Samstag, 26. April 2014

Ein Frühlingsmorgen um halb fünf ...


... in einer Zeit der intensiven Beschäftigung mit dem Tod - der Text, den ich schreibe, handelt vom Tod, drei Bücher, die ich für den Rundfunk rezensiere, handeln vom Tod, Freunde und Freunde von Freunden sind schwer krank -, in dieser Zeit wache ich auf um halb fünf, und in die Morgenstille hinein ruft vom Waldrand her der Kuckuck.

Und ich denke nicht an den alten Kinderreim "Kuckuck, Kuckuck, sag mir doch, wie viele Jahre hab ich noch", ich schüttle auch den Geldbeutel nicht, weil mir die mir noch verbleibenden Jahre und das Geld schon lange egal sind.

Ich liege nur in der warmen Morgenfrühe - die Balkontür weit geöffnet, weil der Frühling im Breisgau schon fast ein Sommer ist - und denke: Frühling. Bald Sommer. Nachher Kaffee und Katzenbesuch.

Ein weiterer leuchtender Frühling für mich.

Wer sich ernsthaft mit dem Tod befasst, begreift: Alles ändert sich schnell. Am Leben zu sein ist nicht selbstverständlich.

Donnerstag, 24. April 2014

Der Dichter Zbigniew Herbert

Zbigniew Herbert (1924 - 1998) war einer der großen Dichter Polens. Seine Gedichte waren aus politischen Gründen unerwünscht - also ließ er sie 15 Jahre in der Schublade ruhen. In dieser Zeit müssen sie gereift sein. In äußerst präzisen Bildern erzählt er von Schmerz und seltenem Glück; die Empörung über politischen Druck und soziale Ungerechtigkeit brachten ihn in den Verdacht, ein "politischer Dichter" zu sein. Dazu sagte er das Einzige, was ein Dichter sagen kann:

"In Polen betrachten wir den Dichter als Propheten; er bildet nicht einfach die Realität ab. Der Dichter drückt die tiefsten Gefühle der Menschen aus. Die Sprache der Poesie ist eine andere als die der Politik. Poesie lebt länger als jede politische Krise. Der Dichter überblickt ein weites Gebiet und eine sehr lange Zeitspanne. Ein Partisan ist er nur, weil er ein Partisan der Wahrheit ist. Er äußert Zweifel und Unsicherheiten und stellt alles in Frage."

In meinem Lieblingsbuch von ihm "Herr Cogito" steht ein kurzes Prosastück über Katzen: "Sie kann beliebig sein - nur eben Katze - eine unverstandene Seele, keine, die über den Wassern in Nebelschwaden schwebt, sondern eine, die auf Pfaden der einsamen Weisen auf ihren vier weichen Tatzen wandelt."

Aber seine Gedichte sind sein Hauptwerk. Hier wird in poetischen Bildern gedacht, Denken und Dichten sind auf wunderbare Weise eins geworden: Gedanken gehn durch den Kopf / meint eine Redensart / die Redensart überschätzt / den Gedankenverkehr / die meisten / stehn reglos / mitten der öden Landschaft / der grauen Hügel / und dürren Bäume ...

Die Übersetzung des großen Übersetzers aus dem Polnischen Karl Dedecius erscheint mir makellos, obwohl ich nicht Polnisch spreche: Jeder Satz muss auch im Original, da bin ich sicher, genau so klingen.

Samstag, 19. April 2014

Achtsamkeit 2.0


Die Manager der IT-Branche in den USA haben das Thema Achtsamkeit entdeckt. Von mindfulness versprechen sich die Konzerne viel - bessere Konzentration ihrer Mitarbeiter, die deshalb bessere und besser verkäufliche Arbeit abliefern sollen. Da ich weiß, dass Achtsamkeits-Praxis wirkt, bin ich besorgt: Wird jetzt eine ehrenwerte, fast 2600 Jahre alte Praxis missbraucht für kommerzielle Zwecke?

