Donnerstag, 30. Juli 2015

Der Brief


Ich erwarte einen Brief. Einen richtigen, mit der Hand auf Papier geschrieben, für dessen Beförderung der Absender Geld bezahlt hat. 62 Cent, vielleicht sogar 90. Denn der Brief wird ein oder zwei Fotos enthalten, richtige Fotos, abgezogen auf Glanzpapier.

Ich erwarte diesen Brief seit einer Woche. Seit einer Woche blicke ich ab halb zwölf hin und wieder erwartungsvoll aus dem Fenster. Zwischen zwei Häusern in einer Querstraße ist eine kleine Lücke, dort kommt er angeradelt, der Briefträger. Wieso heißt das eigentlich Brief-Träger? Er wird den Brief ja nur von seinem Fahrradkorb zu meinem Briefkasten tragen, wenn er den Brief endlich einmal dabei hat. Ich kenne inzwischen den Briefträgerzustellrhythmus in meinem Viertel. Es sind Ferien, der Briefträgerzustellkorb auf dem Briefträgerfahrrad ist überschaubar gefüllt. Dieses Fahrrad ist bezaubernd, ich hatte das noch nie bemerkt. Es hat einen Rost, den man mit einem Fußtritt herunterzieht, dann steht das Rad. Daran befestigt ist ein kleines Rad. Man kann das Fahrrad also im Stand schieben, sozusagen, von Haustür zu Haustür, wenn es sich nicht lohnt, sich in den Sattel zu schwingen. Der Sound, mit dem der Fußrost einrastet, ist einzigartig und schwer zu beschreiben. Ein kräftiges, nach altem Eisen klingendes Klack! Das Klack! kündigt an: da wird etwas geliefert, es meint mich. Vielleicht eine Rechnung, vielleicht die Werbung vom örtlichen Supermarkt. Vielleicht mein Brief?

Es ist alles so aufregend.

Ich erwarte einen Brief und mutiere zum Weltempfänger. Der nicht eingetroffene Brief schickt mir so viele Eindrücke über den Weg, dass ich einen Blogpost darüber schreiben muss. Heute auf einmal ein anderer, junger Briefträger, der sportlich mit kräftigen Waden in die Pedalen trat. Hat der übliche Ferien? Ist er am Ende krank? Hat er meinen Brief verloren, vergessen, mit nach Hause genommen, weil er so glücklich ist, endlich einmal einen Brief austragen zu dürfen und keine Werbeprospekte? Wird der junge Neue zuverlässig sein? Meinen Brief respektvoll behandeln?

Ich habe die Brieferwartungsfreude meiner Kindheit wiederentdeckt. Vielleicht brauche ich den Brief jetzt gar nicht mehr? Kann der Empfang mehr sein als die Freude des Erwartens?

Morgen um halb zwölf halte ich wieder Ausschau.

Freitag, 24. Juli 2015

Was tust du, wenn du nicht weißt, was du tun sollst?


"You know what I do when I don't know? I know one thing: I know it's simply not the time to know. So I relax. I don't even try to know. And what you find is you know exactly when you need to know and not one second sooner. That's how it is. And it's not just for me. It's for everybody. The only question is, how much struggling do you do in-between. So sometimes it's just not the moment to know. And that opens you up to a real sensitivity. It's easier for life to get through to you. Because you're listening instead of desperately trying to know."

Adyashanti

"Weißt du, was ich tue, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll? Ich weiß nur eins: Ich weiß, dass es einfach nicht die richtige Zeit ist, um zu wissen. Also entspanne ich mich. Ich versuche nicht einmal, zu wissen. Und dann stellt sich heraus, dass du es in genau dem Moment weißt, in dem du es wissen musst, und nicht eine Sekunde früher. Genau so ist es. Und nicht nur für mich, sondern für jeden. Die Frage ist nur: Wie sehr kämpfst du in der Zeit dazwischen? Also, manchmal ist es einfach nicht an der Zeit, zu wissen. Und das öffnet dich in eine wahre Sensibilität. Es ist leichter für das Leben, zu dir durchzudringen, weil du jetzt lauschst und nicht mehr verzweifelt versuchst, zu wissen."

