Donnerstag, 27. November 2014

Tiziano Terzani: Vom Leben und Sterben

Wahrscheinlich kennen meine Blog-Leserinnen und -Leser diesen Autor schon, wenn auch vielleicht "nur" aus dem Film mit dem wunderbaren Bruno Ganz in der Hauptrolle. In dem Fall empfehle ich: Bitte die Bücher (noch einmal) lesen. Warum?

Tiziano Terzani war Auslandskorrespondent für Asien beim "Spiegel", Gesprächpartner aller Politiker von Rang, Kriegsreporter - ein erfolgreiches Leben, ein glänzendes Leben, ein Leben im Scheinwerferlicht. Aber irgendwann begann er sich zu fragen, ob das nun alles gewesen sein soll. Er nahm eine Auszeit, reiste privat durch Asien und interviewte Heiler und Schamanen, vorerst noch ganz der neugierige, aber skeptische Journalist. Diese Reisen hat er in "Fliegen ohne Flügel" beschrieben. Und dann kam der Bruch in seinem Leben: Er bekam Krebs. "Es ist der Zeitpunkt, da jeder Mensch das tun muss, was richtig ist, und nicht das, was opportun ist."

Was ist "richtig", wenn man eine ernste Krankheit hat? In "Noch eine Runde auf dem Karussell" beschreibt er seine Suche nach Heilung: In der knallharten Schulmedizin, die er irgendwann verlässt; in der Homöopathie, die ihm zu mehr Lebensqualität verhilft, im Ayurveda und bei allerlei obskuren Heilern in West und Ost. Irgendwann begreift er, dass Körper und Geist nicht getrennt sind, beschließt, sich um seinen Geist zu kümmern und landet im Himalaya, wo er Monate allein in einer Hütte lebt. Er findet, was er gesucht hat: den inneren Frieden und einen Einblick in die Ganzheit des Universums.

Nein, Terzani ist kein großer Meister; was er sagt, haben andere seit Tausenden Jahren besser gesagt. Er ist auch ziemlich meinungsfreudig und polarisiert gern. Und doch hat er in Italien eine riesige Fan-Gemeinde von vor allem jungen Menschen. Weil da jemand die Jagd nach Ruhm und Geld als sinnlos erkannt hat und daraus die Konsequenzen zog. Von seinen Kollegen belächelt und verachtet, völlig gleichgültig gegenüber den Urteilen der Welt, die über den "tiefen Fall" des einst so erfolgreichen Journalisten sprach, ging er auf seine eigene Sinnsuche. Der Krebs hat ihn letztendlich das Leben gekostet, aber sein Geist war stärker als der Krebs. Kurz vor seinem Tod zeichnete sein Sohn die letzten Gespräche mit seinem Vater auf; sie sind die Summe eines außergewöhnlichen Lebens, zu lesen in "Das Ende ist mein Anfang".

Per quelli che parlano italiano: qui si trova il sito ufficiale di Tiziano Terzani.

Freitag, 21. November 2014

Die stille Zeit


Als ich im Hochschwarzwald lebte, bekam ich einmal im November Besuch. Wir wollten essen gehen, fanden aber abends um Sieben kein einziges offenes Restaurant mehr. Im vierten Haus schließlich steckte die Besitzerin den Kopf zum Fenster hinaus und belehrte uns, dass im November nur mittags geöffnet sei, denn: „Jetzt ist die stille Zeit.“

Jetzt ist die stille Zeit. Zeit für Teetrinken und Kuchenbacken, für Pulloverstricken und Katzenstreicheln, für Bücherlesen und Musikhören. Und vielleicht bleibt zwischen den so beruhigend abstrakten Gedenktagen Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag etwas Zeit für das, was Lama Sogyal Rinpoche empfiehlt: "Warum nicht über den Tod nachdenken, wenn wir wirklich inspiriert sind, entspannt und bequem im Bett liegen, in Urlaub sind oder wenn wir gerade gute Musik hören?"

Warum fürchten wir uns davor, uns mit unserem eigenen unausweichlichen Tod zu befassen? Was würde geschehen, wenn wir es - gelassen und unbeschwert und doch mit vollem Ernst - einmal täten? Wir würden unsere Angst vor dem Tod verlieren und endlich begreifen, dass jeder Augenblick kostbar ist.

Jetzt ist die stille Zeit. Die beste Zeit, über diese Fragen nachzudenken.
 

Freitag, 14. November 2014

Der Schock der Schönheit: Kaii Higashiyama




Es war im Sommer 1983. Ich lebte in München, und um die Ecke von meiner Wohnung fand im Museum für Völkerkunde die Ausstellung eines japanischen Malers statt, von dem ich noch nie gehört hatte. Ich ging hin.

Mich traf die Schönheit der Bilder wie ein Schock.

