Dienstag, 30. Dezember 2014

Reisende in der Nacht


Search the Darkness

Sit with your friends, don't go back to sleep.
Don't sink like a fish to the bottom of the sea.
Surge like an ocean, don't scatter yourself like a storm.
Life's waters flow from darkness.
Search the darkness, don't run from it.
Night travelers are full of light, and you are too:
don't leave this companionship.
Be a wakeful candle in a golden dish,
don't slip into the dirt like quicksilver.
The moon appears for night travelers,
be watchful when the moon is full.

Rumi

Ich blicke zurück auf mein Jahr und sehe: Es war kein leichtes Jahr. Menschen, die ich kannte, sind gestorben, Freunde sind schwer krank, nette Nachbarn sind weggezogen und ich arbeitete (und arbeite noch immer) an meinem Manuskript über Tod und Sterben. Natürlich gab es auch Anfänge, denn wenn etwas zu Ende geht, beginnt im gleichen Moment etwas Neues. In jedem politisch korrekten Jahresrückblick würde jetzt das Neue gebührend besprochen und der Wunsch nach einem noch besseren Jahr 2015 formuliert werden. Aber ich bin nicht politisch korrekt und außerdem in der dunkelsten Zeit des Jahres geboren: genau in dem Moment, in dem alle Lichter erloschen sind und kein Mensch mehr Lust hat, irgendwas zu feiern. Das prägt. Deshalb will ich am Ende dieses Jahres mit dem Sufi-Dichter Rumi die Dunkelheit ehren.

Don't go back to sleep: Rumi will nicht, dass wir zurückfallen in den Schlaf; er ruft uns sogar auf, die Dunkelheit zu suchen. Aus spiritueller Sicht sind wir ja alle Träumer, welche die sichtbare Welt und mit ihr die eigene begrenzte Persönlichkeit für die Wahrheit des Lebens halten. Deshalb wird die Erfahrung der Erleuchtung im Zen - kensho oder satori - auch "Erwachen" genannt. Wer schläft, befindet sich in Dunkelheit; wir müssen sie also nicht extra suchen, sie ist sozusagen unser normaler Erlebenszustand. Als "dunkel" empfinden wir unsere Ängste, unsere Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, das Gefühl des Getrenntseins vom Ganzen und die zahllosen Verluste.

Rumi sagt nun etwas ganz Schönes: "Reisende in der Nacht sind voller Licht, und du bist es auch." Es ist ein kleines ruhiges Licht, das wir in uns haben; eines von der Art, die man im Scheinwerferlicht auf Bühnen und in greller Schaufensterbeleuchtung nicht wahrnehmen kann. Erst wenn wir uns mutig der Dunkelheit stellen (den Ängsten, der Verzweiflung, den Verlusten ...), sehen wir es. Unser eigenes Licht beleuchtet die Dunkelheit, die jetzt nicht mehr eine schwere, schwarze, scheinbar undurchdringliche Masse ist. Sie erweist sich als lebendig. Mit den Worten von Rumi: "Das Wasser des Lebens fließt aus der Dunkelheit".

Die Dunkelheit ist die Quelle der Kraft. Ich wünsche all meinen Weg-Gefährtinnen und Weg-Gefährten eine gute, sichere Reise durch das nächste Jahr. Und nicht vergessen: Be a wakeful candle in a golden dish. Sei eine Kerze in goldener Schale, die wacht in der Nacht: ein kleiner Leuchtturm für alle Reisenden, die ihr eigenes Licht noch nicht gefunden haben.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Heilige Nacht


(Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass ihnen in den kommenden heiligen Nächten ein klitzekleines Wunder begegnet. Vielleicht singt ein Unbekannter für Sie an einer Straßenecke ein Lied? Vielleicht schenkt ein Kind Ihnen einen Lebkuchen? Vielleicht läuft Ihnen eine kleine Katze zu? So beginnen die guten Geschichten, in der Literatur wie im Leben ...)

"Die Kirche hatte keine Heizung. Die Menschen saßen dicht gedrängt in ihren schmelzenden Mänteln und tropften vor sich hin. Ein erstaunlich guter Kirchenchor sang Es ist ein Ros entsprungen, ein schütterer Posaunenchor blies dazu. Der Ort hatte keine eigene Gemeinde, und der Pfarrer aus dem Nachbarort war etwas in Eile. Um zwei Uhr hatte er den Kindergottesdienst in einer anderen Pfarrei geleitet, in seiner eigenen Kirche würde er die Mitternachtsmette halten. Zwischendurch würde er wohl nach Hause eilen, um seine Familie zu bescheren. Er sprach davon, dass Jesus noch eine echte Familie hatte, während Familien heute häufig Patchworkfamilien seien. Er zitierte C. G. Jung und Freud, ich hatte nasse Füße, und die Frau neben mir in der Bank begann zu husten. Wir sangen alle O du fröhliche, der Posaunenchor blies dazu, und am Ausgang schüttelte der Pfarrer jedem die Hand und wünschte Frohe Weihnachten.

Es hatte aufgehört zu schneien. Ich wartete vor der Kirche, bis alle gegangen waren. Man hörte orgelnde Batterien, ein paar Autos wurden angeschoben. Das Hotel war mit Lichterketten behängt, alle Fenster waren erleuchtet; Weihnachten und Silvester sind auf dem Berg die beste Zeit für den Tourismus. Dort drinnen wurden jetzt Gänsebraten und Kalbsfilets aufgetragen, das Hotel war bekannt für seine Küche. Ich ging langsam aus dem Dorf hinaus, durch den unberührten Schnee. Im Sommer war ich hier durch Wiesen gelaufen, zwischen Kornblumen, Lupinen und Orchideen, die größer waren als ich. Es war absolut still. Jetzt sah ich auch den Himmel, den das Hotel mit seinem gleißenden Licht verdunkelt hatte. Er war sehr hoch. Sehr hoch und schwarz. Und die Sterne, die immer zahlreicher zu werden schienen, während ich schaute, sahen aus wie kleine Löcher, als hätten sich Motten am Himmel zu schaffen gemacht. Ich dachte: Hinter dem Himmel ist das Licht, das hätte der Pfarrer sagen sollen.