Adyashanti

Dienstag, 14. Juli 2015

SWR 2: Muße


Heute schon in der Hängematte gelegen? Mit einem Kind Seifenblasen gepustet? Die Katze gestreichelt, dem Hund Stöckchen geworfen? Einen langen Spaziergang gemacht? Ein Gedicht gelesen? Noch mal gelesen? Einen Eiskaffee getrunken, mit zwei Kugeln Vanilleeis? Gestern der Erde dabei zugeschaut, wie sie sich von der Sonne wegdreht, und klar gesehen, dass die Sonne deshalb keineswegs untergeht?

Nein? Dann wird es Zeit, mein Feature zum Thema Muße zu hören, fünfundzwanzig Minuten lang.

Zum Begriff "Muße" weiß der Duden Interessantes zu berichten:

"Die nur deutsche Substantivbildung Muße ist eng verwandt mit dem unter müssen behandelten Verb und gehört mit der Sippe von messen zu der umfangreichen Wortgruppe von 'Mal, Zeitpunkt'. Das Wort bedeutete ursprünglich etwa 'Gelegenheit oder Möglichkeit, etwas tun zu können'."

"Müssen" ist also die große dicke Schwester der kleinen unbeachteten "Muße". Die große Schwester zwingt uns offenbar kollektiv zum Schreiben zahlloser E-Mails in immer kürzeren Zeitabständen, lässt uns so viele Erledigungen, Erlebnisse und Pflichten in unsere Zeit pressen, wie das gerade noch möglich ist. Wussten Sie, dass sich das Aufführungstempo klassischer Musik in den letzten Jahrzehnten enorm beschleunigt hat? Und ich durfte noch vor wenigen Jahren Eineinhalb-Stunden-Sendungen für den SWR machen - eine Länge, die man dem Hörer heute nicht mehr zumuten will.

Über all dies habe ich mich für ein SWR-Feature unterhalten mit dem Soziologen Professor Hartmut Rosa, dem Künstler Alfred Bast und der Journalistin Gerlinde Knaus. Wir kamen zu dem Schluss, dass Muße kein Selbstzweck ist, sondern lebenswichtig: Unsere oft wahllos in unsere kostbare Zeit gestopften Erlebnisse müssen zu Erfahrungen werden, um uns wirklich zu verwandeln - und das erfordert regelmäßige schöpferische Pausen. Ich meine, wir sollten uns wieder auf den Muße-Begriff der Antike besinnen, wo die Muße einen hohen Stellenwert hatte: Erkennen und Einsehen galt damals als Lebensweise. Das können wir übrigens heute von den Künstlern, Dichtern und Philosophen lernen. Was tun diese, wenn sie Inspiration brauchen? Sie legen sich in die Hängematte, pusten Seifenblasen, streicheln die Katze ....


"Muße. Plädoyer für das schöpferische Innehalten". Feature von Margrit Irgang. Hier ist der Link zum Anhören der Sendung in der Mediathek.

Freitag, 10. Juli 2015

Sechs Mönche des Sera Jey Ngari Khangtsen streuen ein Sandmandala


Das Sera Jey Monastery in Karnataka ist eines der ältesten tibetischen Flüchtlingskloster in Südindien. Sechs seiner Mönche streuen seit Anfang dieser Woche im Tibet Kailash Haus in Freiburg ein traditionelles Sandmandala. 

Es ist warm und still. Geshe Lobsang Tashi, Geshe Nawang Zangpo und Ngarampa Thupten Nyima beugen sich über das Podest und schütten das vorgezeichnete Muster mit farbigem Sand auf. Hochkonzentriert und entspannt zugleich. Sie haben keine Eile. Das Kunstwerk wächst stetig, morgen, am Samstag, wird es fertig sein. Circa zwei mal zwei Meter, ein Mandala, das den universellen Frieden ausdrückt und erschaffen wird mit dem Wunsch, diesen Frieden zu verbreiten.


