Mittwoch, 21. Januar 2015

"Sure on this shining night"


Musik zum Glücklichsein: "Sure on this shining night" von Morten Lauridsen. Hier in einer hübschen Version des Bel Canto Choir Vilnius. Morten Lauridsen hat dieses Gedicht von James Agee vertont:

Sure on this shining night
Of star made shadows round,
Kindness must watch for me
This side the ground.
The late year lies down the north,
All is healed, all is health.
High summer holds the earth,
Hearts all whole.
Sure on this shining night I weep for wonder wand'ring far alone
Of shadows on the stars.

Ein glückliches Wochenende!

Montag, 19. Januar 2015

Über Flüchtlinge, das Fremdsein und das Frieren in Deutschland


In meinem Vorort sind Flüchtlinge einquartiert, aus Ghana, aus Syrien. Täglich sehe ich eine der afrikanischen Frauen an meinem Haus vorbeigehen. Sie trägt einen dicken Wintermantel, ihr Kind im Kinderwagen liegt unter hoch aufgetürmten Decken, und der etwa Vierjährige trägt Winterstiefel und Skianorak. Sie frieren in Deutschland. Währenddessen laufen auf dem Bildschirm meines Laptop fünfundzwanzigtausend Menschen durch Dresden und verlangen eine schärfere Asylpolitik und die "Pflicht zur Integration". Mich wundert, dass den Demonstranten nicht bewusst ist, dass auch sie Flüchtlinge gewesen wären, wenn ihre Eltern vor den Dresdner Bomben geflohen wären. So, wie meine Mutter Hals über Kopf ihre ausgebombte Wohnung in Frankfurt an der Oder verlassen musste, mit nichts als einem hastig gepackten Köfferchen in der Hand, in dem sich ein wenig Unterwäsche befand, der Kaufvertrag für die Wohnung und der für den VW und ein paar Fotos mit schmalem weißem Rand.

Angekommen in Bayern, war sie ein Flüchtling, und ihr Kind - also ich, die lange nach der Flucht geboren wurde -, galt seine ganze Kindheit hindurch als "Flüchtlingskind". Flüchtlinge wurden mit Misstrauen betrachtet, sie kamen von "drüben". Als meine Mutter eine Wohnung mieten wollte und das mangelnde Bad erwähnte, wandte sich der künftige Vermieter an seine Frau und sagte: "Die Polacken haben doch in ihrem Leben noch nie ein Bad gesehen." Der Berliner Schick meiner Mutter passte nicht zu dieser Aussage; unsere Familien-Eleganz und die Tatsache, dass wir strikt hochdeutsch sprachen, brachte uns schließlich den Ruf ein, hochmütig zu sein. Wir waren Fremde, wir gehörten nie dazu, uns lud man nie ein, über uns wurde hinter vorgehaltener Hand geredet.

Ich empfehle zu diesem Thema das ausgezeichnete Buch des Historikers Andreas Kossert "Kalte Heimat", Pantheon Verlag. Er schreibt u.a. : "Kennzeichnend für die meisten Vertriebenen und viele ihrer Kinder ist ein Gefühl der Wurzellosigkeit. Nirgends fühlen sie sich auf Dauer heimisch. In der Tiefe ihres Herzens sind sie stets fluchtbereit." Er schreibt auch von der permanenten Angst der Flüchtlingskinder, die ihnen übertragen wurde von ihren Flüchtlingseltern. Die einen reagieren darauf mit extremem Sicherheitsbedürfnis, die anderen mit der erwähnten steten Fluchtbereitschaft.

Dieses Flüchtlingsdrama im Zweiten Weltkrieg aber wurde in unserer Gesellschaft verdrängt. Und so kann eine von mir für ihre zeitkritischen Bücher geschätzte Autoren-Kollegin - geboren in Hamburg - hartnäckig behaupten, ich käme "aus der DDR", auch wenn es zu der Zeit, in der meine Mutter floh, nur ein Deutschland gab. Das ist mehr als mangelnde Geschichtskenntnis - das ist Ignoranz und die Fortführung der Verdrängung.