Er hätte von Verheißung sprechen müssen, von Gnade, vom Mysterium der Geburt. Er hätte Rilke zitieren sollen, Hölderlin, Eliot, er hätte seine Worte in Licht tauchen sollen und dann in die Luft werfen, damit sie leicht und frei werden und wir den Worten trauen können. Wenn ich mich für Psychologie und Soziologie interessiere, befriedige ich mein Interesse nicht in der Kirche. Ich will an diesem besonderen Ort vom ganz Anderen hören, vom Wunder einer Nacht, in dem etwas atemberaubend neu wurde. Ich will, dass er mir sagt, dass dieses Wunder ein Symbol ist und jederzeit wieder geschehen kann und geschieht. Hier, jetzt, in dir und mir. Und dass ich es erfahren kann, jederzeit selbst erfahren.

Ich sagte es mir also selbst. An einem Heiligen Abend am Rand eines Dorfes auf einem Berg im Schwarzwald, im Schnee unter dem durchlöcherten Himmel."

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag. Hier mehr über das Buch (klick).)

Donnerstag, 18. Dezember 2014

SWR 2: Hochsensibel. Highly sensitive. (2. Teil)


Machen Sie einen Bogen um Weihnachtsmärkte? Sind Menschen in großen Mengen für Sie unerträglich? Wird Ihnen von der Dauerberieselung durch Jingle Bells in Aufzügen und Kaufhäusern übel? Erahnen Sie die geheimsten Weihnachtswünsche Ihrer Lieben und tun Sie alles, sie zu erfüllen? Fühlen Sie sich höchstpersönlich schuldig, wenn sich der Familienfriede an Weihnachten nicht einstellen will? Und freuen Sie sich jetzt schon auf, sagen wir, 17 Uhr am 24. Dezember, wenn die Geschäfte geschlossen und die letzten Weihnachtsbäume nach Hause geschleppt sind und sich die große Stille über die Stadt senkt, diese Stille, in der Sie zu sich kommen und endlich wieder atmen können? Die Stille ist Ihr Lebenselixier? Dann sind Sie vielleicht hochsensibel.

Mein Post zum Thema Hochsensibilität rief ein großes Echo hervor. Das Feature "Reizüberflutet - Hochsensible und ihr Alltag", das im SWR gesendet wurde, ist zu meiner Verwunderung das beliebteste und meist gehörte all meiner Features. Hier ist noch einmal der Link zum Anhören der Sendung. Im Video spricht Elaine Aron, die ich auch für mein Feature interviewt habe, darüber, wie man Hochsensibilität erkennt.

To my readers in the US and Asia I recommend the work of Elaine Aron, American psychologist and researcher of high sensitivity. The video above is in English and a short introduction to this special trait. If you understand German you can hear my radio documentary on high sensitivity which was broadcasted by the German radio station SWR. Just follow this link.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Auf den Schwingen des Windes zurück in diesen Augenblick


(Das Zurückkehren in den gegenwärtigen Augenblick ist die grundlegende Meditationsanweisung; man kann sie gar nicht oft genug hören. Jede Lehrerin, jeder Lehrer findet dafür eigene Formulierungen; hier ist die der amerikanischen buddhistischen Nonne Pema Chödrön:)

"Wenn wir an Gedanken und Erinnerungen haften, hängen wir am Ungreifbaren. Wenn wir diese Phantome aber einfach berühren und wieder loslassen, können wir Raum entdecken, eine Lücke im Geschwätz, einen Schimmer des klaren Himmels. Damit nehmen wir unser Geburtsrecht in Anspruch. Wir treten das Erbe unserer eingeborenen Weisheit an, der überwältigenden Entfaltung ursprünglichen Reichtums, angeborener Offenheit, der ursprünglichen Weisheit selbst. Alles, was dann noch nötig ist, ist, unabgelenkt in der unmittelbaren Präsenz zu ruhen, im Hier und Jetzt. Und wenn wir von Gedanken, Wünschen, Erwartungen und Befürchtungen abgelenkt werden, kehren wir einfach wieder und immer wieder in den gegenwärtigen Augenblick zurück.

Hier sind wir. Wir werden davongetragen wie vom Winde verweht, und wie auf den Schwingen des Windes getragen, kehren wir wieder zurück. Wenn ein Gedanke zu Ende und der nächste noch nicht entstanden ist, können wir in dem sich auftuenden Raum ruhen. Wir üben die Rückkehr in das unveränderliche Herz des gegenwärtigen Augenblicks. Das ist die Quelle jedes Mitgefühls und aller Inspiration."

Pema Chödrön

Montag, 1. Dezember 2014

"In der Obhut meines Blicks"


Das Interview mit mir über Zen-Praxis und Achtsamkeit und die Bedeutung dieser Praxis für meine künstlerische Arbeit ist jetzt in voller Länge auf meiner Homepage zu finden: www.margrit-irgang.de

Auf das Bild auf der Startseite klicken, auf der zweiten Seite im Menu "Werk" wählen, dort "Zeitschriften".





Erschienen in "Buddhismus aktuell", Ausgabe 3/2014