Freitag, 24. Oktober 2014


"Der Samurai Shosan Suzuki wurde im Jahr 1620 Mönch. Er verachtete jede Art Institution und trat nie in ein Kloster ein. Er sprach zu den einfachen Menschen, die keine hohe Bildung hatten, und tat es in einfachen Worten. 'Buddhismus', sagte er, 'ist keine abstrakte Lehre, sondern eine Lebensweise: für den Bauern ist es die Bauernweise, für den Handwerker die Handwerkerweise und für den Kaufmann die Kaufmannsweise.'

Jeden Morgen von etwa acht bis zwölf praktiziere ich Buddhismus. Mein Tempel hat 12 Quadratmeter, und wenn eine E-Mail hereinkommt, schlägt der Computer seine Glocke an. Über dem Dachfenster rasen die Wolken oder der Mond geht schlafen und die Sonne steht auf. Im Sommer schnarren die Frösche am Bach, ab und an fällt ein Storch im Sturzflug herunter und schnappt sich sein Essen auf Storchenweise.

Manchmal singe ich ein wenig; in einem Tempel muss es Gesang geben. Wandhoch im Hintergrund die Bände meiner ehrwürdigen Bibliothek. Die Tastatur ist meine Trommel, meine Finger schlagen sie an. Der rhythmische liebliche Klang der Schriftstellerweise ..."

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30732-4)
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