Samstag, 26. Dezember 2015

Türmerin am Weihnachtstag


Es ist 15.10 Uhr, 17 Grad in Freiburg. In einer halben Stunde werde ich dort oben stehen.

"Ab dem 20. Juni 2015 steht für 365 Tage ein Turm aus Holz und Glas auf dem Dach des Theater Freiburg. Jeden Tag bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang wird er für eine Stunde Schutzraum und Ausguck für je einen Besucher. Die TÜRMER VON FREIBURG treten aus dem Alltagsgeschehen und wachen über die Stadt." (Theater Freiburg)

Jeder Türmer hat einen Begleiter, und die Choreografie beginnt an der Pforte des Bühneneingangs: Mit Ursula steige ich langsam und bewusst die Treppen nach oben. In der Schreibstube des Turms wird mir die Tasche abgenommen und somit auch die Kamera, aber das ist ganz richtig so: In einem Meditationsraum wird ja auch nicht fotografiert, nicht telefoniert und nicht auf die Uhr geguckt. Denn das dachte ich mir gleich, als ich mich im Sommer für diesen Tag als Türmerin registrierte: Hier geht es um Kunst und Meditation. Meditation war für mich schon immer eine Kunstform, eine Art Gedicht oder Gesang. Warum sollte sie sich nicht auch als eine Form von Tanz erweisen?

"Es geht darum, an einem spezifischen Ort anwesend zu sein, Darsteller und zugleich Beobachter zu sein, seine Umgebung zu hinterfragen und eben auch seine Wahrnehmung. Seinen Blick zu öffnen, unendlich weit zu schauen, und in der Begegnung mit dem Gesehenen seinem Körper einen Platz zu schaffen. Darin besteht der Sinn dieser Performance, bei der jeder Teilnehmer die Grunderfahrung choreografischer Praxis macht: die Qualität von Präsenz." (Die Choreografin Joanne Leighton, die dieses Projekt entworfen hat)

15.42 Uhr. Ursula geleitet mich sehr langsam über das Dach zum Turm. (Gehmeditation. Tanz.) Der Turm riecht nach frisch geschlagenem Holz und knackt und knistert im Wind. Dann bin ich allein mit dem Himmel, der Stadt, meinem Körper im Raum. Über wen soll ich wachen? Oder ist es die Stadt, die mir Boden unter den Füßen gibt? Ich schwebe hier praktisch im Nichts, mit ein paar Holzbrettern unter mir. Die Menschen flanieren, Weihnachtsruhe liegt über der Stadt. Ich sehe viele junge Männer in Gruppen, die nicht deutsch aussehen und vermutlich zu den Hunderten Flüchtlingen gehören, die wir hier versorgen. Was sollen sie tun an diesem Weihnachtstag, der für sie keine Bedeutung hat? Alles hat geschlossen, die Clubs, die Kneipen, sogar die Schnellimbisse sind zu. Sie streifen durch die Straßen.

Gegenüber das Münster. Ich auf Augenhöhe mit den Heiligen.

Wow, wer hätte das je gedacht! Und das auch noch an Weihnachten! Im Westen sinkt langsam die Sonne hinter den Berg.

In der Senke eine Schüssel aus rosa Licht, mit goldenem Deckel darauf. Und darüber zwei einzelne Wolken, lang gestreckt wie Kraniche mit rosa Bäuchen.

"Diese eine Stunde macht es möglich, sich der Poetik des Augenblicks zu widmen. Es handelt sich um einen Moment jenseits der alltäglichen Verpflichtungen, es ist ein privilegierter Augenblick, den sich jeder Türmer selbst ermöglicht. Mit Leichtigkeit und ohne Stress zieht man sich aus der Welt zurück, ohne dabei zu vergessen, dass man Teil eines Projektes ist, das einer ganzen Bevölkerung und ihrem Lebensraum gewidmet ist." (Joanne Leighton)

Ein Mann schiebt eine Frau im Rollstuhl. Jetzt erblickt er mich. Er will mich der Frau zeigen, sie versteht nicht. Er deutet auf mich, spricht zu ihr, deutet wieder, wendet ihren Kopf. Sie soll mich sehen. Er lächelt mich an, ich lächle ihn an. Wahrnehmung als zärtlicher Akt, der drei Menschen miteinander verbindet.

