Montag, 7. September 2015

Ein Flüchtlingskind


Letzte Woche trafen Busse mit Flüchtlingen in Freiburg ein, die meisten waren Syrer. Sie wurden empfangen von einer kleinen Gruppe Menschen mit Luftballons. Eine Frau sagte dem Reporter der örtlichen Zeitung, sie würden gern ihre Hilfe anbieten - für Kinderbetreuung vielleicht, und man könne mit den Flüchtlingen auch Yoga machen.

Das Gutgemeinte liegt manchmal sehr weit weg von der Wirklichkeit dessen, für den es gedacht ist.

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Die Mutter flieht aus Frankfurt an der Oder jede Nacht aufs Neue, mit dem geretteten Köfferchen, unter den Bomben hindurch, an brennenden Häusern vorbei, und das Kind, das es damals noch gar nicht gab, flieht mit, von den Erzählungen der Mutter umsponnen wie von einem klebrigen, unzerreißbaren Netz. Zwei Flüchtlinge also, geflohen aus demselben Land und derselben Sprache, und doch im Ankunftsland für immer Fremde. Misstrauisch gemieden, im besten Fall mit herablassendem Wohlwollen behandelt von den Einheimischen, die gar nicht bemerken, dass sie ein unsichtbarer Graben von den Neuankömmlingen trennt: Sie haben nie ihre Heimat verloren.

Das Flüchtlingskind wächst auf mit Gerichten, die im Ankunftsland niemand kennt und deren Zutaten schwer zu beschaffen sind. Es versteht die verwaschene Sprache nicht, die nur vorgeblich dieselbe ist, die zu Hause so hell und klar klingt. Es lebt mit zwei anderen Menschen in einem einzigen Zimmer ohne Bad und Toilette, während andere Kinder eigene Zimmer haben. Es lebt mit einer Mutter, die in jedem Gewitter herannahende Bombengeschwader hört und bei jedem Klingeln an der Tür die Gestapo vermutet. Das Kind hat keine Ahnung, was es heißt, ein Kind zu sein; es muss seine Mutter vor weiteren Kriegen beschützen. Es wächst auf mit der Gewissheit, dass es keine Sicherheit gibt und man alles Geliebte jederzeit verlieren kann. Es wird erwachsen im Schatten eines Traumas, das nicht sein eigenes ist und doch sein Leben verdunkelt.

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Die syrischen Asylbewerber haben alles verloren, was sie seit Generationen aufgebaut hatten. Sie sind vor den Bomben und dem Feuer geflohen, die Kinder auf der Schulter, durch mehrere Länder, in vollgestopften Zügen, Bussen und zu Fuß. Sie kommen in ein Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, dessen Essen ihnen fremd ist. Sie bekommen eine Pritsche in einem riesigen Zelt zugewiesen, bevor sie weitertransportiert werden an einen Ort, dessen Name ihnen nichts sagt. Freiburg vielleicht. Ja, sie sind froh, vorübergehend in Sicherheit zu sein. Aber ihre Verluste und Kriegstraumata werden auch an ihren Kindern nicht spurlos vorübergehen.

Diese Menschen brauchen unseren Respekt für ihren Weg und das, was sie erlebt haben. Und vielleicht müssen sie irgendwann später davon erzählen. Dann brauchen sie unsere bedingungslose Aufmerksamkeit. Eine Aufmerksamkeit, die nicht schon vorher zu wissen meint, was da gesagt werden wird, die keine Meinung hat, kein Urteil abgeben will, keinen Trost und keine Ratschläge anbietet und niemanden erziehen will. Auf diese Weise zuzuhören ist eine Kunst, und nicht viele Menschen beherrschen sie.

Der Graben, der die Flüchtlinge von denen trennt, die nie die Heimat verloren haben, ist riesig. Vielleicht kann nur ein Flüchtlingskind das ein wenig verstehen.

Bitte beachten Sie die Aktion www.blogger-fuer-fluechtlinge.de

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