Evan Williams, der Mitgründer von Twitter und einer der reichsten Männer der USA, hat vor einiger Zeit angefangen zu meditieren. Kürzlich - erzählte er auf einer Konferenz - fand er sich auf einem Spaziergang durch San Francisco wieder, in der Tasche sein ausgeschaltetes Smartphone. Mr. Williams, dessen Blick durch das Sitzen auf dem Kissen klarer geworden war, erkannte, dass dieser Gang durch die Stadt ihm ungeahnte Wahrnehmungen verschaffte: "Ich konnte mich umschauen und über allerlei nachdenken", sagte er. "Vor einem Jahr hätte das noch einen Strom von Ängsten in mir ausgelöst." Ein Konferenzteilnehmer fragte Evan Williams daraufhin, ob er vorhätte, das Experiment zu wiederholen. "Sicher nicht, denn das war keine Absicht", sagte Williams. "Der Akku meines Smartphones war kaputt."

Unsere allseits geliebte Suchmaschine Google hat für ihre Mitarbeiter einen 7-Wochen-Kurs namens "Search inside yourself" ausgeschrieben, in dem Achtsamkeit gelehrt wird. Der Kurs war innerhalb von 30 Sekunden ausgebucht. Aber weil es für Top-Manager unmöglich ist, auch nur zehn Minuten auf dem Kissen auszuhalten, gibt es inzwischen eine meditation app namens "Get some headspace", also etwa: "Mach deinen Kopf frei". Der Programmierer ist davon überzeugt, dass sie ein großer Erfolg wird: "Du kannst damit meditieren, ohne dich komisch zu fühlen", sagt er. "You just press 'play' and chill out." Du drückst einfach einen Knopf und entspannst.

Aber auch einen Knopf zu drücken, ist für Top-Top-Manager zu viel. Die ultimative Lösung für derart gestresste Meditierer fand der Chef des Google-Kurses Chade-Meng Tan: "Eigentlich", sagt er, "genügt ein einziger achtsamer Atemzug am Tag, um inneren Frieden zu finden."

Sie wissen nicht, dass im Buddhismus Achtsamkeit nur zusammen mit Ethik gelehrt wird. Achtsamkeit selbst ist ohne Inhalt, sie ist die reine Präsenz und das volle Gewahrsein im Augenblick. Erst die durch das Studium der Lehre gelernte und in vielen alltäglichen Herausforderungen vertiefte Ethik erschafft eine Ausrichtung, der Achtsamkeit dann zur Verwirklichung verhilft.

Achtsamkeit kann für alles missbraucht werden; das hat sich im 2. Weltkrieg gezeigt, als japanische Zen-Meister sich für den Krieg begeisterten. Twitter, Google, Apple und so weiter sind harmloser: Sie wollen die Mühe der eigenen Praxis nur an eine Maschine delegieren und haben das Wesen von Zeit nicht begriffen. Sie wollen einen kurzen Spaziergang und ein paar Atemzüge einzahlen auf ein Achtsamkeitskonto, von dem sie, wenn der Moment es erfordert, die entsprechende Menge abheben möchten. Aber es gibt nur diesen einen Augenblick, und diesen, und diesen. Und diesen einen Atemzug, und diesen, und diesen. Achtsamkeit kann nur hier und jetzt praktiziert werden. Immer wieder. Immer aufs Neue.

Wer sich dieser Praxis mit ganzem Herzen widmet, wird von ihr verändert. Und die innere Stille, der neue klare Blick und die tiefe Einsicht führen möglicherweise dazu, dass grenzenloses Wachstum und  Konsum nicht mehr attraktiv sind - und dann kommt dem hoch dotierten IT-Manager vielleicht die Idee, aus dem ganzen Wahnsinn auszusteigen ....

Samstag, 12. April 2014

Und wieder ein Wort zum Samstag


"The sensitivity to a fallen leaf and to the tall tree on a hill is far more important than all the passing of examinations and having a bright career. Those are not the whole of life. Life is like a vast river with a great volume of water without a beginning or an ending. We take out of that fast-running current a bucket of water and that confined water becomes our life. This is our everlasting sorrow."

Jiddu Krishnamurti

"Die sensible Wahrnehmung eines fallenden Blattes oder des Baums auf dem Hügel ist weit wichtiger, als Examen zu bestehen oder Karriere zu machen. Diese sind nicht das ganze Leben. Das Leben ist wie ein weiter Fluss mit einer großen Menge Wasser, ohne Anfang, ohne Ende. Aus dieser fließenden Strömung schöpfen wir einen Eimer Wasser, und diese begrenzte Wassermenge wird unser Leben. Das ist unser unendlicher Kummer."