Freitag, 21. November 2014

Die stille Zeit


Als ich im Hochschwarzwald lebte, bekam ich einmal im November Besuch. Wir wollten essen gehen, fanden aber abends um Sieben kein einziges offenes Restaurant mehr. Im vierten Haus schließlich steckte die Besitzerin den Kopf zum Fenster hinaus und belehrte uns, dass im November nur mittags geöffnet sei, denn: „Jetzt ist die stille Zeit.“

Jetzt ist die stille Zeit. Zeit für Teetrinken und Kuchenbacken, für Pulloverstricken und Katzenstreicheln, für Bücherlesen und Musikhören. Und vielleicht bleibt zwischen den so beruhigend abstrakten Gedenktagen Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag etwas Zeit für das, was Lama Sogyal Rinpoche empfiehlt: "Warum nicht über den Tod nachdenken, wenn wir wirklich inspiriert sind, entspannt und bequem im Bett liegen, in Urlaub sind oder wenn wir gerade gute Musik hören?"

Warum fürchten wir uns davor, uns mit unserem eigenen unausweichlichen Tod zu befassen? Was würde geschehen, wenn wir es - gelassen und unbeschwert und doch mit vollem Ernst - einmal täten? Wir würden unsere Angst vor dem Tod verlieren und endlich begreifen, dass jeder Augenblick kostbar ist.

Jetzt ist die stille Zeit. Die beste Zeit, über diese Fragen nachzudenken.
 
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