Sonntag, 23. August 2015

"Ich sitz jetzt im Zug!"


In den letzten Wochen war ich viel im Zug unterwegs. Ich bin gefühlte zwei Dutzend Mal umgestiegen, von einem Zug in den anderen, und Hunderte Menschen stiegen mit mir um oder stiegen zu, während ich noch sitzen bleiben durfte. Mit Koffern, Taschen, Rucksäcken, Beuteln. Und kaum hatten sie ihren Platz eingenommen, holten gefühlte 90 Prozent der Zugestiegenen aus ihren Koffern, Taschen, Rucksäcken oder Beuteln ein Smartphone, tippten eine Nummer ein und begannen ihre Konversation mit dem Satz: "Ich sitz jetzt im Zug!"

Warum will jemand jemandem, den er vielleicht gerade erst verlassen hat oder in Kürze sehen wird, sofort und dringlich mitteilen, dass er im Zug sitzt? Ich brauchte zwei Haltestellen und zwei Äpfel aus meinem Proviant, bis ich begriff: Die teilen das nicht dem anderen mit, sondern sich selbst. Sie haben gerade entdeckt, dass sie Menschen auf der Schwelle sind.

In alten Häusern gab es die sichtbare hölzerne Schwelle, die Drinnen und Draußen trennte, die Haustür vom Garten, die Zimmertür vom Flur. Heute geht das Drinnen nahtlos über in das Draußen. Vor den Geschäften öffnen sich einladend gläserne Schiebetüren, sobald man ihnen zu nahe kommt, und die Häuser - vorbildlich rollstuhlgerecht eingerichtet - haben durchgehend Parkett. Keine Schwelle mehr, keine Trennung, kein Übergang von einem Raum in den anderen. Und somit kein Bewusstsein mehr dafür, dass unterschiedliche Räume unterschiedliche Empfindungen auslösen, von uns unterschiedliche Antworten, Handlungen oder Gesten verlangen. Beim Überschreiten jeder Schwelle müssten wir uns auf subtile Weise neu verorten; heute stolpern wir stattdessen unbemerkt in etwas Neues hinein, das wir, da wir auf Neues nicht vorbereitet waren, als leise bedrohlich empfinden.

Wer Zug fährt, ist nicht mehr dort, von wo er aufgebrochen ist, aber auch noch nicht dort, wo er hinwill. Nicht zufällig heißen die Dinger, über die der Zug fährt, Eisenbahnschwellen. Und weil Zugfahren ein so ungewöhnlich langer Aufenthalt im scheinbaren Niemandsland zwischen dem Nicht-Mehr und Noch-Nicht ist, kann einem schon mal der Gedanke kommen, dass die Schwelle vielleicht sogar grundsätzlich der Ort des Menschen ist. Ein Ort, der sowohl dem Hier als auch dem Dort angehört; ein Unterwegssein, das kein Ende hat und deshalb kein Ankommen kennt, oder besser: ein Ankommen, das kein Ziel braucht, weil wir immer schon angekommen sind. In diesem Moment, der schon nicht mehr der vorherige Moment ist. Auf dieser Schwelle. Hier, im Jetzt.

Solche Gedanken können einem schon kommen beim Zugfahren. Wie beruhigend, wenn man dann ein Smartphone aus seiner Tasche holen kann und jemanden hat, dem man erzählen kann: "Ich sitz jetzt im Zug!"

1 Kommentar:

  1. so fein. (und das möchte ich am liebsten unter jeden eintrag in diesem blog drunterschreiben, an dem ich gerade so viel freude habe.) danke von herzen

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