Donnerstag, 5. Juni 2014

Das Nossendorf-Tagebuch des Hans-Jürgen Syberberg

Quelle: www.syberberg.de
Quelle: www.syberberg.de
Er hat umstrittene Filme und Theaterstücke gemacht, über Hitler, Winifred Wagner und Parsifal. Der Kunstauffassung von Hans-Jürgen Syberberg stand ich bislang, sagen wir: verhalten gegenüber. Das vielleicht letzte große Kunstprojekt des 78jährigen aber fasziniert und berührt mich.

1935 wurde er auf Gut Nossendorf in Vorpommern geboren. Sein Vater, der Gutsbesitzer, wurde 1947 enteignet. Nach dem Ende der DDR kaufte Syberberg das heruntergekommene Anwesen zurück, rekonstruierte und restaurierte, pflanzte Bäume, Rosen, legte alte Wege wieder an.

Das alles dokumentiert er in seinem Internet-Tagebuch mit durchaus kunstlosen Fotos von Blumen, Bäumen, Katzen, freigelegten Dachstühlen, Handwerkern, Gästen und Tischen, auf denen irdenes Geschirr steht, frisch gebackene Kuchen, Rotweinflaschen. Nichts ist fein oder gestylt, weder in Haus und Garten noch in diesem Tagebuch. Das Layout ist höchst leserunfreundlich, und doch klicken Tausende Menschen täglich den Blog an. Warum?

Die Zeitschrift "Die Zeit" vermutete, die Faszination läge in "Syberbergs Suche nach der verlorenen Zeit". Aber sucht er die wirklich? Ist er nicht zu sehr Künstler, um aus dem Vorhandenen etwas Anderes, Neues erschaffen zu wollen? Die Vergangenheit ist hier in der Gegenwart aufgehoben, und deshalb entsteht Fülle: Die Sehnsucht ist gestillt, und so wird das Früher zum künstlerischen Material von einer Tiefe, die alles, was krachend neu ist, nicht hat. Dieses Projekt ist eine Meditation über die Zeit, es spricht vom "Wieder", vom "Dennoch", aber auch vom "Noch". Allen Widerständen der Bürokratie zum Trotz steht dieser Tisch wieder unter dem Apfelbaum, und Syberberg darf das noch erleben, fotografieren, dokumentieren.

In einer der eingestreuten Sentenzen spricht er von Nossendorf als dem Ort "wo die Aufmerksamkeit dem Leben gilt". Die Aufmerksamkeit des Fotografen Syberberg gilt schlichtweg allem: den Blätterhaufen und Nebelmorgen, den Blüten und Gräsern, dem Lichteinfall zu jeder Tageszeit, dem Schnee und den sonnenglühenden Sommertagen. Diese kunstlosen Fotos beschwören das Glück des Augenblicks; ein gefährdetes und vergängliches Glück, so vergänglich wie das Licht und die Jahreszeiten. Und vielleicht macht gerade die Atmosphäre des prekären Glücks-Gleichgewichts die Faszination dieses Tagebuchs aus.
Hier ist der Link.
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