Mittwoch, 16. Dezember 2015

Der Weihnachtshund


Ein Heiliger Abend in den Bergen, in einem jener Jahre, als die Winter noch richtige Winter waren, mit Schneebergen und Flocken, die groß waren wie die damaligen Fünfmarkstücke. In den Häusern gingen die Lichter an, hinter beschlagenen Fensterscheiben leuchteten die ersten Christbaumkerzen. Ich ging langsam in die Nacht hinein, der einzige Mensch in einer absolut stillen Welt. Da sah ich im Augenwinkel links neben mir eine Bewegung. Die Bewegung war graubraun und unförmig. Ich bin in Bayern aufgewachsen, da tauchen Ende Dezember gern die Perchten auf. Das sind furchterregende Gestalten in zotteligen Fellen, sie treiben die Dämonen des Winters aus. Wer den Perchten begegnet, muss auf der Hut sein. Andererseits soll es - meiner Gewährsfrau, einer alten Bäuerin, zufolge - ein gutes Omen sein. Immerhin treiben sie Dämonen aus, und wer könnte von sich sagen, dass er nicht einen klitzekleinen Dämon irgendwo in Geist oder Herz lauern hat?

Neben mir war ein Hund erschienen in einem Perchten-Fell.

Er war weder groß noch klein, weder jung noch alt, das Fell war verfilzt, das eine Ohr stand, das andere hing schlaff herunter. Er hob den Kopf und sah mich an mit den sanftesten, schönsten braunen Hundeaugen. Und weil es ja auch die erste Nacht der magischen Raunächte war, in der man, so heißt es, die Tiere sprechen hört, sah ich durch diese Augen hindurch direkt in eine Hundeseele. "Hallo Hund", sagte ich. Er setzte sich und legte den Kopf schief, das schlaffe Ohr hing im Schnee. "Komm", sagte ich, "wir müssen uns bewegen, es wird kalt."

Wir gingen auf den Waldrand zu, er dicht an meinem linken Bein. "Du musst doch zu jemandem gehören", sagte ich. Die seelenvollen Augen sahen mich an und ich verstand: Er gehörte jetzt zu mir. "Oh nein", sagte ich, "das geht nicht. In meinem Leben, weißt du, ist kein Platz für einen Hund." Er rieb seinen Kopf an meinem Bein, durch die Hose spürte ich die Hundewärme. "Du musst das verstehen", sagte ich, "ich gehe manchmal tagelang auf Lesereise und gebe Seminare, da kann ich dich nicht mitnehmen. Und mein Vermieter hat zwei Schäferhunde, die würden dich nicht mögen." Er sah mich an. Diese Augen. Ich sah weg. "Ich bin Vegetarierin", sagte ich. "Nicht mal eine Wurst hätte ich für dich im Haus." Wir gingen weiter. Der Schnee war tief, er versank bis zum Bauch, arbeitete sich aber tapfer voran. Am Aussichtspunkt blieben wir stehen.

"So geht das nicht, Hund", sagte ich. "Du kannst nicht einfach jemanden adoptieren, der für das, was du schenken möchtest, keinen Platz in seinem Leben hat. Jetzt habe ich mich schon an dich gewöhnt, an deine Wärme, deine Bewegung neben mir. Wenn wir uns trennen müssen, werde ich dich vermissen." Mit einer schnellen Bewegung, die ich ihm nicht zugetraut hätte, sprang er an mir hoch und leckte mir die Hand. Ich trug Handschuhe. Ich zog die Handschuhe aus und kraulte das räudige Fell.

Er ging mit bis zu meiner Hofeinfahrt, am Tor blieb er unaufgefordert sitzen. Er schien meinen Bereich zu respektieren und meinen Wunsch, ihn nicht näher kennenzulernen. Vielleicht hatte er auch die Sache mit den Schäferhunden begriffen. An der Haustür drehte ich mich um. Er saß in der eiskalten Nacht im Schnee und verfolgte jede meiner Bewegungen. Ein Hund im Perchtenfell.

Viele Monate lang suchte ich nach ihm auf den Feldern und im Wald, hielt Ausschau nach seinem zottigen Fell, seiner unförmigen Gestalt. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

Das Jahr, das diesem Weihnachtsfest folgte, war ein gutes Jahr.

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