16.42. Die Türmerin wird von ihrer Begleiterin wieder abgeholt. Sie wickelt sich für den erneuten Gang übers zugige Dach in Wolle, denn diese Türmerin ist nicht wetterfest und auf Dauer für diesen Job eher nicht geeignet. In der Turmstube steht  ayurvedischer Tee für sie bereit, gekocht von der fürsorglichen Ursula. Jemand hat "für die Türmer und Begleiter an Weihnachten" eine große Schachtel Schokolade hinterlegt, und die Türmerin bedauert, nicht doch ihren Kindheitstraum, Schauspielerin zu werden, verwirklicht zu haben - beim Theater scheinen freundliche Menschen zu arbeiten. Dann formuliert sie ihre Eindrücke für die Publikation, die am Schluss des Projektes entstehen wird. Und deshalb will sie hier auch nicht mehr verraten, als bereits oben getan, denn die Texte hat sie, wie alle Türmer, dem Theater geschenkt. Dann kehrt sie zurück ins Leben der Stadt. Es ist ein wenig laut. Ein sonniger Weihnachtstag senkt sich in die Dunkelheit, und es sind noch immer 17 Grad.

Wenn Sie mehr wissen wollen über das Projekt: www.dietuermervonfreiburg.de

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Und wieder ein Weihnachtsfest


Allen Leserinnen und Lesern meiner Bücher, Artikel und dieses Blogs -
 allen Hörerinnen und Hörern meiner Rundfunksendungen -
 allen Weggefährtinnen und Weggefährten, die meine Seminare besuchen (seit vielen Jahren oder erst seit kurzem) -
 wünsche ich ein stilles oder turbulentes, besinnliches oder sinnliches, in jedem Fall wunderschönes Weihnachtsfest.

Eure und Ihre Margrit Irgang 

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Der Weihnachtshund


Ein Heiliger Abend in den Bergen, in einem jener Jahre, als die Winter noch richtige Winter waren, mit Schneebergen und Flocken, die groß waren wie die damaligen Fünfmarkstücke. In den Häusern gingen die Lichter an, hinter beschlagenen Fensterscheiben leuchteten die ersten Christbaumkerzen. Ich ging langsam in die Nacht hinein, der einzige Mensch in einer absolut stillen Welt. Da sah ich im Augenwinkel links neben mir eine Bewegung. Die Bewegung war graubraun und unförmig. Ich bin in Bayern aufgewachsen, da tauchen Ende Dezember gern die Perchten auf. Das sind furchterregende Gestalten in zotteligen Fellen, sie treiben die Dämonen des Winters aus. Wer den Perchten begegnet, muss auf der Hut sein. Andererseits soll es - meiner Gewährsfrau, einer alten Bäuerin, zufolge - ein gutes Omen sein. Immerhin treiben sie Dämonen aus, und wer könnte von sich sagen, dass er nicht einen klitzekleinen Dämon irgendwo in Geist oder Herz lauern hat?

Neben mir war ein Hund erschienen in einem Perchten-Fell.

Er war weder groß noch klein, weder jung noch alt, das Fell war verfilzt, das eine Ohr stand, das andere hing schlaff herunter. Er hob den Kopf und sah mich an mit den sanftesten, schönsten braunen Hundeaugen. Und weil es ja auch die erste Nacht der magischen Raunächte war, in der man, so heißt es, die Tiere sprechen hört, sah ich durch diese Augen hindurch direkt in eine Hundeseele. "Hallo Hund", sagte ich. Er setzte sich und legte den Kopf schief, das schlaffe Ohr hing im Schnee. "Komm", sagte ich, "wir müssen uns bewegen, es wird kalt."

Wir gingen auf den Waldrand zu, er dicht an meinem linken Bein. "Du musst doch zu jemandem gehören", sagte ich. Die seelenvollen Augen sahen mich an und ich verstand: Er gehörte jetzt zu mir. "Oh nein", sagte ich, "das geht nicht. In meinem Leben, weißt du, ist kein Platz für einen Hund." Er rieb seinen Kopf an meinem Bein, durch die Hose spürte ich die Hundewärme. "Du musst das verstehen", sagte ich, "ich gehe manchmal tagelang auf Lesereise und gebe Seminare, da kann ich dich nicht mitnehmen. Und mein Vermieter hat zwei Schäferhunde, die würden dich nicht mögen." Er sah mich an. Diese Augen. Ich sah weg. "Ich bin Vegetarierin", sagte ich. "Nicht mal eine Wurst hätte ich für dich im Haus." Wir gingen weiter. Der Schnee war tief, er versank bis zum Bauch, arbeitete sich aber tapfer voran. Am Aussichtspunkt blieben wir stehen.

"So geht das nicht, Hund", sagte ich. "Du kannst nicht einfach jemanden adoptieren, der für das, was du schenken möchtest, keinen Platz in seinem Leben hat. Jetzt habe ich mich schon an dich gewöhnt, an deine Wärme, deine Bewegung neben mir. Wenn wir uns trennen müssen, werde ich dich vermissen." Mit einer schnellen Bewegung, die ich ihm nicht zugetraut hätte, sprang er an mir hoch und leckte mir die Hand. Ich trug Handschuhe. Ich zog die Handschuhe aus und kraulte das räudige Fell.

