Montag, 28. September 2015

Sommers Ende

 

Sommers Ende

Und wieder den Sommer nicht bestanden.
Schneller als wir wuchs das Korn.
Zur Feier des Juli starb das Gras
den Himmel lobte die Lerche.
Die Nacht schlug uns mit Duft und Sternen.
Wir schliefen nie. Wir schliefen immer.

Es war die Rose die sich entfaltete
es war die Kapsel des Mohns die brach.
Wieder vor der Wärme geflohen
Schatten aufgestellt
und in der hohen Stille des Mittags
die Ewigkeit unverändert überlebt.

(Margrit Irgang. Aus: "Leuchtende Stille", Verlag Herder)

***

Zomereinde

En weer de zomer niet goed doorgekomen.
Sneller dan wij groeide het graan.
Ter ere van juli stierf het gras.
De leeuwerik loofde de hemel.
De nacht sloeg ons met geur en sterren.
We sliepen nimmer. We sliepen immer.

Het was de roos die zich ontvouwde,
het was de kap van de klaproos die openbrak.
Weer voor de warmte gevlucht,
voor schaduw gezorgd.
En in de hoge stille middag
de eeuwigheid onveranderd overleefd.

(Aus: "Stralende stilte", Asoka, Vertaling: Piet Hermans)
 

Mittwoch, 23. September 2015

Schon mal meine Homepage angeschaut?



Dort finden Sie einen Überblick über das Wichtigste, was ich so geschrieben habe: Bücher natürlich, aber auch Rundfunk-Features, Essays und Artikel. Mit etlichen Texten zum Lesen, und hören kann man auch was. Hier geht's lang: www.margrit-irgang.de

Das schöne Bild ist von Alfred Bast, den finden Sie hier: www.alfred-bast.de

Auf diesen Blog kommt man auch über die Homepage, das muss aber nicht sein. Dessen Adresse www.margrit-irgang.blogspot.de können Sie direkt in Ihre Browserzeile eingeben oder abonnieren, mit jedem Feedreader oder auch per Mail (dafür gibt es am Fuß dieser ersten Seite eine Möglichkeit). Dann erhalten Sie eine Mail, wenn ein neuer Beitrag gepostet wurde. Von all dem erfahre ich nichts, Sie surfen bei mir ganz privat und frei und anonym.

Viel Freude beim Lesen!

Samstag, 19. September 2015

Nun weht er wieder, der Wind (JOIK)


Nun bläst er wieder, der Herbstwind. Was wird er mit sich bringen, oder trägt er etwas davon? Etwas, das wir ihm gern überlassen, lange schon loswerden wollten, oder etwas, das wir so gerne festhalten würden, aber der Wind, der immer schneller und wilder ist, hat es sich schon geholt ...?

Der JOIK ist der traditionelle Gesang der Samen, bei dem sich die Natur äußert in Form der menschlichen Stimme. Der Joik ist immer schon da, er lebt sozusagen in der Natur und äußert sich durch den Sänger, wenn dieser sich ihm öffnet. Deshalb wurde der Joik früher nicht nur von Laien, sondern vor allem von Schamanen gesungen, begleitet von einer Rahmentrommel. Bis ins 20. Jahrhundert war das Joiken als Ausdruck der samischen Religion verboten.

Der schwedische Komponist Jan Sandström, der in Lappland geboren wurde, hat diesen schönen, archaisch und gleichzeitig melodisch klingenden Joik komponiert: Biegga luothe. Beim Joik sind die Worte nicht wichtig, dennoch gibt es in dieser Komposition welche, so seien sie erwähnt:

"Nun bläst der Wind.
Lo, lo, lo, lo ....
Er kommt mit dem heiligen Geist,
ein Gruß Gottes
an das Volk Lapplands
mit seinem Segen. 
 

Samstag, 12. September 2015

Soeben erschienen: "Die Kostbarkeit des Augenblicks"


Ich sehe in der Gesellschaft viel Angst vor dem Tod; ich dagegen habe den Tod schon lange als meinen Meister akzeptiert. Wer einen nahen Menschen oder auch ein Tier verliert oder zu verlieren droht, weiß auf einmal, was wirklich wichtig ist: Dieser Augenblick mit all seiner Schönheit und seinem Schmerz, denn er feiert das Leben, das noch nicht vorbei ist.

Das Buch besteht aus Tagebucheintragungen über das Sterben meines Bruders und aus Reflektionen über die Vergänglichkeit alles Seienden: der Abschied von der Kindheit und von der Jugend, Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung und der Heimat, Trennungen, die Pensionierung. Neugierig habe ich mich in diversen Wissensgebieten getummelt und zum Thema die Religionen ebenso befragt wie die Psychologie, die Mystiker, die Schamanen und die Dichter. Auch Menschen, die mir begegnet sind, haben viel beizutragen, denn Verluste sind universell.

