Donnerstag, 30. April 2015

gleich-zeitig


1 grünen Kirsche begegnet. (Tausende andere ignoriert. Begegnung geschieht 1 : 1). Ich sah:

Kirschenernte. Kirschkuchen. Kirschmarmelade. Kirschsirup. Kirscheis. Kirschlikör. Kirsch (30 %). Kirschkernweitspucken. Kirschendiebe. Maden.

Sah: Baumschattensommerkühle. Kirschbaumblätterwelken. Herbststurm. Astbruch. Hagelschaden. Froststarre. Schneemützen. Erstes Grün. Kirschblüte. Kirschbäumchen. Kirschbaum. 1 grüne Kirsche am 30. April 2016.

Alles ist noch und schon da. Gleichzeitig. Im Jetzt. Der einzigen Zeit, die es gibt. Das Jetzt ist: die unendliche Gleichzeitigkeit. Die nie vergehen kann, weil sie immer ist. Wir aber glauben noch immer, die Zeit sei eine Schnur, auf der die Augenblicke aufgefädelt sind wie Perlen.

"Das Gegenwärtige ist das Ewige, oder richtiger: das Ewige ist das Gegenwärtige, und das Gegenwärtige ist das Erfüllte."

Sören Kierkegaard 

Samstag, 25. April 2015

Niederschmetternde Erkenntnis an einem Frühlingsabend



"Am frühen Abend auf dem Balkon landet ein Pfauenauge auf meinem T-Shirt, entfaltet seine Flügel und beginnt auf dem gelben Jersey herumzutupfen. Vielleicht ist diese Farbe in einem Pfauenaugengen einprogrammiert als Blumenpollen und potenzielle Nahrungsspenderin. Ich atme flach. Keine Bewegung, der Gast soll seinen Irrtum nicht bemerken. Die Flügeldecken sind, ich sehe das zum ersten Mal, mit pudrigem Zimt bestreut; wenn ich ausatme, wird er zerstäuben. Das schillernde Auge auf jedem Flügel vibriert kaum merkbar. Der Gast tupft unermüdlich zwischen den Jerseymaschen herum. Bald wird er merken, dass ich keine Nahrung für ihn bin, dass ich ihm nichts anbieten kann als Gegengabe für die Schönheit seiner Flügeldecken. Ich bin ein nutzloses Wesen für einen Schmetterling; das ist in diesem Moment eine niederschmetternde Erkenntnis. Bevor ich aufgrund meiner Nutzlosigkeit verlassen werde, wedele ich mit dem Saum des T-Shirts, und der Falter steigt in den Abendhimmel."

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)

Sonntag, 12. April 2015

Gedulds-Faden


Beim Umstellen des Kleiderschranks von Winter- auf Sommerbetrieb wieder einmal mit Freude festgestellt, was alles man an seinen Abenden herstellen kann, wenn man keinen Fernseher besitzt.

Mein Label, das man nirgendwo kaufen kann, heißt GEDULDS-FADEN: Masche für Masche, Faden für Faden. Mein Label beutet keine Näherinnen in Bangladesh aus, verwendet nach Möglichkeit nur Stoffe und Wolle nach GOTS und Öko-Tex-Standard und: Niemals wird mir irgendwo eine Frau begegnen, die dasselbe trägt wie ich!

Mittwoch, 8. April 2015

Die Türmer von Freiburg

Foto: Theater Freiburg

"Eine echte Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen."
(Marcel Proust)

Ab dem 20. Juni 2015 wird Freiburg für genau ein Jahr täglich zwei Türmer haben, die jeweils bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang auf einem eigens errichteten Turm auf dem Dach des Theaters stehen und weit über ihre Stadt blicken werden. Der Türmer im Mittelalter warnte die Stadt vor Gefahren, aber es ist nicht zu erwarten, dass feindliche Heere über den Rotteckring anrücken. Warum also braucht Freiburg einen Türmer? Oder - braucht vielleicht eher der Türmer den Turm? Den neuen Blick auf seine Stadt, die weiter gefasste Perspektive auf das, was er oder sie zu kennen glaubt und deshalb nicht mehr genau und frisch wahrnimmt?

"Die Türmer von Freiburg" ist ein Projekt der australischen Choreografin Joanne Leighton; sie sagt dazu: "Es geht darum, an einem spezifischen Ort anwesend zu sein, Darsteller und zugleich Beobachter zu sein, seine Umgebung zu hinterfragen und eben auch seine Wahrnehmung. Seinen Blick zu öffnen, unendlich weit zu schauen und in der Begegnung mit dem Gesehenen seinem Körper einen Platz zu schaffen. Darin besteht der Sinn dieser Performance, bei der jeder Teilnehmer die Grunderfahrung choreografischer Praxis macht: die Qualität von Präsenz. Diese eine Stunde macht es möglich, sich der Poetik des Augenblick zu widmen. Es handelt sich um einen Moment jenseits der alltäglichen Verpflichtungen, es ist ein privilegierter Augenblick, den sich jeder Türmer selbst ermöglicht. Mit Leichtigkeit und ohne Stress zieht man sich aus der Welt zurück, ohne dabei zu vergessen, dass man Teil eines Projektes ist, das einer ganzen Bevölkerung und ihrem Lebensraum gewidmet ist."

Der "Poetik des Augenblicks" widme ich seit 20 Jahren mein Leben und meine Arbeit. Also: Ich bin dabei! Ich werde Türmerin sein!

Machen auch Sie mit? Es werden 730 Türmer/innen gebraucht. Hier können Sie sich anmelden und erfahren alles Wissenswerte: www.dietuermervonfreiburg.de

Freitag, 3. April 2015

Das April-Gedicht, viersprachig


Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag (siehe rechte Spalte unter "Bücher")

Meine Gedichte sind schon in etlichen Ländern erschienen. Das wundert mich, sind es doch ganz einfache, stille Gedichte. Obwohl man sich von der Einfachheit nicht täuschen lassen darf (genau lesen, ganz genau!), frage ich mich: Wer außer mir mag einfache, stille Gedichte? Ich habe sogar mal den Marburger Förderpreis für Literatur für die stillen Gedichte bekommen. Und wundere mich immer noch darüber ...

Hier der "Brunnen" auf Italienisch:

Pozzo

Cerchio di pietra
ripieno di vuoto

sotto
molto sotto lo splendore

 (Trad.: Simona Venuti)

Auf Englisch:

Well

Stoneround
full of emptiness

down
deepest down the glint

Auf Niederländisch:

Put

Steenrond
gevuld met leegte

beneden
diep beneden een glans

(Ü: Piet Hermans)