Montag, 1. Juni 2015

Der Mensch der Zukunft


"Seine Erfahrung des Göttlichen, das er vielleicht ganz anders nennen wird, falls er es überhaupt benennt, benötigt nicht mehr den Rahmen einer traditionellen Praxis. Seine Vorfahren widmeten sich noch stundenlangem Meditieren, Yogaübungen, Rezitationen und Gesängen, um ihr Alltagsbewusstsein zu überwinden und sich einzustimmen auf eine Wirklichkeit, die sie als anders empfanden, als jenseits dessen, was sie gewohnt waren. Was für sie noch Mühe und Arbeit bedeutete, ist der Frau und dem Mann der Zukunft selbstverständlich.

Alles, was sie wahrnehmen, wird sie etwas lehren.

Früher saßen Zen-Schüler mit schmerzhaft verknoteten Beinen auf Kissen in kalten Meditationshallen, zehn Stunden am Tag; der Mensch der Zukunft wird stattdessen in den Wald gehen, vielleicht an den Strand. Wahrscheinlich wird er mit Kindern leben, den großen Zen-Meistern. Vielleicht auch mit Hund oder Katze. So viele Lehrer, wie der Mensch der Zukunft haben wird, hätten die früheren Zen-Schüler sich gar nicht leisten können.

Die Laubbäume werden ihn das unablässige Werden und Vergehen lehren, die Katzen die vibrierende Aufmerksamkeit, der Schnee wird seinen Tagesplan auf den Kopf stellen, die Rockmusik des Nachbarn seine Gelassenheit prüfen. Er wird viel von den Dichtern lernen; im Grunde wird er selbst ein Dichter sein, und sein Gedicht ist sein eigenes Leben. Er wird ein Kunstwerk betrachten und sich selbst begegnen, seinen Träumen oder Ängsten und seinen ungelebten Möglichkeiten. Und wenn er das Glück hat, eine nahestehende Person beim Sterben begleiten zu dürfen, wird er etwas erfahren, das vielleicht sein Leben verändert.

Ich werde diese Zeit nicht mehr erleben, aber sie wird kommen."

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30732-4)

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