Westliche Kunst entsteht aus dem Individualismus und feiert ihn. Östliche Kunst dagegen - die tibetische wie auch die japanischen Zen-Künste Kalligrafie, Tuschemalerei und Ikebana -ist überpersönlich. In langen mühsamen Lehrjahren hat sich der Künstler, die Künstlerin, so geschult, dass nicht das Ego, sondern die uns allen innewohnende Weisheit und strahlende Stille den Pinsel führt, den Sand schüttet, die Blumen steckt. Ein solches Kunstwerk zu betrachten ist Meditation: Weisheit und Stille strahlen auf den Betrachter zurück.

Und doch ist ein Kunstwerk nur für den Augenblick gemacht, eine Manifestation der unablässigen Veränderung alles Seienden. Als Zeichen dafür wird das fertige Sandmandala morgen, Samstag, mit einem Ritual aufgelöst und gegen 18 Uhr in einer Zeremonie der Dreisam übergeben, dem kleinen Freiburger Fluss, der nie aufhört zu fließen.

Morgen von 15 bis 20 Uhr wird im Tibet Kailash Haus ein Sommerfest aus Anlass des 80. Geburtstags des Dalai Lama stattfinden. Mehr darüber unter diesem Link.                                                                              

Sonntag, 5. Juli 2015

SOMMER!


Ein Samstagabend im Juli. 35 Grad. Windlichter auf den Balkonen, Gläserklirren, leise Gespräche in der Sommernacht. Der Himmel voller Sterne, der Mond ein riesiges Käserad. Duftende Rosen, quakende Frösche, die ersten Grillen sägen in den Wiesen. Das tägliche Straßenbild: bunte Sommerkleider, Sandalen, Strohhüte. Hoch-Sommer. Der Höhepunkt des Jahres. Ein Mehr an Intensität ist nicht möglich.

In meiner früheren Zen-Schule wurde im sesshin jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Spruch vorgelesen, als Mahnung und Erinnerung:

"Das Leben ist schnell vorbei. Deshalb sage ich euch: Seid wach! Nichts sollt ihr nachlässig behandeln, alles ist wichtig, alles ist kostbar! Und vergesst nicht: Was immer euch begegnet, ist euer Leben."

Im Supermarkt und an Straßenecken wehen mir Klagen ins Ohr. Es sei "zu" heiß, man könne nicht schlafen. Diese Hitzeperiode dauere schon "zu" lange, es sei Zeit für gemäßigteres Wetter. Vor ein paar Wochen hörte ich, es sei "zu" nass für die Jahreszeit, im Winter war es "zu" kalt, und vom Schnee gab es "zu" wenig.

Der Sommer ist schnell vorbei. Wir sollten ihn nicht nachlässig behandeln. Wenn wir jetzt nicht wach sind - wann wollen wir es dann sein?

Noch gibt es leise Gespräche in der Sommernacht, duftende Rosen und zirpende Grillen. Noch ist Hoch-Sommer.

Mittwoch, 1. Juli 2015

Drei ältere Herren rocken das Haus


Der Sommer ist endlich da, die Rosen explodieren in allen Schattierungen von Rosa, Rot und Gelb, die Vögel bekommen Vögelchen, die Nächte sind kurz und warm und duften. Und in der Weltpolitik herrscht Krise, es geht um Geld, viel Geld, mehr Geld.

Da hilft nur Musik.

Mein Lieblingsstück des amerikanischen Kontrabassisten Edgar Meyer, hier im Konzert aufgeführt von ihm zusammen mit Mark O'Connor und dem wie immer hinreißenden Yo-Ya Ma am Cello: "1B".

Eine Musik, zu der man tanzen sollte, mit jemand sehr Nettem, alleine oder mit der Katze, in einer warmen duftenden Julinacht.