Dienstag, 12. Mai 2015

Requiem für eine japanische Kirsche


Jedes Jahr in einer Nacht im April die lautlose Explosion, unbemerkt von uns Schlafenden, als hättest du allein sein wollen in dem für dich entscheidenden Moment. Zwar war an den Tagen zuvor schon zu sehen gewesen: Sie halten es nicht mehr aus in den engen Säckchen, die mit ihnen nicht mitgewachsen sind. Dennoch der Schock des Glücks am Morgen nach jener Nacht im April: Da waren sie wieder! Schäumende Petticoats, ein Gerüsche in subtilsten Nuancen von Rosa. Ein Rausch von Farbe für drei Tage. Dann krochen von den Rändern her braune papierene Säumchen hoch, bis die Blätter mit ihrem allgegenwärtigen Grün auch dich überrannten.

Sie haben dich gefällt.

Du seist sehr krank gewesen, sagten sie entschuldigend. Oh ja, du hättest noch lange weiterblühen können, obwohl dein Stamm am Vertrocknen und keine Stütze für dich mehr war. Du hättest Blüten in die Luft gesetzt, fast ohne Erdenschwere. Das wäre die äußerste Leichtigkeit gewesen. Ein Mehr an Nichts undenkbar.

In der Gartenstille jetzt manchmal das Geräusch deiner im Nachtwind sich bauschenden Petticoats.

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