und im Fühlen jene universale Liebe für alle und nicht nur für jene, die wir für nützlich oder bewundernswert halten."

Bertrand Russel, Philosoph (aus "Probleme der Philosophie")

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"Das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen im Kosmos lässt sich gut mit einem Hologramm vergleichen. Ein Hologramm ist ein Bild, das wieder und wieder in seiner Mitte zerteilt werden kann, durch einen Laserstrahl aber in jedem einzelnen Teil wieder neu zu entstehen vermag. In jedem Teil ist also das ganze Bild latent enthalten. Wenn man sich den Kosmos als ein Hologramm vorstellt, kann man sagen, dass jeder und jedes einen Punkt des Hologramms darstellt - alles ist in sich Darstellung des Ganzen. Das heißt dann aber auch, dass alles, was einem einzelnen Teil widerfährt, Auswirkungen auf das Ganze hat. Wir befinden uns mit unserem Bewusstsein in ständiger Vernetzung mit jedem anderen Bewusstsein im Universum. Unser Bewusstsein ist demnach ein Spiegelbild des Bewusstseins der ganzen Menschheit, ja des ganzen Kosmos. Diese wechselseitige Beziehung reicht vom einfachsten Atom bis zu den fernsten Galaxien, vom einfachen Lebensimpuls eines Einzellers bis in die höchsten geistbegabten Wesen. Alles ist durchdrungen von dem einen Geist, der im Kosmos mit sich selbst kommuniziert."

Willigis Jäger, Benediktinerpater und Zen-Meister (aus "Die Welle ist das Meer")

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"Weit entfernt im himmlischen Reich des großen Gottes Indra gibt es ein wunderbares Netz, das von einem Künstler so aufgehängt wurde, dass es sich unbegrenzt in alle Richtungen erstreckt. Dem ausgezeichneten Geschmack der Götter entsprechend hat der Künstler einen einzigen funkelnden Juwel in jedes "Auge" des Netzes gehängt, und da das Netz selbst unbegrenzt in seiner Ausdehnung ist, sind die Juwelen von unbegrenzter Zahl. Dort hängen die Juwelen, funkelnd wie Sterne erster Größe, ein wunderbarer Anblick. Wenn wir nun willkürlich eins dieser Juwelen auswählen und genau betrachten, entdecken wir, dass sich auf seiner geschliffenen Oberfläche alle anderen Juwelen des Netzes spiegeln, in unbegrenzter Zahl. Nicht nur das, es spiegelt auch jedes Juwel, das in diesem einen Juwel gespiegelt wird, all die anderen Juwelen, so dass ein unendlicher Prozess des Spiegelns im Gang ist."

Der Mythos von "Indras Netz" aus der Hinduistischen Mythologie. Hier zitiert nach Francis H. Cook aus "Hua-Yen Buddhism: The Jewel Net of Indra"

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Dank an Munish Schiekel www.mb-schiekel.de  für das Zitat von Bertrand Russell. 
 
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