Gerade eben erschienen also:

Die Kostbarkeit des Augenblicks
Was der Tod für das Leben lehrt

Kreuz Verlag, ISBN 978-3-451-61303-6

Natürlich ist es wieder kein "Fachbuch", es ist auch kein "Sachbuch", sondern das Buch einer Dichterin, die ihrer Wahrnehmung und Sprache vertraut.

Montag, 7. September 2015

Ein Flüchtlingskind


Letzte Woche trafen Busse mit Flüchtlingen in Freiburg ein, die meisten waren Syrer. Sie wurden empfangen von einer kleinen Gruppe Menschen mit Luftballons. Eine Frau sagte dem Reporter der örtlichen Zeitung, sie würden gern ihre Hilfe anbieten - für Kinderbetreuung vielleicht, und man könne mit den Flüchtlingen auch Yoga machen.

Das Gutgemeinte liegt manchmal sehr weit weg von der Wirklichkeit dessen, für den es gedacht ist.

***

Die Mutter flieht aus Frankfurt an der Oder jede Nacht aufs Neue, mit dem geretteten Köfferchen, unter den Bomben hindurch, an brennenden Häusern vorbei, und das Kind, das es damals noch gar nicht gab, flieht mit, von den Erzählungen der Mutter umsponnen wie von einem klebrigen, unzerreißbaren Netz. Zwei Flüchtlinge also, geflohen aus demselben Land und derselben Sprache, und doch im Ankunftsland für immer Fremde. Misstrauisch gemieden, im besten Fall mit herablassendem Wohlwollen behandelt von den Einheimischen, die gar nicht bemerken, dass sie ein unsichtbarer Graben von den Neuankömmlingen trennt: Sie haben nie ihre Heimat verloren.

Das Flüchtlingskind wächst auf mit Gerichten, die im Ankunftsland niemand kennt und deren Zutaten schwer zu beschaffen sind. Es versteht die verwaschene Sprache nicht, die nur vorgeblich dieselbe ist, die zu Hause so hell und klar klingt. Es lebt mit zwei anderen Menschen in einem einzigen Zimmer ohne Bad und Toilette, während andere Kinder eigene Zimmer haben. Es lebt mit einer Mutter, die in jedem Gewitter herannahende Bombengeschwader hört und bei jedem Klingeln an der Tür die Gestapo vermutet. Das Kind hat keine Ahnung, was es heißt, ein Kind zu sein; es muss seine Mutter vor weiteren Kriegen beschützen. Es wächst auf mit der Gewissheit, dass es keine Sicherheit gibt und man alles Geliebte jederzeit verlieren kann. Es wird erwachsen im Schatten eines Traumas, das nicht sein eigenes ist und doch sein Leben verdunkelt.

***


Die syrischen Asylbewerber haben alles verloren, was sie seit Generationen aufgebaut hatten. Sie sind vor den Bomben und dem Feuer geflohen, die Kinder auf der Schulter, durch mehrere Länder, in vollgestopften Zügen, Bussen und zu Fuß. Sie kommen in ein Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, dessen Essen ihnen fremd ist. Sie bekommen eine Pritsche in einem riesigen Zelt zugewiesen, bevor sie weitertransportiert werden an einen Ort, dessen Name ihnen nichts sagt. Freiburg vielleicht. Ja, sie sind froh, vorübergehend in Sicherheit zu sein. Aber ihre Verluste und Kriegstraumata werden auch an ihren Kindern nicht spurlos vorübergehen.

Diese Menschen brauchen unseren Respekt für ihren Weg und das, was sie erlebt haben. Und vielleicht müssen sie irgendwann später davon erzählen. Dann brauchen sie unsere bedingungslose Aufmerksamkeit. Eine Aufmerksamkeit, die nicht schon vorher zu wissen meint, was da gesagt werden wird, die keine Meinung hat, kein Urteil abgeben will, keinen Trost und keine Ratschläge anbietet und niemanden erziehen will. Auf diese Weise zuzuhören ist eine Kunst, und nicht viele Menschen beherrschen sie.

Der Graben, der die Flüchtlinge von denen trennt, die nie die Heimat verloren haben, ist riesig. Vielleicht kann nur ein Flüchtlingskind das ein wenig verstehen.

Bitte beachten Sie die Aktion www.blogger-fuer-fluechtlinge.de