Samstag, 14. Juni 2014

Sommernacht


Ein warmer Sommertag geht über in eine warme Nacht. In meinem Viertel sitzen die Menschen in Gärten und auf Terrassen, erste Windlichter werden angezündet. Irgendwo muss ein Hund sein, er gibt einen Glückston von sich, ein gedämpftes Vorfreuden-Jaulen. Vielleicht kündigt sein Mensch einen Hundeknochen an oder schwenkt die Leine, und der Hund hält an diesem Sommerabend sein Leben als Vorstadthund für das beste aller Hundeleben. Auf einer hinter Apfelbäumen und Rhododendronbüschen verborgenen Terrasse beginnt eine Frau zu singen, in einem sicheren warmen Alt. Sie singt Am Brunnen vor dem Tore, und als sie die erste Strophe beendet hat, beginnt sie mit Hoch auf dem gelben Wagen. Sie singt, wie ein Vogel singt, ohne Anstrengung und Absicht, vielleicht sitzt sie sogar ganz allein auf ihrer Terrasse und singt für niemanden als für sich selbst und den Sommerabend und den Rhododendron. Auf der anderen Seite der Straße in der übernächsten Häuserzeile wieder der Klavierspieler, der fast schon ein Pianist ist, vielleicht sogar ein stadtbekannter; er spielt fehlerfrei etwas, das wie ein eiskalter Bach klingt, der über Bergsteine springt, unerschöpflich immer weiter springt und fließt. Hoch oben im gläsernen Blau der Mond, ein winziges helles Boot, und wenn ich lange und unverwandt hinaufsehe, beginnt es zu schaukeln.



(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)
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