Jeden Tag kehrt die afrikanische Mutter mit Kinderwagen und Vierjährigem wieder zurück von ihrem Ausflug, der sie ich weiß nicht wohin geführt hat. Als Schnee lag, ist der Kleine schier ausgeflippt, so was hatte er noch nie gesehen. Inzwischen hat er einen Scooter. "Pflicht zur Integration"? Sie frieren. Sie sprechen eine andere Sprache, essen anderes Essen, haben andere Vorstellungen von Vergnügen, sie haben sogar eine andere Hautfarbe. Sie werden sich, prophezeie ich, hier nie heimisch fühlen. Aber sie sind, vielleicht zum ersten Mal, in einem sicheren Land, in dem sie keine Angst mehr haben müssen, außer der einen großen Angst: Abgeschoben zu werden.

Vielleicht ist es das, was sich diese Mutter für ihre Kinder wünscht: dass sie keine Angst mehr haben müssen. Und diesen Wunsch können wir ihr doch erfüllen. Den müssen wir erfüllen.

Samstag, 10. Januar 2015

Ein Baum sein für jene, die leiden


Das, was in Frankreich geschehen ist und uns alle in den letzten Tagen in Atem gehalten hat, übersteigt mein sprachliches Vermögen. Für das Entsetzen, das ich empfinde, kann ich keine angemessenen Worte finden, die weder banal noch rechthaberisch klingen würden. Ohnehin ist im Web schon zu viel, zu schnell und vielleicht zu eloquent kommentiert worden. Deshalb möchte ich hier und heute an das stille Leiden erinnern. Ein Leiden, das nicht auf dem Bildschirm stattfindet, sondern in unserer Nähe. Dort, wo man unser Sein braucht und nicht unsere Worte.

“There are two things: to be and to do. Don’t think too much about to do—to be is first. To be peace. To be joy. To be happiness. And then to do joy, to do happiness—on the basis of being. So first you have to focus on the practice of being. Being fresh. Being peaceful. Being attentive. Being generous. Being compassionate. This is the basic practice. It’s like if the other person is sitting at the foot of a tree. The tree does not do anything, but the tree is fresh and alive. When you are like that tree, sending out waves of freshness, you help to calm down the suffering in the other person.
 
Your presence should be pleasant, it should be calm, and you should be there for him or her. That is a lot already. When children like to come and sit close to you, it’s not because you have a lot of cookies to give, but because sitting close to you is nice, it’s refreshing. So sit next to the person who is suffering and try your best to be your best—pleasant, attentive, fresh.”

Thich Nhât Hanh

“Zu sein und zu tun sind zwei Dinge. Denken Sie nicht zu viel an das Tun – das Sein kommt zuerst. Frieden zu sein, Freude zu sein, glücklich zu sein. Und dann Freude und Glück geben – auf der Grundlage des Seins. Zuerst müssen Sie sich also auf die Praxis des Seins konzentrieren. Frisch sein. Friedvoll sein. Aufmerksam sein. Großzügig sein. Mitfühlend sein. Das ist die grundlegende Praxis. Es ist, als ob die andere Person unter einem Baum säße. Der Baum tut gar nichts, aber er ist frisch und lebendig. Wenn Sie wie dieser Baum sind und Wellen der Frische aussenden, helfen Sie der anderen Person dabei, ihr Leiden zu beruhigen.

Ihre Gegenwart sollte angenehm und ruhig sein, und Sie sollten für ihn oder sie da sein. Das ist schon sehr viel. Wenn Kinder gern neben Ihnen sitzen, tun sie das nicht, weil Sie eine Menge Süßigkeiten verteilen, sondern weil das Sitzen neben Ihnen angenehm ist, erfrischend. Sitzen Sie also neben der Person, die leidet, und versuchen Sie, Ihr Bestes zu sein – angenehm, aufmerksam, frisch.“

Thich Nhât Hanh

Samstag, 3. Januar 2015

Das Wort zum Jahr 2015






"Because suffering is impermanent, that is why we can transform it. Because happiness is impermanent, that is why we have to nourish it."


Thich Nhât Hanh


"Weil Leiden vergänglich ist, können wir es transformieren. Weil Glücklichsein vergänglich ist, müssen wir es nähren."


Thich Nhât Hanh