Samstag, 25. April 2015

Niederschmetternde Erkenntnis an einem Frühlingsabend



"Am frühen Abend auf dem Balkon landet ein Pfauenauge auf meinem T-Shirt, entfaltet seine Flügel und beginnt auf dem gelben Jersey herumzutupfen. Vielleicht ist diese Farbe in einem Pfauenaugengen einprogrammiert als Blumenpollen und potenzielle Nahrungsspenderin. Ich atme flach. Keine Bewegung, der Gast soll seinen Irrtum nicht bemerken. Die Flügeldecken sind, ich sehe das zum ersten Mal, mit pudrigem Zimt bestreut; wenn ich ausatme, wird er zerstäuben. Das schillernde Auge auf jedem Flügel vibriert kaum merkbar. Der Gast tupft unermüdlich zwischen den Jerseymaschen herum. Bald wird er merken, dass ich keine Nahrung für ihn bin, dass ich ihm nichts anbieten kann als Gegengabe für die Schönheit seiner Flügeldecken. Ich bin ein nutzloses Wesen für einen Schmetterling; das ist in diesem Moment eine niederschmetternde Erkenntnis. Bevor ich aufgrund meiner Nutzlosigkeit verlassen werde, wedele ich mit dem Saum des T-Shirts, und der Falter steigt in den Abendhimmel."

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)

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