Ich sah Landschaften – Bäume in Frühling und Herbst, Berge im Schnee, Wälder, Seen, Nacht und Nebel. Alles war vertraut und unvertraut zugleich, scheinbar bekannt und doch wie etwas, das zum ersten Mal von einem menschlichen Auge berührt wurde: Die Natur in den Bilder von Kaii Higashiyama ist ganz bei sich. Ein weißes Pferd tritt zwischen weißen Stämmen hervor, Ahornbäume glühen und sind reine Farbe, ein Tal verdämmert im Abendlicht und man erahnt einen See, ein Ufer und den Saum des Waldes.

Kaii Higashiyama (1908-1999) war einer der großen zeitgenössischen Maler Japans. Seine Bilder sind gleichzeitig traditionell japanisch und hochmodern. Sie sind auf wundersame Weise erträumt und deshalb wahr, ganz im Sinn der Zen-Meister, die sagen: Wenn du erwacht bist zur wahren Wirklichkeit, wirst du begreifen, dass das, was du für die Realität hieltest, nur ein Traum war

Sonntag, 9. November 2014

SWR 2: Die Weisheit der Ältesten


"In den indigenen Gesellschaften haben die Ältesten ihren Platz: Sie sitzen zusammen und halten Rat. In unserer Gesellschaft hat sich die Lebenszeit enorm verlängert, aber uns fehlt das erweiterte Bewusstsein, das mit ihr Schritt halten könnte. Wir haben mehr alte Menschen als je zuvor, und wir haben einen Planeten, der krank ist und versucht, sich selbst zu heilen. Sehen Sie, warum Älteste heute so dringend gebraucht werden? Aber man wird nicht einfach so nebenbei ein Ältester. Niemand kann das für Sie erledigen - keine Mutter, kein Lehrer, kein Rabbi, kein Priester. Sie müssen diese Arbeit selbst tun."      

 Rabbi Zalman Schachter

Die alten Weisen in den europäischen Märchen erscheinen oft in Gestalt eines Kräuterweibleins oder eines verhutzelten Männchens. Sie leben im Wald oder auf dem Berg, sind also nicht Teil der menschlichen Verwicklungen - und gerade deshalb in der Lage, die Situation zu durchschauen und klugen Rat zu geben. Sie sind auch nie die Hauptpersonen der Geschichten. Sie tauchen auf magische Weise genau dann auf, wenn sie gebraucht werden, und sind, wenn der Prinz endlich die Prinzessin in die Arme schließt, längst verschwunden.

Nur wer sein Ego zurücknimmt, kann Weisheit entwickeln, ein Ältester werden. Und was gehört noch alles dazu?

Ich erzähle es in meinem Feature "Die Weisheit der Ältesten", das ich vor zwei Jahren für SWR 2 Wissen gemacht habe. Mit der Entwicklungspsychologin Judith Glück, Professor Ulrich Rosin und dem Schamanen und Dichter Galsan Tschinag.  Hier können Sie die Sendung hören.

Dienstag, 4. November 2014

Geistige Freiheit


"Wenn du dein Hier und Jetzt unerträglich findest und es dich unglücklich macht, dann gibt es drei Möglichkeiten: Verlasse die Situation, verändere sie oder akzeptiere sie ganz. Wenn du Verantwortung für dein Leben übernehmen willst, dann musst du eine dieser drei Möglichkeiten wählen, und du musst die Wahl jetzt treffen. Dann nimm alle Konsequenzen an. Keine Ausreden. Keine Negativität. Keine psychische Verschmutzung. Halte deinen inneren Raum sauber."

Eckhart Tolle

Das klingt für Menschen, die keine Meditationserfahrung haben, im ersten Moment etwas streng, nicht wahr? Tatsächlich ist diese Praxisanweisung der Weg in die innere Freiheit. Was tun wir im Allgemeinen, wenn wir uns in einer unangenehmen Situation befinden? Wir jammern und klagen, beschweren uns (beim Partner, beim Nachbarn, beim Chef, beim Leben), versuchen uns auf tausend Arten Glück zu beschaffen oder ignorieren unser Gefühl, machen weiter wie zuvor und werden immer unglücklicher. 

Das Sitzen auf dem Kissen in der Meditation aber erlaubt keine Ausflucht. Wir sehen die Situation, wie sie ist: Job verloren, Partnerin lässt sich scheiden, Mutter ernsthaft krank. Leugnen und Jammern raubt uns die Kraft, eine kluge Antwort auf das zu finden, womit das Leben uns konfrontiert, und es gibt immer nur drei mögliche Antworten: die Situation verändern, sie voll und ganz akzeptieren oder aufstehen und gehen.

Das nennt Eckhart Tolle "den inneren Raum sauber halten". Ich nenne es geistige Freiheit. Ein Geist, der sich nicht mit unnötigen Gedanken belastet, hat eine große Weite und Klarheit. Wir brauchen dringend Menschen, die geistig frei sind, keine Vorurteile haben, Meinungen als veränderbar erkennen, Lügen durchschauen und Einsicht in komplexe Zusammenhänge haben.

Deshalb: Halte deinen inneren Raum sauber!