Freitag, 17. April 2015

Eine S-Bahn-Geschichte


Ein Samstag, 18 Uhr. Die S-Bahn vom Hauptbahnhof ins Umland ist voll mit Menschen, die in der Stadt eingekauft haben, Kindern mit gasgefüllten Luftballons, die der C & A verteilt hat, und Reisenden, die aus dem Osterurlaub kommen und große Koffer dabei haben. Die meisten müssen stehen. Ich sitze auf einem Platz am Gang. Auf dem Viererplatz jenseits des Ganges hat eine Mutter mit zwei etwa sechsjährigen Kindern Platz genommen. Das heißt, sie versucht noch, ihr umfangreiches Gepäck irgendwo unterzubringen, hauptsächlich prall gefüllte Rucksäcke. Vielleicht kommen sie von einer Bergtour. Aber jetzt fällt der Mutter ein, dass es nicht schlecht wäre, auch eine Fahrkarte zu lösen, besser noch drei Fahrkarten, und sie geht zum Ticketautomaten.

Der Automat jedoch will ihren 10-Euro-Schein nicht annehmen, deshalb kramt sie ihr Kleingeld zusammen und wirft die Münzen einzeln in den Schlitz. In der Zwischenzeit ist von hinten ein Ehepaar den Gang entlang gekommen. Sie entdecken zwei Kinder, drei Rucksäcke und zwei Stoffbeutel auf vier Plätzen, und die Frau schnauzt die Kinder an, sofort das Gepäck zu entfernen, weil sie sich dort hinsetzen wollen. Mann und Frau schieben energisch die Rucksäcke zu den jetzt eingequetschten Kindern hinüber und lassen sich auf den Sesseln nieder, sichtlich verärgert über den doch etwas schmalen Platz, den ihnen Gepäck und Kinder lassen. Der Mann mir gegenüber und ich rufen gleichzeitig, dass einer der Plätze von der Mutter besetzt sei, die hole gerade Fahrkarten.

Ohne Vorwarnung bricht die Wut aus. Die Frau tobt, es sei eine Unverschämtheit, Gepäck auf den Sesseln zu deponieren, um einen Platz freizuhalten. Der Mann auf dem Fensterplatz neben mir brüllt, die Frau habe völlig Recht, so ginge das nicht, die Welt sei voller Egoisten! Dabei fuchtelt er mit Arm und Hand in Richtung der Egoisten, streift meine Nase und mein Haar und bemerkt es gar nicht. Der Mann mir gegenüber will das Chaos beruhigen. Er steht auf und nimmt dem kleinen Jungen den großen Rucksack ab, um ihn ins Gepäckfach zu heben. In dem Moment kommt die Mutter zurück, bedankt sich und sagt, sie würde das Gepäck gleich versorgen, sie habe nur eben die Fahrkarten geholt.

Die Frau und der Mann neben mir brüllen gleichzeitig los. So könne man das auch darstellen! Das sei nur eine Ausrede! Eine Unverschämtheit, Gepäck auf den Sesseln zu lagern! Niemand nimmt mehr Rücksicht auf andere! schreit der Mann neben mir und fuchtelt wieder vor meinem Gesicht herum, bis ich ihm den Arm wegstoße. Der Mann des Paares steht widerwillig auf, um der Mutter Platz zu machen, seine Frau dreht der Familie demonstrativ den Rücken zu.

Deshalb entgeht ihr, dass die Mutter völlig entspannt und voller Freude ein Gespräch mit ihren Kindern beginnt, wobei sie dem Jungen, der neben ihr sitzt, sanft über den Rücken streicht, ganz sanft, unablässig. Es geht um Brote, die Oma mit dem falschen Belag belegt hat, und um ein Spiel, das man spielen will, wenn man zu Hause ist. Zärtlichkeit und Nähe, Behutsamkeit, Respekt füreinander und Aufmerksamkeit: Das hätte die Frau sehen können, wenn sie sich umgedreht hätte.

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