Er ging mit bis zu meiner Hofeinfahrt, am Tor blieb er unaufgefordert sitzen. Er schien meinen Bereich zu respektieren und meinen Wunsch, ihn nicht näher kennenzulernen. Vielleicht hatte er auch die Sache mit den Schäferhunden begriffen. An der Haustür drehte ich mich um. Er saß in der eiskalten Nacht im Schnee und verfolgte jede meiner Bewegungen. Ein Hund im Perchtenfell.

Viele Monate lang suchte ich nach ihm auf den Feldern und im Wald, hielt Ausschau nach seinem zottigen Fell, seiner unförmigen Gestalt. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

Das Jahr, das diesem Weihnachtsfest folgte, war ein gutes Jahr.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Lebensendgespräche


Gespräche mit Schriftstellern, die Bilanz ziehen: Bald ist ihr Leben zu Ende - was zählt jetzt noch? Was war wichtig, was nicht? Iris Radisch hat mit ihrem Interesse für den Menschen in den Interviews einen Raum geschaffen, der Offenheit möglich macht. Und so streiten Martin Walser und Günter Grass mit ihr; gesteht Ilse Aichinger, dass der Krieg ihre schönste Zeit war, weil man damals noch wusste, wer Freund und wer Feind ist, und für Patrick Modiano, Amoz Oz und George Steiner sind die längst gestorbenen Eltern noch immer auf geradezu erschütternde Weise wichtig.


Ein schönes und wichtiges Buch. Hier der Link zu meiner Rezension in SWR 2.

Samstag, 5. Dezember 2015

That vast unchanging expanse. Diese unermessliche, unwandelbare Weite.


"The conventional world view involves a constant state of evaluation and judgment. We're constantly saying to ourselves what should and shouldn't be, what we like and what we don't like. We can open the door and it could be raining, and we might say, "Oh gosh! I hate the rain! It shouldn't be raining!" At that moment, we are in opposition with reality. Reality ist simply that it is raining.

When our minds start to open, we're no longer in a constant state of evaluation and judgment. Naturally, then, our senses open - and we can really see what is before us. Our eyes open in a different way, our hearing opens in a different way, our emotions open, our hearts open to all of existence. We see how judging and condemning actually close our hearts and harden us to our experience of life and others. Open-mindedness allows you to embrace the nature of your experience. This doesn't mean that you have to like every experience that you have. There are experiences that are painful, there are experiences that are unpleasant. Open-mindedness doesn't mean that you're just opening to the good parts of life, it means you're opening to everything. And this is when you start to discover a type of inner stillness, an inner stability, that vast unchanging expanse that is at the heart of everything."

Adyashanti 

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"Die konventionelle Weltsicht beinhaltet ständiges Bewerten und Beurteilen. Wir erzählen uns dauernd selbst, was sein sollte und nicht sein sollte, was wir mögen und nicht mögen. Wir öffnen die Tür, es regnet, und wir sagen, "Mist, ich hasse Regen! Es sollte nicht regnen"! In dem  Moment sind wir im Widerstand gegen die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist einfach der Regen.

Wenn unser Geist sich zu öffnen beginnt, sind wir nicht länger in einem ständigen Zustand des Bewertens und Beurteilens. Deshalb öffnen sich unsere Sinne, und wir können wirklich sehen, was wir vor uns haben. Unsere Augen öffnen sich auf andere Weise, unser Hören öffnet sich, unsere Gefühle öffnen sich, unser Herz öffnet sich der ganzen Existenz. Wir sehen, wie sehr Bewerten und Verurteilen unser Herz verschließen und uns gegenüber der Erfahrung des Lebens verhärten. Geistige Offenheit erlaubt dir, die Natur deiner Erfahrung anzunehmen. Das heißt nicht, dass du jede Erfahrung mögen musst. Es gibt schmerzhafte und unangenehme Erfahrungen. Geistige Offenheit bedeutet nicht, dass du dich nur den guten Seiten des Lebens öffnest - sie bedeutet, sich allem zu öffnen. Dann beginnst du, eine besondere innere Stille, eine innere Stabilität zu entdecken. Diese unermessliche, unwandelbare Weite, die am tiefsten Grund von allem liegt."

Adyashanti

Dienstag, 1. Dezember 2015

Was ich beim Plätzchenbacken höre



"On Yoolis Night" Medieval Carols and Motets. Von dem wunderbaren amerikanischen Frauen-Quartett mit den glasklaren Stimmen Anonymous 4. 

Hier: Peperit virgo.